Drei nervige christliche Verhaltensweisen bei interreligiöser Begegnung

Ob bei Vorträgen zu jüdischen oder jüdisch-christlichen Themen, bei Gedenkveranstaltungen oder einfach im Büro: Manches passiert immer und immer wieder. Hier ist eine unvollständige Liste von Dingen, die ich von Christ_innen immer wieder höre.

  1. Die Schalom-Sagenden

Aufgrund meiner Arbeit im interreligiösen Dialog wissen Leute recht schnell, dass ich jüdisch bin. Das ist auch meist der Grund, wenn ich als Referentin angefragt werde. Manche Christ_innen reagieren darauf mit Begeisterungsstürmen über die hebräische Sprache. Dass ich als Wienerin, die nicht in die jüdische Privatschule, sondern auf ein öffentliches Gymnasium gegangen ist und deren Eltern Wurzeln in der Schweiz, Deutschland, Tschechien und Kroatien haben, aber sicher nicht in Israel, nicht Ivrit spreche, kommt in den Projektionen dieser Christ_innen nicht vor. Liebe Gojim: Wir Diasporajüd_innen begrüßen uns nicht mit Schalom, wir verabschieden uns nicht mit Lehitraot und wir wünschen uns nicht Leila tov. Das tun Israelis, deren Landessprache Ivrit ist. Hierzulande überhäufen wir einander nicht mit Friedensgrüßen in ausländischen Sprachen, sondern sagen „Hi“, „Guten Tag“, „Mach’s gut“ und dergleichen.

  1. Die Missionar_innen

Ja, es gibt sie noch. Erst letzte Woche hat mir eine Frau nach einem Vortrag zwei Stellen aus dem Tanach genannt, die für sie nur auf Jesus hininterpretierbar sind. Da hilft es nichts, wenn ich sage, dass das Christentum die ganze Ordnung der Bibel umgestellt hat, um die Propheten hinten zu haben, damit sie auf Jesus hindeuten. Mein Einwand, dass jede von uns mit ihrer eigenen Tradition und Hermeneutik an die Texte herangeht und es daher leichter hat, ihre eigenen Deutungen bestätigt zu finden, als sie zu widerlegen, verhallte ungehört. Nein, sie legte mir ans Herz, doch drüber nachzudenken. Liebe Christ_innen: Ihr meint es wahrscheinlich gut, weil euch Jesus so viel bedeutet und der Glaube an seine Messiasschaft euch hilft und ihr uns „helfen“ wollt. Lieb. Aber lasst uns bitte in Ruhe damit und akzeptiert uns so wie wir sind. Sowohl der Papst als auch die Evangelische Kirche in Österreich haben offiziell erklärt, dass Judenmission keinen Platz im christlichen Glauben hat. Soviel zu eurer Grundlage dazu. Aus meiner Sicht: Dass Jesus der Messias ist, erscheint mir unwahrscheinlich, mir geht es gut so, und ihr werdet das nicht ändern können. Aber erinnert euch, wie viele Christ_innen Jüd_innen zwangsmissioniert oder andernfalls getötet haben. Das ist eine tiefe Wunde, in der ihr herumstochert mit Sätzen wie „Denk mal drüber nach, dass eure heilige Schrift doch eigentlich nur auf unseren Glauben hinauslaufen kann“.

  1. Die „Wie gut, dass das Christentum alles überwunden hat, was jüdisch ist!“-Sagenden

Wieso, frage ich mich, geht eine Person zu einem Vortrag mit einem jüdischen Referenten, um nachher bei der Diskussion anzubringen: „Aber im Christentum ist die LIEBE das entscheidende! Und wenn man da die ganze Zeit über Gesetze diskutiert, da wird man ja in hundert Jahren nicht fertig!“ Liebe Gojim. Das Ziel ist nicht, fertig zu werden, sondern eine gute Lösung zu finden zwischen dem, was nach unserer Tradition unsere Gottesbeziehung konstituiert, und unserem gesunden Menschenverstand sowie unserem sich ständig wandelnden Umfeld. Außerdem haben wir Spaß daran, interessante Fragen zu finden und intellektuell-religiöse Gespräche zu führen. Nachzufragen ist bei uns kein Tabu, sondern erwünscht. Es freut mich, dass ihr Freude an eurer Religion habt, aber muss das auf unsere Kosten sein? So auf „Wie gut, dass wir nicht haben, was ihr habt“? Außerdem: Dass Christ_innen die Kaschrut nicht befolgen, liegt daran, dass Paulus FÜR DIE HEIDENCHRISTEN die jüdischen Vorschriften nicht als bindend gesehen hat, sondern nur den Glauben an Jesus als Messias. Nur weil der Anteil dieser Völkerchristen den judenchristlichen Anteil mit der Zeit überstiegen hat, hat sich die Nichteinhaltung einiger Teile der Torah als christliches Merkmal herauskristallisiert, nicht weil die Torah obsolet oder schlecht wäre. Wenn ihr wissen wollt, wo Jesus das mit der Nächstenliebe herhat, das ist ein zentrales jüdisches Gebot. Wer eine Torahrolle genau in der Mitte aufmacht, findet es dort geschrieben. Die jüdische Religion ist eine der Liebe, voll zärtlicher Ehemetaphern für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Ich liebe Gott auch, auch wenn er manchmal einen schrägen Humor hat und ich oft zu wenig für unsere Beziehung tue. Es wäre schön, wenn ihr eure Nächstenliebe daran zeigen könntet, euch mir nicht überlegen zu fühlen und mir das auch noch ins Gesicht zu sagen.