Geliebter Goj – Schabbesgoj?

Zwei brennende Kerzen in Messingleuchtern
Das sind unsere am Flohmarkt erstandenen Schabbesleuchter. Copyright liegt bei mir.

Nachdem Balthasar und ich schon fast zwei Monate zusammenleben, bemerke ich, dass er sich gut an meine jüdische Art zu argumentieren angepasst hat.

Letztens hatten wir eine Diskussion darüber, wer am Schabbat was tun darf/will. Hier muss ich zunächst etwas ausholen. Am Schabbat ist Arbeit verboten. Es ist ein Ruhetag, um zu würdigen, dass Gott nach der Erschaffung der Welt einen Tag Pause gemacht hat. Er soll unser beschäftigtes Denken zu Gelassenheit und Ruhe führen. Nicht nur wir Jüd_innen sollen ruhen, sondern auch „dein Sohn, deine Tochter, deine Sklavin, dein Sklave, dein Vieh und dein Fremder, der in deinen Toren Wohnrecht hat.“, so beten wir es jeden Samstag. Tendenziell würde ich meinen christlichen Freund, der zu mir gezogen ist, als Fremden zählen, der in meinen Toren (auch wenn es jetzt unsere Tore sind) wohnt. Am liebsten wäre es mir, wenn auch er sich am Schabbat ausruhen würde, aber natürlich hat er einen freien Willen und eine andere Religion, die mit Arbeit am Samstag vollkommen einverstanden ist.

Die Rabbiner haben insbesondere 39 Arbeiten (Melachot) im biblischen Text festgemacht, die verboten sind. Hausarbeit ist nicht darunter. Als Feministin ist mir bewusst, dass Hausarbeit unbezahlte reproduktive Arbeit ist; darüber habe ich mich schon einmal mit einem Orthodoxen gestritten, der meinte, Hausarbeit habe keinen Mehrwert und sei daher keine Arbeit. Als feministische Jüdin tue ich am Schabbat jedenfalls bewusst nichts von dem, das die Gesellschaft erhält aber oft nicht einmal gesehen wird. Ich koche am Freitag vor und räume am Schabbes maximal die Teller ins Wohnzimmer und zurück in die Küche, aber nicht in den Geschirrspüler. Putzen ist so tabu wie Aufräumen.

Der Schabbat ist unser wichtigster und höchster Feiertag; er ist mit Freude feierlich zu begehen. Alles, was zur Freude oder Schönheit des Schabbat beiträgt („Oneg Schabbat“) soll getan werden, solange es nicht in Arbeit ausartet. Und hier hakt die Diskussion ein, die Balthasar und ich letzten Samstag geführt haben. Mit einem schuldbewussten Blick hebt er nach dem Mittagessen die Teller auf und fragt: „Darf ich sie in den Geschirrspüler stellen?“

„Du bist ein freier Mensch, du darfst tun, was du möchtest.“

„Ich meine nur, ich will nicht deinen Schabbat entweihen.“

„Das ist lieb. Ich mache das bloß nicht, weil ich für mich überlegt habe, dass das für mich die Grenze zur Arbeit überschreiten würde.“

„Aber was ist mit Oneg Schabbat?“

„So ein Teller stört doch nicht. Stört dich ein Teller?“

„Es sind zwei. Und das Geschirr vom Frühstück steht noch herum.“

„Aber in der Küche! Wir sind doch im Wohnzimmer. Du brauchst sie wirklich nicht einzuräumen.“

„Aber es trägt nicht zur Schönheit des Schabbat bei! Ich räume die Teller jetzt ein.“

Solange unsere unterschiedlichen Auffassungen zu Melachot und Oneg dazu beitragen, dass der Mann im Haus sich um das Geschirr kümmert und nicht ich, bin ich jedenfalls glücklich und zufrieden.