Interreligiöse Normalität Teil III: Bagels bei 1683

Mancherorts ist die Welt schon gut. Dort, wo es Platz für mehr als eine Religion gibt und wo niemand Angst hat, dass ihm ein Zacken aus der Krone bricht, wenn er auch an Minderheiten denkt. Ich nehme euch mit an ein paar Lieblingsorte, wo Menschen unterschiedlicher Religionen Raum füreinander gemacht haben. Heute erzähle ich euch von einem ganz besonderen Ausflug ins 1683. Nein, nicht das Jahr.

Das 1683 ist ein Bagelshop in der Währinger Straße 12. Bagels sind eine jüdische (Inter)Nationalspeise, insbesondere Lachsbagels sind berühmt.[1] Wenn nicht der Davidstern den Kampf um das Symbol des Staates Israel gewonnen hätte, gäbe es jetzt eine Fahne mit blauem Bagel drauf. Es war also logisch, dass die Young-Professionals-Gruppe meiner Gemeinde ein Treffen in diesem neu eröffneten Bagellokal veranstaltete. Da waren wir also, ein Tisch voller Jidn mit unserem jungen Rabbiner, und genossen Gespräch, Kaffee und Bagels. Fast alle hatten wir den als koscher angeschriebenen Bagel „Sobieski“ genommen, mehr aus Neugier denn aus Bedürfnis nach koscherem Essen. Gut war er, körnig, nussig, mit Textur.

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Bild: Bearbeitet, von Facebookseite von 1683

Ein rehäugiger Kellner mit dunklem Haar bediente uns hingebungsvoll. Als wir mit ihm ins Gespräch kamen, stellte sich heraus, dass er der Gründer des Geschäfts war. Seine Familie war türkisch-muslimisch. Er selber war in Deutschland großgeworden und hatte irgendwie eine Faszination für den Bagel als jüdisches Gebäck entwickelt – eine brennende Leidenschaft, die sich in einem halbstündigen Vortrag für uns äußerte. Mir fiel auf, dass er sogar einen Bartwirbel in der Form eines Bagels hatte. Er erzählte uns, dass der Bagel ein Produkt der Türkenbelagerung von Wien war.[2] Als Hommage an die große Rolle, die der Kringel in der jüdischen Welt spielt, wollte er mindestens eine Sorte koscher produzieren lassen. Dafür arbeitet er mit einer Bäckerei unter rabbinischer Aufsicht im zweiten Bezirk zusammen.

„Es kommen auch viele Juden hierher. Bist du vielleicht jüdisch?“, fragte er einen von uns.

„Aber ja. Er auch.“ „Ich auch!“ „Wir sind alle jüdisch.“ „Er ist unser Rabbiner!“

Dem Inhaber fiel die Kinnlade herunter. Eine weitere halbe Stunde fragte er unseren Rebben aus. „Sind die Bagels noch koscher, wenn ich sie ohne Handschuhe angreife?“ „Ist meine Küche koscher genug?“

Am Schluss erzählte er uns noch, dass sein nächstes Projekt sei, koschere Milch zum Kaffee anzubieten. Noch nie habe ich einen Menschen getroffen, der mit größerer Hingabe so etwas Alltägliches wie Kaffeetrinken und Bagelessen in seinen interreligiösen_interkulturellen Bezügen und Möglichkeiten wahrnimmt. Aus einer muslimischen Familie stammend möchte er ein Geschäft aufziehen, das attraktiv für jüdische Kundschaft ist. Er nimmt nicht einfach sein Lieblingsgebäck und verkauft es – er setzt sich mit dessen Entstehung und kulturgeschichtlicher Entwicklung auseinander und zollt denen Respekt, die ebenso wie er mit dem Bagel verbunden sind. Kol haKawod!

 

[1] Wenngleich ich als Vegetarierin nicht sagen kann, ob zu Recht.

[2] Wer die ganze Geschichte wissen möchte, lese http://www.stadtbekannt.at/1683-handmade-bagels-and-farmcoffee/.