Jüdische Spuren entdecken

Jüdische Spuren Entdecken
Christin auf Spurensuche. Alle Bilder dieses Beitrags sind Eigentum von Davidssplitter und dürfen ohne vorher erteilte Erlaubnis nicht vervielfältigt oder verändert werden. In Deutsch: Ich hätte ganz gerne Kontrolle über das Werk meiner Hände, bittedanke;-)

Bei mir in der Arbeit gibt es eine Bücherwand, die voll ist mit Titeln wie „Verloschene Spuren“ oder „Jüdische Spuren in Soundso“. Regelmäßig werden Exkursionen und Veranstaltungen über jüdische Spuren hier und dort abgehalten. Als ich letztens eingeladen wurde, einen Vortrag zu „Jüdischen Spuren in den Evangelien“ zu halten, hat es mir gereicht. Was will man jüdische Spuren suchen in Texten, die teils von Juden über einen Juden und seine jüdischen Anhänger in Judäa geschrieben wurden? Wer jemandem da mit so einer Veranstaltung einen Splitter aus dem Auge ziehen will, hat selber einen fetten Balken drin.

Überhaupt, was sind jüdische Spuren?

JüdischeSpuren
Jüdische Spuren

Spuren, das sind Dinge, die von Tieren hinterlassen werden, scheuen Tieren in Wald und Wiese. Man kann ihnen auf leisen Sohlen nachspüren, dem schlauen Fuchs in der Morgendämmerung auf die Fährte kommen.[1] Die Juden, die sind ja so eine verschlossene Gemeinschaft…ein Vorurteil, auf das ich immer wieder mit der Frage kontere: „Wie haben Sie denn bislang konkret versucht, einen Zugang zur jüdischen Community zu bekommen?“. Ich habe da das Vorurteil, dass Leute einfach Angst haben, es zu probieren. Erst heute hat mich jemand angerufen, weil er Kontakt zur jüdischen Gemeinde wollte wegen einer Veranstaltung. Ich habe ihm geraten, sich beim Generalsekretär zu melden. Dessen Nummer brauchte er nicht, es stand doch alles auf der Website, das wusste er. Hat sich bloß nicht getraut. Wer den IKG-Newsletter abonniert, wird bis zu vier Mal die Woche mit Information zur jüdischen Gemeinde überschwemmt. Die Hauptsynagoge bietet fast täglich Führungen an. In der liberalen Syngaoge kann man ohne Voranmeldung auch als Nichtjüd_in den Gottesdienst besuchen. Jedes Jahr gibt es einen Tag der Offenen Tür und ein öffentliches Festival der jüdischen Kultur mitten im Herzen von Wien. Es gibt mehrere Film- und Musikfestivals von Jüd_innen für alle. Was sollen wir noch machen um uns offen zu zeigen, in Unterhosen auf der Straße tanzen?

 

KohenSpuren
Spuren eines Kohen in Gebetshaltung
LevitischeSpuren
Levitische Spuren, besonders prägnant auf Jeanshosen

Spuren, das sind die letzten Überbleibsel einer ach so toten Zivilisation, winzig kleine Goldeinschlüsse im Lapislazuli der Gegenwart. Es ist unglaublich schmerzhaft für mich, hören zu müssen, wo es nicht noch überall Jüd_innen gab, und zu wissen, dass sie alle ermordet wurden oder im besten Fall fliehen konnten. In jedem dritten kleinen Kaff in Tschechien gibt es eine leerstehende Synagoge, die nicht mehr erfüllt wird vom Hall des Kaddisch. In der ländlich-idyllischen Steiermark wurden Kirchen auf Synagogen errichtet. Aber kleiner Hinweis nach Falco: Verdammt wir leben noch!

WoIsserDenn
Ja wo isser denn, der Jude?

Diese Floskel der „jüdischen Spuren“ macht mich auch deswegen so wütend, weil sie so still ist. Also, hier und dort, da gibt es so Spuren, die zeigen, dass es da früher mal was gegeben haben muss. Aber in den allermeisten Fällen ist „früher“ gerade Mal die Kindheit meiner Großmutter, es ist keine mythische Vorzeit. Und die Frage verblasst, wie diese Spuren zu Spuren geworden sind, anstatt heute noch lebendige Gemeinden mit all ihren Zores und Streitigkeiten, ihrem Lieben und Lachen zu sein. Man sieht, dass es da noch Spuren gibt, wo auch immer die herkommen mögen. Aber es braucht ein lautes, widerständiges Hinzeigen auf die Menschen und ihre Verhaltensweisen, die das Eigentliche zur Spur pulverisiert haben. Noch immer trägt ein guter Teil der österreichischen Bevölkerung so einen hysterischen Hass auf alles, das nicht in ihr germanisch-reines Bild von Österreich passt, in sich, dass Musliminnen als F***S*** beschimpft werden und es einen Vorschlag einer wichtigen politischen Persönlichkeit gibt, Asylwerber_innen in Lagern zu „konzentrieren“. Wer auf Spurensuche geht, trauert im besten Fall, weil er_sie sich ein Bild von der Lücke machen kann, die in unserer Gesellschaft offen klafft. Aber bei der Spurensuche bleiben Täter_innen unsichtbar.

 

[1] Entschuldigt, liebe Fuchsexpert_innen, wenn das jetzt gar nicht den Gewohnheiten des Fuchses entspricht. Es warat wegen der Metapher.