Geliebter Goj – Im Anfang

Es war Dezember und die Wiener Christkindlmärkte – über die derzeit übrigens ein Muslim die Oberhoheit hat – versprühten ihre von Jahr zu Jahr nostalgischer werdende Romantik. Vor nicht allzu langer Zeit war ich als jüdische Teilnehmerin zu einem Gesprächskreis bei meinem ehemaligen Arbeitgeber geladen gewesen; der Nachfolger meines Nachfolgers, Balthasar, servierte Tee und es stellte sich heraus, dass seine Familie in demselben tschechischen Ort lebt wie der tschechische Teil meiner Familie. Ab diesem Zeitpunkt schienen wir uns ständig über den Weg zu laufen. Ging ich in den Supermarkt, stand er auf einmal wie angewurzelt neben mir und stammelte, dass das wirklich nur ein Zufall sei. Wir trafen uns unbeabsichtigt in der Straßenbahn; mehrmals wurde er von seinem Chef in mein Büro geschickt und während ich an einem dunklen Dezemberabend auf der Uni versuchte, einem ehemaligen Studienkollegen aus dem Weg zu gehen, stieß ich – natürlich! – auf Balthasar.

Als er mich wieder überrumpelt ansah, keimte in mir der Verdacht, dass ich ihm gefallen könnte. Schlimmer noch – eine akute Nachgiebigkeit in meinen Knien schien darauf hinzudeuten, dass er mir ebenfalls gefallen könnte. Zu der Zeit hatte ich für Romanzen überhaupt keinen Kopf. Dennoch wies ich Balthasar nicht ab, als er mich fragte, ob er mich vielleicht nach der Vorlesung ein Stück begleiten könnte.

Ich habe eine Tradition, die bereits in meiner Kindheit begonnen hat: Jedes Jahr in der Adventszeit gehe ich auf den Christkindlmarkt am Rathausplatz und esse einen Nougatspargel. Das ist in eine Schokoladehülle gegossener Nougat in Form einer Spargelstange – eine abartige Kreation, die nur noch befremdlicher sein könnte, wenn tatsächlich Spargel drin wäre. Just für jenen Abend hatte ich mir die Erfüllung meines perversen Gelüsts vorgenommen. Und nun hatte ich mir einen christlichen Begleiter angelacht, der garantiert innerlich frohlocken würde, dass selbst eine Jüdin sich der glühweinseligen, bratapfelduftenden Vorweihnachtsstimmung nicht entziehen konnte. Ich durfte ihm auf keinen Fall erzählen, dass ein Punschstandpilgerzug den jährlichen Programmhöhepunkt des Vereins junger Freunde des Jüdischen Museums bildet.

Es war eigenartig, so zusammen durch die Menge zu gehen, sich zu unterhalten über Studium, Familie, Weihnachtstraditionen. Balthasar singt bei sich zuhause in Tschechien in einem Kirchenchor. Er verriet mir, dass er Christkindlmärkte nicht ausstehen kann. Im Gegenzug gestand ich ihm meine Nougatspargelneigung. Er sprach mich auf einen Tweet an, in dem ich mich beklagte, dass es nirgends jüdischen Weihnachtsbaumschmuck zu kaufen gibt. Vor lauter Nervosität fing ich nach dem Verzehr des spargelförmigen Undings an, lauthals das Schehechianu zu singen. Irgendwie schafften wir es zur Straßenbahnstation und verabschiedeten uns; ich dachte, Balthasar würde mich jetzt für komplett meschigge halten.

Wenig später bekam ich eine Mail von ihm, in der er mich fragte, ob wir uns vielleicht einmal auch außerhalb von Arbeit und Uni treffen könnten. Das war der Auftakt einer wunderschönen und von Momenten großer Komik durchzogenen christlich-jüdischen Beziehung.