Gimme the Kitsch!

Mir ist klar, dass für praktizierende Christ_innen Weihnachtsramsch und Osterrummel kein authentischer Ausdruck der religiösen Bedeutung ihrer Feiertage sind. Aber die in glänzende Folie eingehüllten Schokoladennikoläuse und die bunt gefärbten Ostereier, die inflationär die Supermärkte schon Monate von dem eigentlichen Fest überfluten, sind auch Reviermarker des so genannten „christlichen Abendlandes“. Die Religion, die ja so ein integraler Bestandteil der Identität dieses Landes sein soll, wird öffentlich zelebriert und breitgetreten, während sich Supermarktketten und Einkaufshäuser nicht darum scheren, welche Feiertage eigentlich von den Österreicher_innen sonst noch eingehalten werden. Während mit personalisierten Gutscheinen, die von den bisherigen Einkäufen abhängen, um jede_n einzelne_n Kund_in individuell gekämpft wird, ist die feiertechnische Vielfalt der Minderheiten noch nicht als Konsumfaktor entdeckt worden.

Das mag für manche auch erleichternd sein. Feiertage sollen der Religion vorbehalten sein, meinen sie. Der orthodoxe Wiener Oberrabbiner Arie Folger sagte beispielsweise einmal, wenn Jüd_innen an den jüdischen Feiertagen nicht in die Synagoge gehen, sollen sie auch nicht frei bekommen. Aber ich sehne mich nach Kitsch. Ich will eine Latkes-Hütte neben dem Punschstand und Tiroler Bauernkrapfen neben Sufganjot. Butler’s schafft es, Merjungmänner als Christbaumdeko zu verkaufen, aber keinen einzigen Drejdel. Zu Weihnachten gehe ich immer auf Jagd nach channukkahdiken Dekoobjekten, aber mehr als sechszackige Sterne bei DEPOT und LIBRO gibt es in Mainstreamläden – vielleicht kann man sogar „Leitkulturläden“ sagen – einfach nicht. Just zu Purim kommt die Teeedition „Royal Senses“ mit Franzl und Sissi raus. Niemand denkt an Königin Esther.

Bevor jetzt jemand glaubt, dass Orthodoxe und generell Jüd_innen doch eh nicht in „normale“ [sic!] Supermärkte gehen: Das ist ein Blödsinn. Habe unseren Oberrebben neulich bei BIPA im Gespräch mit einem Chassiden angetroffen, eine Chabadniza bei Hofer (nur mit Diskonterpreisen lässt sich eine achtköpfige Familie ernähren) und natürlich gehen meine jüdischen Freund_innen und ich auch in diese Läden. Und so werden besonders die Advents-, Weihnachts- und Osterzeit zu Zeiten, in denen die fremde, die andere, die christliche Kultur landesweit hochgehalten und uns in Dekoartikel und Schokoladepapier verpackt unter die Nase gerieben wird. Unsere jüdische Kultur dagegen nicht.

Was tun? Umdeuten? Ich könnte jedes Mal, wenn ich im Supermarkt bin, die Angestellten fragen: „Entschuldigung, haben Sie Challe?“. Wenn der Praktikant mich dann ratlos drei Mal durch die Brotabteilung geführt hat, werde ich vor einem Korb mit Osterstriezel stehen bleiben und sagen: „Aber da ist sie ja! Und so groß!“

Lästig sein? „Ich lasse jeden Monat hundert Euro bei Ihnen. Ich fürchte aber, dass mir das nicht mehr möglich sein wird, wenn Sie es nicht schaffen, eine einzige Puriminsel neben dem langen Gang mit Ostersachen aufzustellen!“

All das läuft darauf hinaus, dass ich mir als Angehörige einer Minderheit meine Repräsentation in der Öffentlichkeit erarbeiten muss, weil die Mehrheit nicht an uns denkt.