„Niemand streichelt dich.“ Ein Unterschied im Leben von Muslim_innen und Jüd_innen

Vor einiger Zeit bin ich mit einer muslimischen Freundin auf einen Tee zusammengesessen. Dabei hat sie mir ihr Leid geklagt über die vielen Nichtmuslim_innen, die sie schon aufgrund ihres Kopftuchs für eine Terroristin halten, erstaunt sind, wenn sie hören, dass sie Post-Doc auf einer renommierten deutschen Universität ist und ihr ganz generell ihre Projektionen aufdrücken. „Das ist die Realität“, seufzte sie, „Niemand streichelt dich.“

Nun, wir Jüd_innen haben genau das umgekehrte Problem. Alle wollen uns streicheln. Die Redner_innen bei Gedenkveranstaltungen wollen uns streicheln. Politiker_innen wollen uns streicheln, Himmel, sogar die FPÖ will uns streicheln. Zumindest oberflächlich ein Bisschen, sodass man sich nachher die Hände waschen und dabei ein munteres Lied aus dem Burschenschafterliederbuch pfeifen kann. Ich meine es ernst und wortwörtlich. Eine jüdische Freundin von mir hatte einen Neonazi in der Klasse, einen Skinhead und Springerstiefelträger. Als sie mit der Klasse nach Auschwitz gefahren sind, ist er heulend zusammengebrochen und wollte sie tatsächlich umarmen. Nachdem er jahrelang seinen Neonazischeiß abgezogen und sie verspottet hatte, wollte er sie jetzt ernsthaft streicheln.

Auch im christlich-jüdischen Dialog gibt es nicht nur die in wohlwollende Worte verpackte Umarmung bis zur Vereinnahmung und Auflösung, sondern auch tatsächlich den Pfarrer, der mir mit seiner Pranke die Schultern massiert, während er seiner Gemeinde verkündigt, dass EINE JÜDIN! heute Abend hier ist. Man wirft sich in die Arme und küsst eifrig Wangen, nur weil man sich von einer Konferenz kennt. „Erst wollten sie uns töten, jetzt wollen sie uns umarmen“, lautet das Urteil nicht weniger jüdischer Menschen, die dem Dialog bewusst ferner stehen.

Ist das besser, als gleich unter Terrorverdacht gesetzt zu werden?[1] Ich weiß es nicht. „Eine ungewollte Umarmung ist eine Vergewaltigung“, betonte jedenfalls in diesem Zusammenhang Ursula Rudnick, die Referentin für Kirche und Judentum der Lutherischen Kirche in Hannover.

 

[1] Wobei, es gibt ja auch noch den Nahostkonflikt, auf den man mitunter gleich angesprochen und auf die Seite der Bösen gestellt wird, außer man verneint eifrig seine Verbundenheit mit dem Staat Israel. Da hat man noch eine Chance, in der Vorstellung seines Gegenübers zum einem bösen Gewalttäter zu werden.

Ein Gedanke zu „„Niemand streichelt dich.“ Ein Unterschied im Leben von Muslim_innen und Jüd_innen“

  1. Sonst mögen Computer und ich uns eigentlich, aber das mit dem Feedback auf WordPress ist mir noch etwas schleierhaft. Also, ein Nutzer hat gesagt: „Hm…
    Ich hoffe, Sie fühlen sich von mir nicht zu sehr „umarmt“…“
    Und ich möchte hier antworten (und hoffen, dass er es liest): Nein, überhaupt nicht! Ich verstehe Ihre Likes als Wertschätzung und bin sehr dankbar dafür. Sie haben überhaupt nichts geschrieben, was das Judentum vereinnahmt oder mich als Person auf etwas beschränkt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.