Geliebter Goj – Jüdische Gastfreundschaft

Einmal waren Balthasar und ich zusammen im Ausland in der Synagoge, in Wales. Meine Vorbereitungsversuche liefen nach einem vertrauten Muster ab: Ich schrieb eine E-Mail an die jüdische Gemeinde und bekam auch beim zweiten Nachfragen keine Antwort. Dennoch wollten wir es an jenem Freitagabend versuchen. Mit ausreichendem Zeitpolster näherten wir uns der Synagoge – ein wunderschönes ehemaliges Kirchengebäude in neoromanischem Stil. Auch dass unklar war, wie man wo reinkam, erinnerte mich sehr an die Abschreckungstaktik mancher unserer Wiener Synagogen – rein kommt nur, wer a) Bescheid weiß oder b) hartnäckig bleibt. Endlich lugte eine ältere Dame vorsichtig aus einem Metalltor hervor. „Can I help you?“

„Shabbat Shalom!“, rief ich ihr mit meinem freundlichsten Lächeln zu. Ich erklärte ihr die Situation, dass ich aus der Wiener Gemeinde komme, versucht habe, im Voraus Kontakt aufzunehmen, und wir gerne den Gottesdienst besuchen wollten. Dabei warf ich ihr beiläufig so viele jiddische und hebräische Wörter hin, dass keinerlei Zweifel an der Richtigkeit meiner Geschichte aufkommen konnten. Balthasar und ich wurden aufs Freundlichste empfangen und schon waren wir lebhaft damit beschäftigt, die Wiener und die Cardiffer Gemeinde miteinander zu vergleichen, uns über die jüdische Jugend die Haare zu raufen und zu beklagen, dass allerorts immer weniger Menschen ehrenamtlich arbeiten wollen. Wir bekamen heißen Tee und mir wurde die Ehre geschenkt, die Schabbatkerzen anzuzünden (es war eine liberale Synagoge, in der Frauen und Männer zusammen in einem Bereich beten).

Nicht nur das Gebäude war eine ehemalige Kirche. Die musikalische Begleitung bestand darin, dass ein ergrauter Mann sich an einer betagten Orgel abmühte. Noch vor dem Gottesdienst hatte ich mich vor Balthasar damit gebrüstet, dass wir Jüd_innen viel flotter und mit mehr Schmackes singen als Christ_innen und unsere Lieder echt mitreißend sind. Nun grinste er mir vielsagend zu, als die Orgel zu dem langsamsten und schwerfälligsten „Le Dor waDor“[1] anhob, das ich je in einer Synagoge gehört habe. Trotz des mangelnden musikalischen Schwungs waren die Leute erfüllt von echter Herzenswärme. Ein Mann mittleren Alters lud gleich zwei seiner Verwandten, die auch in der Synagoge waren, Balthasar und mich zu sich zum Schabbesessen ein. Es stellte sich heraus, dass er Ehrenkonsul der israelischen Botschaft in Wales war, aber auch ein Spielwarengeschäft führte. Er trug mir auf, die israelische Botschafterin in Wien herzlich zu grüßen, die einmal seine Chefin gewesen war. Bei ihm angekommen bekamen wir eine köstliche Grillmahlzeit; die Familie lachte und scherzte und war laut, obwohl am selben Vormittag ein Verwandter gestorben war und sie nebenbei damit beschäftigt waren, sein Begräbnis zu organisieren. Unter dem wachsamen Blick einer Armee von Gartenzwergen diskutierten wir den Brexit und die jüdische Gemeindepolitik. Zum Abschluss brachte uns der Gastgeber noch höchstpersönlich nach Hause. Balthasar war erfüllt von Neid angesichts unseres innerjüdischen Zusammenhalts; man braucht bloß jüdisch zu sein und aus einem anderen Land zu kommen und schon wird man in der Gemeinde aufs Herzlichste empfangen und königlich bewirtet. Als wir am nächsten Morgen in der Kirche waren, drückte uns der Pfarrer bloß zum Abschied die Hand. Da tat mir mein Freund kurz leid.

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[1] „Von Generation zu Generation“ – Ein Lied darüber, die Erzählung von der Güte Gottes von den Eltern an die Kinder weiterzugeben.