Geliebter Goj – Chamez uMazzah

Blumenstrauß vor Matzot-Packungen.
Unser Pessachtisch mit Dinkel-Vollkorn-Mazzot (ich glaub das qualifiziert mich als Bobo). Selbergemachtes Foto, falls es verwendet wird bitte auf diesen Blog verweisen.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, sagte Balthasar melancholisch, als er die letzte Horalky-Waffel aus seinem Schokoladenglas nahm und in seine Tasche steckte. Es war wenige Tage vor dem ersten Pessach, das wir zusammenlebend feiern würden. Seit Tagen hatten wir nichts als restliches Brot, restliche Nudeln und restliche Schokoladenwaffeln gegessen.

Um die Pessachzeit verändert sich mein ganzer Bezug zum Essen. Ich sage nicht mehr „Brot“, „Knödel“ oder „Striezel“, alles fällt nur mehr unter „Chamez“. „Kannst du das Chamez in diesem Kasten noch aufessen?“ „Das sollten wir so knapp vor Pessach lieber nicht kaufen, das ist Chamez.“

Großzügig und interreligiös verständnisvoll wie Balthasar ist, hat er mir angeboten, mit mir gemeinsam Pessach zu halten; er würde zuhause kein Chamez haben oder essen. Dabei wäre es ganz praktisch, wenn ich orthodox wäre – dann hätte ich meinen eigenen Goj, dem ich mein Chamez über Pessach verkaufen kann. Wir teilen uns die Miete, also vermiete ich ihm quasi einen Teil der Wohnung. Wir könnten diesen Teil definieren als das Vorratskastl und einfach sämtliches Chamez dort verstauen. Problem gelöst! Allerdings haben viele Orthodoxe ohnehin was gegen interreligiöse Beziehungen. Wobei – wir sind nicht verheiratet, aber wir teilen Tisch und Bett, also vielleicht quasi schon. Hieße das, alles was ihm gehört, gehört auch mir? Vielleicht kann ich Balthasar doch mein Chamez nicht verkaufen. Ich muss einen Rabbiner fragen. Leider finde ich nicht wirklich einen Zugang zu dieser orthodoxen Vorstellungswelt, sie wirft viele interessante Fragen auf.

Das findet auch Balthasar. Er bereitet sich mit Hingabe auf das erste Pessach seines Lebens vor. Seit Wochen liest er die Aussendungen der verschiedenen Gemeinden zu Pessach, ob IKG, Chabad oder Bucharen. Er weiß, wie viel Gramm das Volumen einer Olive hat.[1] Er kennt den vorgeschriebenen Ablauf des Sederabends. Liebevoll erinnert er mich am dritten Pessachmorgen, dass mein tröstlich warmer Malzkaffee Chamez ist.

Noch ein wichtiger Aspekt kommt dieses Jahr hinzu. Ostern ist zu exakt derselben Zeit wie Pessach. Karfreitag ist Sederabend. Eine interreligiös-logistisch schwierig zu bewältigende Aufgabe, besteht doch das traditionelle Osteressen aus Chamez mit luftig-lockerem Chamez und dazu Chamez mit Aufstrich und Käse. Außerdem stellt sich die Frage, wer wann eine religiöse Feier hat. Und wir haben unseren ersten Jahrestag! Wochen vorher machen wir einen akribischen Plan:

  • Palmsonntag: Einladung von Freund_innen, vorverlegte Osterjause mit viel Chamez.
  • Gründonnerstag: Balthasar geht in die Kirche.
  • Karfreitag: Balthasar bereitet sich durch das christlich traditionelle Fasten auf den üppigen Sederabend vor. Zur Unterstützung von Buße und Kontemplation putzt er die Wohnung und entfernt dabei noch die letzten Chamezkrümel. Am Nachmittag geht Balthasar in die Kirche und kommt zum Sederabend nach Hause.
  • Sederabend! Meine kleine Nichte hat seit Monaten das Ma Nishtana geübt. Die Familie sitzt zusammen und singt.
  • Erev 2. Tag Pessach: Balthasar geht in die Osternachtsfeier. „Es ist keine Messe“, korrigiert er mich, als ich ihm eine schöne Messe wünsche.
  • Jahrestag: Unbeliebt machen in einem Restaurant, als ich sämtliches Chamez aus dem Menü abbestelle.

Geschafft! Jetzt nur noch fünf Tage Matzot en Masse essen.

[1] Die festgelegte Größe der Stücke der traditionellen Speisen, die man vom Sederteller nimmt – oder so. Wobei, hängt das Gewicht eines Volumens nicht von dessen spezifischer Dichte ab? Balthasar kennt sich da besser aus.