Meine Epic Fails im interreligiösen/interkulturellen Dialog – Teil I: Peinlichkeiten mit Palästinenser_innen

Oft schreibe ich darüber, was den Dialog mit nichtjüdischen Leuten (insbesondere Christ_innen) besonders nervig oder schwierig macht. Aber ich bin definitiv auch nicht frei von Fehlern. Hier sind einige Situationen, in denen ich dialogmäßig ziemlich versagt habe.

In einem früheren Beitrag habe ich erwähnt, dass ich mich Palästinenser_innen gegenüber in etwa so verhalte wie sich Leute mir als Jüdin gegenüber verhalten: Jemanden aus Palästina zu treffen ist etwas ganz besonderes für mich, ich spüre ein latentes Schuldgefühl und fange sofort an, mich für den Nahostkonflikt zu rechtfertigen. Das hat schon zu komischen Situationen geführt. Eine Zeit lang war ich auf Couchsurfing ziemlich aktiv und wollte auch Hangouts gleich ausprobieren, als es eingeführt wurde.[1] Ein Schotte auf Durchreise hatte an diesem Abend eine Einladung in ein Pub bei mir ums Eck online gestellt. Neugierig gesellte ich mich hinzu, wir redeten über Philosophie und Psychologie und als weitere Couchsurfer dazukamen mit ihnen über deren kulturelle Hintergründe und Reisen. Dann traf ein lebhafter junger Mann mit dunklem Lockenschopf ein. „Jamal“, stellte er sich vor und es stellte sich bald heraus, dass er Palästinenser war. Ich wurde rot bis zu den Haarwurzeln. „Ich bin Jüdin“, rutschte es mir heraus, bevor ich die Worte mit meiner Zunge festhalten konnte. Jamal nahm das relativ gelassen. Er stand nicht auf und ging, er verfluchte mich nicht, und er hielt mich auch nicht für eine Israeli, sondern begriff, dass ich österreichische Jüdin bin. Nachdem wir uns einen Abend lang über unsere Hoffnungen für Frieden, über Sport, Kochen und Bergsteigen ausgetauscht hatten und uns eigentlich recht sympathisch fanden, dachte ich: „Diese Begegnung muss weitergehen. Es muss möglich sein, dass ich mich als Jüdin weiter mit ihm treffe. Vielleicht entwickelt sich eine jüdisch-palästinensische Freundschaft.“. Ich weiß gar nicht mehr, ob er mich oder ich ihn um die Telefonnummer bat, jedenfalls waren wir sehr bald verabredet.

Als wir nur so zu zweit im Café Afro saßen, das er vorgeschlagen hatte, war mir zuerst etwas mulmig. Aber um der jüdisch-palästinensischen Friedensbestrebungen willen drückte ich mich nicht. Ich fragte Jamal aus über seine Kindheit und über das Leben in Palästina. Er fragte mich auch aus. Und aus irgendeinem Grund ging unser Gespräch immer weiter in die Richtung verflossener Lieben, und er begann mich zu fragen, ob ich eigentlich Kinder wollte und wie bald ich heiraten wolle. Mir begann etwas zu dämmern. „Jamal“, fragte ich vorsichtig, „ist das hier ein Date für dich?“

„Na klar, was denkst du denn?“

„Dass eine Jüdin und ein Palästinenser sich nicht nicht weiter treffen dürfen, wenn das mit dem Frieden im Nahen Osten was werden soll.“

„Oh.“

Wir sahen uns nicht mehr wieder. Jamal ist wirklich cool, ein Physiotherapeut, passionierter Bergsteiger und Koch, aber ich wollte damals keine Beziehung.

 

Ein anderes Mal habe ich mit einer muslimischen Kollegin ein Seminar für Jugendtrainer_innen gehalten. Es ging um Bräuche im Islam und Judentum. Das erste Mal haben wir uns auf dem Podium einer Veranstaltung über Kopfbedeckungen getroffen, wo das Publikum ziemlich schockierend auf sie losgegangen ist. Danach hat sie mich eben eingeladen, ein Seminar mit ihr zu halten. Zur Vorbereitung waren wir zusammen Kaffe trinken; wir waren auf der gleichen Wellenlänge, haben begeistert mit einander die drei Stunden vorbereitet und schließlich war es so weit: Wir saßen zu zweit vor einer Gruppe von ca. 20 in der Jugendarbeit tätigen Leuten.

Mitten in ihrem Input erwähnte sie auf einmal, dass sie Palästinenserin ist.

Unauffällig versuchte ich, meine runtergefallene Kinnlade vom Boden aufzuheben und das Wasser aufzuwischen, das ich aus meinem Glas verschüttet hatte. Das hatte sie nie erwähnt! Da sitzen wir Stunden zusammen und schreiben Mails und es war nicht relevant genug für sie zu sagen, dass sie aus Palästina kommt!

In der Pause musste ich unbedingt mit ihr darüber reden, es war wie ein innerer Zwang. Dabei war mir bewusst, dass es womöglich schon ein nerviges Thema für sie sein könnte. Ich meine, wer trifft eine Palästinenserin und redet nicht mit ihr über den Nahostkonflikt? Ich stellte meine Position klar, dass meine Solidarität denen gilt, die sich auf beiden Seiten gegen Gewalt einsetzen, dass ich Österreicherin bin und eigentlich wenig Bezug zu Israel habe. „Das ist mehr so das Thema meiner Mutter“, ziehe ich mich bei solchen Gelegenheiten gern aus der Affäre. Meine Kollegin hat es gelassen genommen. Es hat sie nicht gestört, darüber zu reden, auch sie hat sehr klar differenziert zwischen Jüd_innen an sich und der israelischen Regierung. Ich war dankbar für ihre Entspanntheit und es wurde noch ein erfolgreiches Seminar.

[1] Das ist eine App, mit der ich sehen kann, welche anderen Couchsurfer (= Leute, die Länder bereisen, indem sie bei Einheimischen auf der Couch schlafen und deren Leben für einige Zeit teilen) gerade in meiner Nähe sind und Lust haben, was zu unternehmen.

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