Gebäudeneid

Im interreligiösen Dialog begegnen sich Menschen. Menschen haben Emotionen. Diese zu verschweigen hilft nichts. Lasst uns lieber drüber reden.

Als Jüdin in Österreich zu leben, bedeutet für mich auch, manchmal starke Gefühle von Wut und Neid zu haben. Eine alte Kirche ist für mich nicht nur ein herausragend schönes historisches Gebäude von großer religiöser Bedeutung für viele meiner Mitbürger_innen. Es ist auch ein Gebäude, das über Jahrhunderte hinweg stehengelassen wurde, während unsere Gebäude vernichtet wurden. Unsere mittelalterlichen Synagogen, unsere verkitschten romantischen Schils, unsere Zeugnisse polnischen oder türkischen, sefardischen oder aschkenasischen Lebens in Wien. Sie sind weg und mein Herz weint, wenn ich einmal in einem anderen Land die Gelegenheit bekomme, eine wirklich schöne alte Synagoge zu besuchen. Dann denke ich, wie schön es wäre, auch so etwas zu haben, und zwar mehrere, wie früher, nicht nur die Seitenstettengasse.

Die Wiener Universität, der ich in ein paar Monaten Treue geloben werde, wurde auch aus den Steinen der Synagoge am Judenplatz erbaut. Das Churhaus am Stephansplatz ist schön und alt; die polnische Schul ums Eck von meiner Arbeit steht nicht mehr. Am letzten Light of Hope Marsch erzählte ein Politiker tiefenbewegt, dass sein Vater direkt gegenüber der Linzer Synagoge gewohnt habe und ihm von dem schrecklichen Anblick des ausbrennenden Hauses erzählt habe. „Dieses Aas“, dachte ich, „hat also zugesehen, ohne einen Finger zu rühren.“

Manchmal werde ich auch wütend, wenn ich alte, eindeutig autochtone Österreicher_innen sehe. In meiner Wut verschwimmen sie zu einer einzigen Masse von übergroßen, weißgelockten, katholischen Menschen, ein Mob, den ich anbrüllen will: „Was hast du im Krieg gemacht? Und deine Eltern?“ Ich stelle mir wütend vor, wie sie in ihrer katholischen Unschuld nie zu „den Anderen“ gemacht oder als die „Fremden“ in ihrer Heimatstadt bezeichnet wurden. Die Wut kippt zu Faszination, wenn ich fantasiere, wie es wäre, ein Leben zu leben, in dem das Judentum keine Rolle spielt und man nichts darüber weiß. Es muss eigenartig sein, nicht jüdisch zu sein.