Was so übel an Mission ist

Sowohl die katholische Kirche als auch viele evangelische Kirchen haben mittlerweile im Licht der Geschichte und der erneuerten Theologie beschlossen, den Vers Matthäus 28,19 („Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“) nicht mehr auf Jüd_innen anzuwenden. Das ist ein großer und guter Schritt, der aber nicht von allen begrüßt wird; ich habe selber schon einige Missionsversuche unbekehrt überstanden. Für die Christ_innen, die trotz des dogmatischen Charakters der Abkehr von der Judenmission nicht darauf verzichten möchten, möchte ich hier einige Gedanken dazu teilen.

Zeugnis ablegen ist das eine. Zu sagen: „Ich habe etwas entdeckt, und mir hat es geholfen“, das ist doch schön zu hören, es freut mich für die Person. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass es für alle anderen Menschen auch das Richtige sein muss, ist verkehrt. Religionen haben einen Wahrheitsanspruch, aber der Anspruch, den ein friedliches Zusammenleben stellt, ist die Reife, auch anderen ihre Wahrheit zu lassen.

Ja, es ist eine Herausforderung, zu sehen, dass Menschen unterschiedlich sind. Das Andere kann das Eigene nicht nur definieren und bestätigen, sondern bereits seine Existenz kann eine Anfrage an das Eigene stellen. Mit Unterschieden umgehen zu lernen ist Teil des persönlichen Reifungsprozesses. Eine positive Einstellung zu Mission aufrechtzuerhalten heißt dagegen auch, eine um sich greifende Gleichartigkeit fördern zu wollen.

Wenn eine Person mir deutlich zeigt, dass sie möchte, dass ich ihren Glauben annehme, ist das für mich ein Signal, dass so wie ich bin, ich für diese Person nicht in Ordnung bin. Ich darf nicht einfach sein, die ich bin, das glauben, was ich glaube, sondern ich kann optimiert werden, indem ich an Jesus als Christus glaube. Das tut mir weh.

Damit verbunden ist, dass mir die andere Person zeigt, dass sie sich mir überlegen fühlt: in der Erkenntnis des „wahren Glaubens“, in der Nächstenliebe, in der „richtigen“ Lesart – jetzt kommt’s – MEINER heiligen Schrift. Sie zeigt mir: Ich habe etwas verstanden, und du solltest auch dringend drüber nachdenken. Das mag für Christ_innen sogar gut klingen, wie eine liebevolle und umsichtige Art der Mission. Immerhin werde ich nicht unter Androhung von Verbrennen bei lebendigem Leibe gezwungen, mich taufen zu lassen. Aber nichts an dieser Einstellung ist liebevoll und umsichtig. Eine Person, die mich zu ihrer Religion bekehren will, gibt mir das Gefühl, weniger wert und nicht in Ordnung zu sein. Das ist keine Art, miteinander umzugehen.