Geliebter Goj – Die jiddische Mame und der Feminismus

Bald nachdem Balthasar und ich zusammengekommen waren, bemerkte ich, dass eine eigenartige Veränderung mit mir vorging. Nun sind eigenartige Veränderungen im Rausch der Verliebtheit an sich nichts Ungewöhnliches; die Wangen glühen, die Augen strahlen mehr als der Wald um Tschernobyl, und der_die Geliebte ist Gegenstand des ersten und des letzten Gedankens eines jeden Tages. Ich aber bemerkte, dass ich kochen muss, wenn ich liebe. Das Klischee der jiddischen Mame materialisierte sich jeden Freitagnachmittag in mir und veränderte mein Maß für die Quantität von Essen vollständig.

Ich muss an dieser Stelle eine allgemeine und eine spezifische Anmerkung machen. Die Allgemeine ist: Fast jedes jüdische Fest lässt sich zusammenfassen mit „Sie wollten uns töten, wir haben gesiegt, lasst uns essen!“. Essen hat einen enormen Stellenwert in der jüdischen Tradition, wohl, weil es häufig Mangelware war. Speisen sind Symbole: Die Eier das Symbol für das Volk Israel, das härter wird, je länger man es kocht; Karotten das Symbol für Reichtum, weil „Möhren“ auf Jiddisch so klingt wie „Mehren“; Die zwei Challot am Schabbat das Symbol für die doppelte Menge Manna, mit dem Gott die Israelit_innen in der Wüste ernährte und so weiter. Insbesondere durch das rituelle Seder-Essen zu Pessach und das ebenso bedeutungsschwangere Essen zum Neujahrsfest Rosch-ha-Schana[1] oder zu Schawuot[2] besteht im Judentum seit Jahrtausenden eine starke Verbindung zwischen Religion und Essen.

Die spezifische Anmerkung ist: Meine Ururgroßmutter betrieb eine Gastwirtschaft an der Tschechisch-Österreichisch-Slowakischen Grenze. Sie kochte tagein, tagaus, und als sie schwer krank wurde, ließ sie sich das Sofa in die Küche stellen und dirigierte von dort aus meine Urgroßmutter. Meine Mutter kocht immer sehr viel, sehr gut und sehr gesund und schafft es stets, Freitagabend Familie und Freunde zusammenzubringen und ein Essen auf den Tisch zu werken, in das man sich hineinlegen will.

Da ich im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit der Torah beschlossen habe, am Schabbat nicht mehr zu kochen, koche ich eben davor. Nun kam also zu dieser Planung noch ein gesunder, junger Mann, den ich obendrein liebte und der zum ersten Mal Schabbes bei mir verbringen würde.

Der Geist meiner Vormütter erfasste mich und drängte mich in die Küche. Nachdem ich zwei Challot und einen Strudel gebacken hatte, dachte ich, dass ein oder zwei frische Aufstriche nicht schaden könnten. Zwei Salate als Beilage fürs Mittagessen würden reichen müssen – oder doch nicht? Die Emanze in mir protestierte empört und warf mir vor, mich in Geschlechterrollen drängen zu lassen; aber für den Fall der Fälle stellte ich noch eine Suppe zu. Da fiel mir siedend heiß ein, wie gern Balthasar Süßes isst. Ich hatte keine Nachspeise vorbereitet! Ein Grießpudding mit Honig und Zimt rettete mich aus der Verlegenheit.

Kritisch stand ich schließlich vor einem Berg von Essen, der langsam auf Größe des Großglockners anzuschwellen begann. Würde es wirklich reichen? Noch eine klitzekleine Beilage? Gefüllte Eier? Als sich endlich der Tisch durchzubiegen begann, stellte sich langsam das befriedigende Gefühl ein, für meinen Liebsten ausreichend gesorgt und der Ehre der jüdischen Frauen Genüge getan zu haben. Meine innere Emanze versteckte sich hinter einem Stapel Bücher der Third-Wave-Frauenbewegung und schämte sich für mich.

Als Balthasar eintraf, machte er große Augen. Es stellte sich heraus, dass er es seit Jahren mit einem monatlichen Essensbudget von 80 Euro und einer strengen Brot-und-Joghurt-Diät gut ausgehalten hatte. Mir dämmerte, dass das christliche Ideal der Armut und Enthaltsamkeit zu der jüdischen Vorstellung von Oneg Schabbat, also dem Genießen des Schabbats, in einem diametralen Verhältnis stand. Von da an schaffte ich es, Freitag für Freitag weniger zu kochen. Mittlerweile bin ich auf Challot, Suppe und Hauptgericht (einteilig!) herunten. Wenn ich die Emanze in mir siegt, lasse ich sogar die Suppe weg. Balthasar scheint es nicht geschadet zu haben.

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[1] Mindestens Äpfel in Honig, um die Süße des neuen Jahres zu symbolisieren; aber es gibt auch noch etliche andere in Essen verpackte Botschaften.

[2] Zum „Wochenfest“ Schawuot isst man Milchiges, weil die Israeliten sich angeblich am Anfang unsicher waren mit den ganzen Speisegeboten und sich vegetarisch ernährten, bis sie das Einhalten der Kaschrut auf die Reihe bekamen.