Antisemit_innen, die glauben, keine zu sein – Teil I

Es gibt Begegnungen, die mich eine Woche lang nicht zur Ruhe kommen lassen, nach denen ich anfange zu weinen und verwirrt erst einmal analysieren muss, warum. Es sind die Begegnungen mit Personen, die selber glauben, dass sie gute Absichten haben, deren Sprachgebrauch und Äußerungen mich aber fassungslos machen. Sie lächeln und wollen in gutem Einvernehmen bleiben, während sie davor Wort um Wort in meine Seele gerammt haben. Ich bin so paralysiert, dass ich mitspiele und mich zu überzeugen versuche, dass das ja Personen sind, die es wenigstens gut meinen. Aber an den folgenden Weinkrämpfen und schlaflosen Nächten merke ich, was diese Begegnungen angerichtet haben.

Da war zum Beispiel der Vorfall mit der Kippa. Vor zwei Wochen kam eine alte Frau mit einer Kippa zu uns ins Büro und meinte, ihre Tochter habe die gefunden und ob wir versuchen könnten, sie an ihre Besitzer zurückzugeben. Wir haben alles versucht, was wir konnten. Eine Woche später kam eine etwas jüngere alte Dame her, ich habe sie reingebeten, und sie meinte, sie sei die Tochter und diejenige, die die Kippa gefunden habe. Sie wolle nicht, dass jemand traurig wegen der verlorenen Kippa sei; sie finde die jüdischen Kinder immer so lieb, wie sie zurechtgemacht auf der Straße herumlaufen würden. Ab da wurde es abartig.

„Aber wissen Sie“, fängt sie mit verschwörerischem Tonfall an, „Ich bin ja nicht antisemitisch erzogen worden“ [Insert Geschichte über rührend großzügigen jüdischen Arzt, der irgendwem in ihrer Familie irgendwann mal geholfen hat] „ABER es gibt schon Sachen, da kann man zwider werden. Wissen Sie, ich bin hier geboren“ – Ich warf ein „die Jüdinnen und Juden, die Sie meinen, auch!“ – „Aber manchmal, da fühl ich mich in meinem eigenen Land, naja…“ Sie erzählt mir eine Geschichte, wie sie zu Purim einen Juden auf der Straße belästigt hat, weil sie wissen wollte, wieso seine Kinder verkleidet sind. „Und der hat mir nicht geantwortet! In meinem eigenen Land!“ Ich versuche sie auf den Gedanken zu bringen, dass jeder Mensch mal einen schlechten Tag haben kann und außerdem ungern von Fremden auf der Straße angequatscht wird. Sie: „Naja, stimmt schon, die sind ja auch nur…“ [Was sie wohl meinte? „Menschen“?] Dann ging es zügig weiter Richtung Schoah („Die geben einem ständig die Schuld dran!“ „Wer?“ „Na die jüdische Gemeinde!“), man dürfe nicht so nachtragend sein, die armen Deutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Hier die Österreicher, dort die Juden. Ich habe mich noch nie so ausgegrenzt in meinem eigenen Land gefühlt. Als sie endlich gegangen ist, hat sie noch gesagt „Und nichts für ungut, ja?“. Was sie wohl damit gemeint hat?

Ich war fassungslos. Mit einem Schlag war mein Hiergeborensein weniger wert als ihres, mein Recht, nicht mit jedem sprechen zu wollen, der mich auf der Straße anredet, eine Unverschämtheit gegenüber den wahren Einwohner_innen Österreichs und die Wunde, an der meine Familie und meine Gemeinde laboriert, ein lästiges Gimmick, mit dem wir anderen Leuten ein Schuldgefühl machen. Bei all dem äußerte die Frau immer wieder, wie sehr sie das Judentum interessieren würde, aber die jüdische Gemeinde sei ja so verschlossen, dass man da kein Antworten bekäme, sie sei aber so wissbegierig, ob sie bei uns anfragen könne. Das Schuldgefühl leuchtete aus ihren Augen, konnte ihren Hass aber nicht überstrahlen.

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