„Du musst dich für alles Jüdische interessieren, weil du jüdisch bist!“

Mehr nervige gojische Verhaltensweisen bei interreligiöser Begegnung

Oy, die Reaktionen, sobald Leute wissen, dass ich jüdisch bin. Spontan werfen sie ihre Assoziationen heraus. „Ich liiiiebe das Judentum!“ „Israel ist so schön, ich war schon x-Mal dort!“ – oder aber „Na, was ihr da unten mit den Palästinensern anstellt ist aber ganz schön arg.“ „Am Donnerstag gehe ich wieder Klezmertanzen!“ „Du hast sicher Buch XY von Buber gelesen.“ „Meine Vorfahren haben Juden versteckt!“ „Ich kenne da einen tollen jüdischen Witz…“Alles irgendwie verständliche Verbindungen zum Judentum. ABER. Nicht zu mir als Person. Ich bin Österreicherin, keine Israeli. Ich stelle gar nichts mit Palästinenser_innen an, außer wann immer ich in Österreich welche treffe mich genauso zu verhalten wie sich Leute gegenüber mir als Jüdin verhalten. Ich gebe es zu, ich bin einfach neugierig und habe ein latentes Schuldgefühl, weil viele meiner Volksgenoss_innen Netanyahu wählen. Aber das führt hier vom Thema weg. Klezmertanzen ist mir ein Gräuel, ich halte Klarinette auf Dauer nicht aus und tanze lieber Paar als Kreis. Nein, ich bin nicht so belesen. Ich probiere manchmal, Autor_innen einfach deswegen zu lesen, weil sie jüdisch sind, komme aber drauf, dass ich nicht zwangsläufig was mit ihren Büchern anfangen kann, bloß weil wir Am Jisrael sind. Wenn so viele Vorfahren Juden geholfen hätten wie Leute das behaupten, hätte es keine Schoah gegeben. Außerdem, was soll ich mit der Info, dankbar sein oder sauer, dass es nicht meine Urgroßonkel und -tanten waren, die gerettet wurden? Und ich bin die wohl schlechteste Witzeerzählerin der Welt. Worüber man mit mir gut reden könnte? Traditionelle Musik aus der Auvergne, aus Irland, Polen und Schweden. Folktanz. Malen, Zeichnen und Fotografieren. Computer – ich liebe Computer! GeekStuff. Politik, wenn ich Bock dazu hab. Terry Pratchetts Scheibenwelt. Aber sobald ich als Jüdin geoutet bin, geht es um Schoah, Familiengeschichte und alles oben Beschriebene. Nur als Beispiel, wie das läuft, wenn Judentum normal ist: Ich lerne in Galway beim Fortgehen eine Israeli kennen. Ich frage kurz, ob sie auch jüdisch ist, sie nickt und meint „So our mothers have the same religion. Great. How do you like the concert?“

Meiner Mutter geht es ähnlich. Sie hat beruflich ab und zu mit einem älteren Paar zu tun, das weiß, dass sie jüdisch ist. Letztens haben sie ihr ein antiquarisches Buch über irgendwelche jüdischen Sachen geschenkt, ich weiß schon nicht einmal mehr was, jedenfalls definitiv nichts wofür meine Mutter sich interessiert hätte. Sie erzählt mir von der Begegnung und dass sie dem Paar einen hässlichen Israelkalender zurückschenken wird, den sie bei anderer Gelegenheit aufgedrängt bekommen hat. Ich empfehle ihr, den beiden einen Katechismus zu schenken: „Schauen Sie bloß, was ich da in einem Antiquariat gefunden habe! Nein wie faszinierend, was man als Christ alles wissen muss!“

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