Geliebter Goj – Ich habe heute leider keine Smicha für dich!

Wenn ich Zeit und Kraft zum Kämpfen hätte, gäbe es eine Sache in meiner Community, die ich versuchen würde zu ändern.

Meine Mutter und ich machten als ich elf war eine Reise nach Irland. Als wir einen Zwischenstopp bei einer englischen Rabbinerin einlegten, erzählte diese mir, dass ihr Mann vom Islam zum Judentum konvertiert sei, um ihr die Smicha[1] zu ermöglichen. Es wurde ihr nicht ermöglicht, in einer interreligiösen Beziehung zu leben und gleichzeitig als Rabbinerin arbeiten zu können.

Am progressiven Judentum liebe ich, dass LGBTIQQT*-Personen[2] keiner Diskriminierung ausgesetzt sind. Sie können selbstverständlich heiraten, es gibt in vielen Gemeinden einen Erev Pride Gottesdienst, Rabbiner_innen mit gleichgeschlechtlichen Partner_innen bekommen selbstverständlich die Smicha. Aber wenn ein_e Kandidat_in in einer interreligiösen Beziehung lebt, muss der_die Partner_in konvertieren, oder die beiden müssen sich trennen oder es gibt keine Smicha. Zumindest nicht am Leo Baeck College und soweit ich weiß auch nicht am Abraham Geiger Kolleg, den beiden Hauptausbildungsstätten für liberale Rabbiner_innen in Europa. Das hat mir erst letztens eine holländische Rabbinerin bestätigt. Sie meinte, das Argument wäre, dass schwule oder lesbische Personen sich ihre Vorliebe nicht aussuchen können, man aber sehr wohl schauen kann, eine_n jüdische_n Parter_in zu bekommen. Und in einer interreligiösen Beziehung sei man kein Vorbild für die Gemeinschaft.

Was soll das genau heißen? Dass die Beziehung meiner Rabbinerin das Vorbild für meine Beziehung sein soll? Wenn ich bisexuell bin und meine Rabbinerin lesbisch, heißt das, ich soll eher mit Frauen zusammen sein? Was ist mit geschiedenen Rabbiner_innen? Soll ich mich dann auch scheiden lassen? „As der Rebbe lacht, lachen ale Chassidim…“, so geht ein chassidisches Lied. Aber unterscheiden wir uns als liberale Jüd_innen nicht in so vielen Dingen von Chassiden? Warum nicht auch in diesem Punkt? Überhaupt: As der Rebbe trinkt, trinken ale Chassidim? As der Rebbe roicht, roichn ale Chassidim? Ich glaube nicht. Wenn jemand subjektiv etwas als schlecht erachtet, was der_die Rabbiner_in macht, muss er_sie das nicht nachmachen.

Ich kann doch als Rabbiner_in durchaus eine Beziehung führen, die anders ist als die Beziehungen in meiner Gemeinde. Jede Liebesbeziehung ist letztlich anders als jede andere. Obwohl, bei der Anzahl der gemischten Ehen ist es eher wahrscheinlich, dass ich da mit vielen Mitgliedern etwas gemeinsam haben werde und damit ein_e kompetentere_r Ansprechpartner_in bin.

Die große Sorge wegen der gemischtreligiösen Beziehungen ist die, dass sie das Judentum schwächen und die Kinder dadurch nicht jüdisch erzogen werden sollen.[3] Aber gerade das Leben als Rabbiner_in ist doch der Beweis dafür, dass ich auch in meiner interreligiösen Beziehung mein Judentum auslebe. Einen jüdischen Haushalt kann man auch in einer interreligiösen Beziehung führen, wirklich. Mein Freund und ich machen das so und viele andere Paare finden auch ihren Weg auf diese Weise.

Wenn jemand sich den_die Rabbiner_in unbedingt zum Vorbild nehmen möchte, dann kann sich das doch auch darauf beziehen, dass sie_er es schafft, eine liebevolle, dauerhafte Beziehung trotz sehr großer Unterschiede zu führen. Dass er_sie weise Lösungen findet und gut kommunizieren kann – was wichtige Bausteine für eine glückliche interreligiöse Beziehung sind.

Auch das Argument, dass man sich doch aussuchen kann, ob man eine_n nichtjüdische_n Partner_in hat, finde ich blöd. In Wiens kleiner Community bin ich irgendwie immer den falschen Juden über den Weg gelaufen. Erstens gibt es eine kleine Auswahl, zweitens muss bei dieser kleinen Auswahl a. die Chemie genauso wie die Lebenseinstellung stimmen, b. der Typ kein Arschloch sein (ja, es gibt auch jüdische Arschlöcher), c. er darf nicht schon verheiratet sein (was in meiner Erfahrung manche Männer nicht von einer wie auch immer gearteten Beziehung abhält, das geht dann Richtung Kategorie b), und d. man muss einander auch kennenlernen. Dass irgendwo in Österreich ein nach a, b und c passender Jude rumrennt, hilft mir nicht, wenn wir uns nicht begegnet sind. Es ist einfach wirklich nicht wahrscheinlich, dass all das zusammenkommt. Bei mir war es nicht so. Jetzt kann ich entweder einen internationalen Schadchen beauftragen, mir einen Ehemann aus Australien anzukarren. Oder ich kann mit dem liebsten, großzügigsten, geduldigsten, weisesten und anständigsten Mann zusammengehen, den ich kenne. Das ist halt ein Christ. Wieso soll es Rabbinatsstudent_innen da anders gehen?

Ich wünsche mir, dass in meiner Community da ein Umdenken stattfindet und zukünftige Rabbiner_innen keinen Beschränkungen in ihrer Partner_innenwahl unterworfen werden. Weiß jemand mehr über die Bestimmungen an verschiedenen Colleges? Gibt es vielleicht eines, wo die Partnersache egal ist? Ich freue mich auf eure Kommentare.[4]

 

[1] Berufung ins Rabbiner_innenamt

[2] LesbianGayBisexualTranssexualIntersexualQueerQuestioningTransgenderAlles was es sonst noch gibt

[3] Zur Frage von „Intermarriage“ gibt es in Amerika einige Studien, die herauszufinden versuchen, ob gemischtreligiöse Ehen gut oder schlecht für die jüdische Identität der Kinder sind. Folgender Artikel rät zur Vorsicht im Umgang mit den Studien und streicht heraus, dass es Unterstützung sowohl für Befürworter_innen als auch für Gegner_innen von interreligiösen Beziehungen gibt: http://www.pewresearch.org/fact-tank/2013/11/12/what-happens-when-jews-intermarry/

[4] Kommentare, die ich nicht lesen möchte, sind solche wie „Die Juden sind ja so rückständig, wie gut, dass wir Christen…“. Teile der Deutschen Evangelischen Kirche mögen sich hier selber an der Nase fassen. Eine evangelische Geistliche hat mir z.B. neulich gesagt, dass es eine Landeskirche gibt, wo Ehen mit Jüd_innen für die Pfarrer_innen ok sind, aber mit Muslim_innen nicht.

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