Warum ich meine Arbeit verlasse

Seit ich ein Teenager war, wollte ich im interreligiösen Dialog arbeiten. Diesen Traum habe ich in verschiedenen Einrichtungen verwirklicht, zuletzt in einer guten, kreativen Position in einem soliden, spezialisierten Verein. Nach bald drei Jahren dort möchte ich aber aufhören.

Die Arbeit an sich ist sehr bereichernd, schön und sinnstiftend. Manches passt weniger, das jedoch beeinflusst werden kann. So habe ich die Arbeitslast, die sehr stark auf meine Stelle fokussiert war, aufgeteilt auf mehrere Teams und zahlreiche Ehrenamtliche; dazu kommt die Routine. Es ist zwar nicht einfach, mit 20 Wochenstunden eine Unmenge an Dingen im Kopf zu behalten, aber machbar.

Veränderbar ist auch zu einem Teil, mit wem man zusammenarbeitet und mit wem nicht. Auch die Belastung, die durch zu häufiges Anwesendsein bei diversen Veranstaltungen entsteht, kann durch Fernbleiben gemildert werden.

Was jedoch nicht weggeht und auch nicht weggemacht werden kann, sind hauptsächlich zwei Dinge. Ich komme täglich in eine Bibliothek voller Bücher mit Titeln wie „Verloschene Gemeinden“, „Vergessene Spuren“, „Hitler I“ und „Hitler II“ neben „Hitlers willige Vollstrecker“. Täglich kommen Einladungen zu Gedenkveranstaltungen; sie einfach nur mit einem Klick zum Webkalender weiterzuleiten erscheint mir zunehmend unangemessen. Das Bewusstsein, wie viele ermordete, ausgelöschte Leben und Lieben hinter jeder einzelner dieser Einladungen stehen, wird immer stärker. Dazu kommen Veranstaltungen zu Gedenkkultur, Gedenkveranstaltungen, Sitzungen, in denen Menschen (Nichtjuden!) einander aus heiterem Himmel zu erzählen beginnen, was nicht noch alles schlimm an der Schoah war. Jetzt wäre eine Möglichkeit, sich eine dicke Haut zuzulegen. Aber das kann und will ich nicht. In einer Zeit, in der kaltblütig gut integrierte Familien abgeschoben werden, will ich keinesfalls aufhören zu fühlen.

Gedenkarbeit ist wichtig. Die Schoah spielt im christlich-jüdischen Dialog eine Rolle, im persönlichen Erleben wie im institutionellen Bereich. Aber ich gedenke lieber, indem ich mit meiner Familie über ihre Erlebnisse spreche, bete und Bücher von Jüd_innen lese, als permanent nebenbei Mails zu den Toten von Soundso zu lesen. Nicht jede Art der Auseinandersetzung ist für jede_n geeignet.

Die überwältigende Menge von Impulsen zu Schoah und Friedhöfen rauht mich zusehends auf, dazu kamen im letzten Semester sehr hässliche Begegnungen, die auch ihre Spuren hinterlassen haben. In dem, was ich arbeite, kann ich zukunftsorientiert an einer Zusammenarbeit der jüdischen und christlichen Gemeinde mitwirken. Das Umfeld der Arbeit aber ist erdrückend todeslastig.

Das Zweite, was sich vielleicht in der Breite der Gesellschaft, aber nicht in allen Einzelpersonen ändern lässt, sind die hässlichen Begegnungen. Im letzten Semester habe ich immer wieder Äußerungen gehört, die das Judentum gegenüber dem Christentum abgewertet haben, die die Schoah relativiert haben, die mein Dasein als Österreicherin entwertet haben und wo ich mir als Wienerin erstmals die Frage stellen musste, ob ich eigentlich „integriert“ bin. Mit so etwas bin ich nur durch die Arbeit konfrontiert – sonst schützt mich mein „nichtjüdisches“ Aussehen. Es lässt sich auch kaum verhindern, mit so etwas konfrontiert zu werden. Jedes Gespräch mit einer unbekannten möglichen Kooperationspartnerin, jedes Hingehen zu einem Vortrag mit öffentlichem Publikum können in so eine Richtung gehen. Mittlerweile hab ich schon fast Angst, wenn die Tür aufgeht und ein Fremder hereinkommt; der letzte Fremde wollte aber eh nur über Hebräisch und Friedhöfe sprechen. Ich habe das Gefühl, als Repräsentantin des Vereins auch nicht angemessen garstig reagieren zu dürfen (wobei es mir als Person auch einfach nicht liegt, Menschen anzuschreien). Eine nichtjüdische Person wäre bei schlimmen Äußerungen vielleicht weniger in der eigenen Identität verletzt.

Sowohl die Weitergabe von Informationen zu Gedenkveranstaltungen als auch die Auseinandersetzung mit den in der Gesellschaft vorhandenen Vorurteilen halte ich für ganz wichtige Punkte in der Arbeit. Aber mir sind sie in dieser Form zu viel. Ich habe alles getan, um das zu ändern was zu ändern war, und mit dem klarzukommen, was sich nicht ändern lässt; aber es wird zunehmend belastender. Daher werde ich aufhören.

Ich weiß noch nicht, welche Rolle der interreligiöse Dialog weiter in meinem beruflichen Leben spielen wird. In meiner Beziehung ist er da, alltäglich und oft sehr lustig. Mir stellen sich viele Fragen, insbesondere zu den Voraussetzungen und Motivationen, die Menschen für den interreligiösen Dialog haben, dazu, was Dialog ist und was er nicht ist, und was ein Dialogprozess eigentlich in Menschen auslöst. Aber ob und in welchem Setting ich mich (nicht) mit diesen Fragen beschäftigen werde, würde ich mir sehr genau überlegen.

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