Geliebter Goj – In der Kirche

Balthasar und ich waren jetzt schon einige Male zusammen in der Kirche. Ich wollte seine Leute kennenlernen, sein Umfeld ansehen, ihn beim Beten betrachten. Nachdem ich Theologie studiert habe, kenne ich den Ablauf des christlichen Gottesdienstes ein wenig. Er ist im Prinzip aufgebaut wie ein klassischer Aufsatz: Einleitung, Hauptteil, Schluss. Der Hauptteil ist dabei in viele Teile gegliedert. Was mir die Orientierung erschwert, ist, dass Balthasar nicht einfach Christ ist – er ist auch Tscheche. Bis jetzt waren wir noch kein einziges Mal in einer deutschsprachigen Messe; das einzige Mal, als ich mich an etwas anderem als der Körpersprache des Priesters und dem Geschehen im Altarraum orientieren konnte, war in Wales, als wir einen englischsprachigen Gottesdienst besuchten. Es stört mich aber nicht; ich erfreue mich an dem lieblichen Klang des Tschechischen und sehe es als gerechten Ausgleich dafür, dass Balthasar im hebräischen Synagogengottesdienst nichts versteht. Übrigens heißt „Gott“ auf Tschechisch „Bůh“, was man wie „Buch“ ausspricht. „Buchreligion“ ist also ein weißer Schimmel.

Der größte Triumph ist, wenn ich trotz der Sprachbarriere errate, wo wir gerade sind. Meist hänge ich aber meinen Gedanken nach; so versuche ich manchmal, mir eine der vielen starken, reschen jüdischen Frauen, die ich kenne, dabei vorzustellen, wie sie auf marianische Art zu Gott sagt: „Mir geschehe nach deinem Willen!“. Den folgenden Lachkrampf zu unterdrücken hält mich für ganze zehn Minuten beschäftigt.

Auch die Gymnastik, die Christ_innen beim Gebet verrichten, ist anders als die im jüdischen Gottesdienst. Kniebeugen kenne ich hauptsächlich aus dem Krav-Maga[1]-Training. Mir sind fast die Augen rausgefallen, als ich eine betagte tschechische Dame nach der anderen vor dem Altar diese nicht ganz einfache Kräftigungsübung formvollendet ausführen sah. Christsein hält die Beinmuskulatur fit – allein das ganze Knien und Wiederaufstehen! Schon Jesus legte großen Wert auf das Wiederaufstehen. Schokeln[2] ist dagegen maximal gut für Ausdauer und Balance.

Im christlichen Gottesdienst halte ich es so, dass ich weder hinknie noch aufstehe noch mit meinem nichtvorhandenen Tschechisch Hymnen auf Jesus mitsinge. Bislang habe ich zwar ein paar Blicke geerntet, aber die Leute waren überhaupt nicht unfreundlich. Balthasar hält mir die Hand, während ich den Gekreuzigten an der Wand anstarre, ein getöteter Jude unter unzähligen weiteren.

Seine Heimatkirche, in einer südmährischen Kleinstadt gelegen, ist wesentlich unterhaltsamer gestaltet als die modern-schlichte liberale Synagoge, in der ich aufgewachsen bin. Jedes Mal, wenn wir in die Kirche zum Heiligen Cyril und Method gehen, bestaune ich die Statuen. Meine Lieblingsstatue ist eine von Gott. Nicht nur, dass sie der Reiz des Verbotenen umgibt, weil sie so offensichtlich das biblische Bilderverbot außer Acht lässt. Sie posiert auch noch wie ein japanischer Tourist, mit zwei V-förmig ausgestreckten Fingern Richtung Himmel.

Dann mag ich auch noch die Marien- und weiblichen Heiligenstatuen. Schmachtend blicken sie zum Himmel auf, gehüllt in Gewänder, die kaum Haut herzeigen, die Haare züchtig mit einem Schleier bedeckt. Wenn ich sie sehe, muss ich immer ganz besonders an all die Österreicher_innen denken, die Probleme mit Kopftüchern haben. In Tschechien tragen nicht nur die Heiligenstatuen Kopftücher, sondern auch die ganz in traditioneller Tracht gekleideten Frauen. Ihre kunstvollen, roten oder weißen Kopfbedeckungen sind ihr ganzer Stolz.

Kirchenarchitektur verträgt sich leider nicht mit meinem ohnehin nicht vorhandenen Orientierungssinn. Will ich in das Hauptschiff, lande ich auf der Empore. Will ich zur Toilette, überrasche ich den Priester beim Umziehen in der Sakristei. Dabei bewahre ich so krampfhaft Haltung, dass Balthasar in seiner Gutherzigkeit annimmt, ich kenne mich schon so gut im Kirchengebäude aus, dass ich heute einfach mal den anderen Weg probieren will. Aber solange ich dort bleibe, wo er ist, kann mir nichts passieren.

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[1] Israelischer Selbstverteidigungssport.

[2] Rhythmische Vor- und Rückwärtsbewegung beim jüdischen Gebet, die konzentrierte Hingabe zeigt, jedoch auch die ohnehin natürliche Neigung des Gebetsschals, von der Schulter zu rutschen, befördert, was wiederum die konzentrierte Hingabe stört.

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