Patschi Handi Zam. Von Jüd_innen, Muslim_innen und dem Handgeben

Eine Erfahrung mache ich immer wieder, wenn mir im Kontext von interreligiösem Dialog Muslime (ja, hier sind nur Männer gemeint) begegnen: Sie strecken mir zur Begrüßung fast übereifrig die Hand entgegen. Es wirkt, als müssten sie zunächst einmal beweisen, dass sie hierher gehören, nach Österreich, die österreichischen Gebräuche kennen und Frauen selbstverständlich als Gegenüber auf Augenhöhe akzeptieren. Wenn ich diesen letzten Satz lese, bekomme ich Bauchweh und ich muss an meine Kindheit denken, als kein Mensch auf die Idee gekommen wäre, das Handgeben als Inbegriff christlich-westlicher Leitkultur zu verkaufen. Niemand hat mir in der Volksschule erklärt, dass es beim Handgeben um Respekt ginge, niemand hat das Handreichen erwähnt, als es um die Geschichte unseres Landes und unserer Stadt ging und auch als wir die Bundeshymne lernten, begrüßten wir uns hinterher nicht mit einem zünftigen Händedruck. Dass anscheinend all diese Bedeutungen inkludiert sind und man das Handgeben – anscheinend Bastion des „christlichen Abendlandes“ bzw. „unseres Österreichs“- mit glühendem Eifer zu verteidigen habe, habe ich zum ersten Mal gehört, als die Medien begannen, Muslimen das Nichthandgeben zur Last zu legen.

Die kleinen muslimischen Buben respektieren die Lehrerin nicht, hieß es da, weil sie ihr nicht in die Augen schauen, stand geschrieben. Und der Papa gibt der Frau Lehrerin nicht mal die Hand, wie soll der Bub da Respekt lernen?

Ich weiß, dass ich da über ein auch feministisch kontrovers diskutiertes Thema schreibe. Natürlich will ich jede Hochachtung und jeden anständigen Umgang für mich, mit denen auch einem Mann begegnet wird. Ich bin aber nicht sicher, ob ich der Gleichung „Handgeben = Ausdruck des Respekts“ Glauben schenken kann. Aus meiner Perspektive sieht es so aus:

Zur österreichischen Kultur gehört auch die jüdische, und zur jüdischen Kultur auch die orthodoxe. Folglich ist auch die Orthodoxie ein Teil österreichischer Kultur und prägt ihre „Werte“.[1] Orthodoxe jüdische Männer geben Frauen nicht die Hand. Also gibt es sehr wohl einen Teil Österreichs, in dem Nichthandgeben die Normalität darstellt und dazugehört. So viel zum Handgeben als Inbegriff des Österreichertums.

Was den Respekt betrifft, glaube ich, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Der Wiener Oberrabbiner Arie Folger sagte dazu in einer Rede anlässlich eines Bürgerparlaments in der IKG: „Von der Halacha wird anerkannt, dass jeder körperliche Kontakt zärtlich sein kann.“ Es geht orthodoxen Juden darum, sexuell aufgeladene Berührungen zwischen Männern und Frauen zu vermeiden. Auch im Islam ist das Händeschütteln zwar für sehr viele kein Problem, wenn es jedoch vermieden wird, wird das als Schutz vor „Unzucht“ oder Ehebruch ausgelegt.[2]

Jetzt ließe sich natürlich vieles debattieren: Schadet es der gleichberechtigten Beziehung aller Geschlechter, wenn selbst ein Händedruck sexuell konnotiert wird? Was, wenn ich schwul bin, kann ich dann nur Frauen die Hand geben, Männern aber nicht? Was macht man als_mit intersex- und queere_n Person_en, Handgeben ja oder nein?

Stattdessen dreht sich der Diskurs um die Frage, ob es frauenverachtend ist, Frauen nicht die Hand zu geben. Weil es so eine orthodoxe Fragestellung ist, will ich hier das volle Zitat des Oberrabbiners anführen:

Von der Halacha wird anerkannt, dass jeder körperliche Kontakt zärtlich sein kann. Dennoch ist nicht alles, was sein kann, immer so. Daher danke ich allen Damen, die auf den Brauch zwischen den Geschlechtern keine Hände zu schütteln, Rücksicht nehmen. Der respektvolle Umgang miteinander bedeutet für mich auch, dass wenn mir eine Dame, die halachisch nicht so bewandert ist, die Hand reicht, ich diese auch erwidere. Und das tue ich seit eh und je.

Das habe ich selber erlebt, bei einer Sitzung, wo ich endlich einmal nicht die einzige Frau im Raum war. Gegenüber Juden und Muslimen halte ich mich zurück und warte ab, ob sie mir die Hand geben.[3] Meine Kollegin hat das nicht getan und dem Oberrabbiner herzlich die Hand entgegengestreckt. Er hat den Handschlag ohne mit der Wimper zu zucken erwidert, sich aber bei mir bedankt, als ich dennoch seine orthodoxen Gepflogenheiten respektiert habe.

Und was ist jetzt meine ganz persönliche Meinung?

Je weniger ich von Männern angetatscht werde, desto besser. In meinem Job habe ich so viele Hände geschüttelt – welche mit Nagelpilz, welche mit zu festem Druck, welche, wo mir nicht klar war, welche Hintergedanken die Person hat. Irgendwann habe ich begonnen, Desinfektionsmittel mit mir herumzutragen, ist doch das Händeschütteln die Hauptursache für übertragene Keime und Krankheiten. In meinem Leben habe ich außerdem mit einigen Männern wirklich schlechte Erfahrungen gemacht. Das hat nicht dazu geführt, dass ich mich gerne und entspannt berühren lasse, nicht mal zur Begrüßung. Mich in orthodoxen jüdischen Kreisen zu bewegen heißt, eine Auszeit zu bekommen. Eine Auszeit davon, dass jeder Mann, den ich treffe, einen gesellschaftlich akzeptablen Grund serviert bekommt, mich zu berühren.

Gleichzeitig finde ich, dass die Debatte ums Handgeben massiv aufgebauscht und überbewertet wird. Das sehe ich auch in dem gestressten, proaktiven Handausstrecken, das ich bei vielen Muslimen beobachte. Wenn für die eine Person Respekt das eine bedeutet, und für die andere Person bedeutet Respekt etwas anderes, dann würden sie besser daran tun, darüber zu reden, wie sie sich ihres gegenseitigen Respekts vergewissern wollen. Ein einseitiges gesellschaftliches Dogma hilft da herzlich wenig.

 

[1] Der Wertbegriff ist schwammiger als ein koscheres Gummibärchen, das man über Nacht in ein Wasserglas gelegt hat. Ich benutze ihn hier nur, um den Diskurs zu karikieren.

[2] https://www.mein-islam-dein-islam.de/thema-detailansicht/news/hand-geben/

[3] Übrigens passiert mir das auch bei christlichen Geistlichen oder Mönchen. Ich sehe einen Habit und denke sofort: „Ah, religiös. Nicht Hand ausstrecken.“. Die darauf folgende körpersprachliche Stille ist so awkward, dass ich mich meist schnell wieder erinnere, dass das Handgeben bei Christen kein Thema ist.