Geliebter Goj – Der Christbaum-Disput

Vor unserer ersten Weihnachtszeit als Paar tauchte ein unerwartetes Problem auf. Balthasar und ich kamen darauf zu sprechen, wie wir die Christbaumfrage handhaben würden. Ich versicherte ihm, dass ich mit Christbäumen aufgewachsen sei und sehr gerne auch mit ihm einen haben würde; ich hätte auch letztes Jahr schon damit begonnen, eigenen Christbaumschmuck zu kaufen. Beseelt zeigte ich ihm meine kleine Sammlung osteuropäisch-volkstümlich bemalter Pappmachésterne und -glocken.

Balthasar wurde etwas still und eine kleine Falte zeigte sich über seiner Nasenwurzel.

„Wir müssen sie aber nicht verwenden, wenn sie dir nicht gefallen“, sagte ich vorsichtig.

„Gut. Sie gefallen mir nicht.“, sagte Balthasar entschieden.

Verunsichert fragte ich ihn, wie denn bei ihm zuhause der Christbaum immer geschmückt werde.

„Also, auf keinen Fall rot oder golden. Das ist amerikanischer Kitsch“, sagte mein im Kommunismus aufgewachsener Freund. In mir zerbrachen mit leisem Klirren die Christbaumkugeln meiner Kindheit. „Und Strohsterne? Golden bemalte Nüsse?“

Ein gequälter Ausdruck machte sich auf Balthasars Gesicht breit.

„Kleine Holzfiguren aus dem Erzgebirge?“, versuchte ich es noch einmal. „Ich möchte keinen Christbaum in Lila oder Blau mit umweltschädlichem Lametta und Plastikzeug!“

„Aber wie macht ihr dann das mit der Beleuchtung?“, fragte mich Balthasar entgeistert.

„Was mit der Beleuchtung?“, gab ich zurück; mir schwante Unheil. „Wir hängen wunderbar duftende Bienenwachskerzen in den Baum und zünden sie am 24. am Abend an! Sag nicht, ihr benutzt diese scheußlichen Lichterketten?“

„Aber der Baum wird ja trocken! Wenn man die Kerzen nach Weihnachten noch einmal anzündet, fängt er Feuer!“

„Wieso, frage ich mich, sollte man nach dem 24. noch einmal Licht am Baum machen wollen?“

„Weil es schön ist!!!“

Skeptisch beäugten wir einander. Ich fragte mich, wie es für ihn war, mit einer Jüdin eine Auseinandersetzung über die Gestaltung des Christbaums zu haben.

„In Ordnung“, lenkte ich ein, „es ist mehr dein Fest als mein Fest.“

Wir einigten uns auf Weiß als Grundfarbe, auch wenn mich das an Jom Kippur[1] erinnern würde, und Balthasar gestand mir einen Magen David[2] als Christbaumspitze zu. Dafür erlaubte ich ihm eine energiesparende LED-Lichterkette unter der Voraussetzung, dass wir die Plastiklichter mit Reispapier umhüllen würden. Meine geliebten Bienenwachskerzen würden auf dem Adventskranz stehen dürfen, den wir zusätzlich zu unserer Channukkiah aufstellen würden. Die interreligiöse Harmonie war wiederhergestellt.

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[1] Jüdisches Versöhnungsfest; höchster Feiertag, der mit 25stündigem Fasten und 8-10stündigem Synagogenbesuch begangen wird. So ziemlich das genaue Gegenteil von Weihnachten.

[2] Davidstern, wörtlich „Schutzschild Davids“. Betonung auf der zweiten Silbe – MaGEN! Es handelt sich nicht um König Davids Verdauungstrakt.