Wer bestimmt die Themen im christlich-jüdischen Dialog?

„Dialogue is so christian-driven.“ (Dick Pruiksma)

Manchmal diskutiere ich mit Leuten die Frage, ob wir „christlich-jüdischer Dialog“ oder „jüdisch-christlicher Dialog“ sagen. Ich bin für Ersteres. Die Situation mag in anderen Ländern anders sein, aber hier in Österreich spricht vieles für diese Reihenfolge.

Da wäre einmal, dass die älteste ausschließlich auf christlich-jüdische Zusammenarbeit fokussierte Einrichtung, der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, aus der katholischen Initiative Pax Christi hervorgegangen ist. Im März 1956 beschloss dessen christlicher Vorstand, dass das „Judenproblem“ einen eigenen Arbeitsausschuss verdiene. Der christliche Gründer des Instituts für Judaistik in Wien, Kurt Schubert, gab mit einem Vortrag am 18. Oktober 1956 den Startschuss für die Gründung des Koordinierungsausschusses. Darin forderte er auch die Bildung eines gemischten Komitees, was bis heute in dieser Institution auch so ist. Dennoch war die Initiative christlich – ein historischer Grund, das „christlich“ auch an erster Stelle stehen zu lassen.

Ein weiterer Grund ist das Größenverhältnis der christlichen zur jüdischen Gemeinde. Wenn ich in einem Raum mit 100 Leuten die einzige Jüdin bin, sind wir prozentuell schon überrepräsentiert. Erst wenn ich auf einer riesigen Konferenz mit 1000 Leuten die einzige Jüdin wäre, würde das mit der Größe der jüdischen Gemeinde innerhalb der österreichischen Gesellschaft zusammenpassen. Ich wage zu behaupten, dass sich prozentuell mehr Jüd_innen am Dialog beteiligen als Christ_innen – IN YOUR FACE, alle die behaupten, wir wären so eine verschlossene Gemeinschaft. Dennoch zeigt sich das durch die enormen Größenunterschiede der Gruppen nicht. Daher sind Veranstaltungen oft in erster Linie christlich besucht und es gibt auch ein paar Jüd_innen. Noch ein Grund, „christlich“ zuerst zu reihen.

Das hat jedoch ziemlich drastische Konsequenzen.

Wer in der Mehrheit ist, hat meist die Macht. Das bedeutet nicht, dass ein böser Wille dahintersteckt – aber wenn Christ_innen Vorträge, Dialogsessions und Studienwochen planen, wählen sie natürlich Themen aus, die sie interessieren. Rabbinerin Tamara Benima meinte in einem Gespräch über christlich-jüdischen Dialog, dass sie einige Zeit lang die Aktivitäten eines Gesprächskreises beobachtet habe: „They have all these topics of ‚Afterlife‘, ‚Jesus‘, ‚Prophets‘ and so on. And Jews just don’t live like this.“ Auch wenn ich zu einem Vortrag eingeladen werde, hat dieser häufig etwas mit einer „jüdischen Perspektive“ auf Jesus, das Neue Testament, die christliche Verwendung des Tanach, Kopfbedeckungen, Einführung ins Judentum, jüdisches Leben heute etc. zu tun. Das sind Themen, aus denen sich Christ_innen etwas für ihre Religion oder ihr alltägliches Leben mitnehmen können. Als Jüdin interessiert mich eine Einführung in „Jüdisches Leben heute“ wenig, das ist mein Alltag. Jesus tangiert mein Leben nur insofern, als mein Freund zu ihm betet – was ich aber auch nur mitbekomme, falls ich ihn mal in die Kirche begleite. Kurz – es sind christliche Themen, die den christlich-jüdischen Dialog dominieren.

Was wäre eigentlich unsere Themen? Mein Eindruck von den gemeinsamen Sitzungen ist, dass die IKG hauptsächlich Sorgen hat: Sorge wegen Antisemitismus, Sorge wegen Israelhass und Sorge wegen missionarischer Tätigkeiten der sogenannten messianischen Juden. Wir werden vielleicht auch so auf Trab gehalten von der christlichen Manpower, die ein christliches Thema nach dem anderen aufs Tapet bringt, dass wir gar nicht so innehalten und nachdenken können, was unsere Themen wären. Ich träume von einer Vortragseinladung wo mir jemand sagt: „Lassen Sie uns einfach über die Dinge diskutieren, die Ihnen wichtig sind“. Gut funktioniert es, wenn wir unter uns sind, wie bei Limmud. Auch bei einer kleinen Tagung, wo ich im April war, hat es sich kurz ergeben, dass mehr Jüd_innen als Christ_innen am Tisch waren. Sofort haben wir über die Entwicklung der Gemeinden in unseren unterschiedlichen Ländern gesprochen, darüber, was uns am Dialog nervt und ob Jüd_innen eigentlich eine Zukunft in Europa haben. Die Christ_innen haben uns geduldig eine Ewigkeit lang zugehört, als es um vorhandene Jüd_innen versus Gemeindemitglieder versus zum Gottesdienst kommende Jüd_innen ging oder um Jewish Renewal versus Conservative.

Richtig jüdische Themen wären für mich Textstudium mit Rabbiner_innen, z.B. Midrasch oder Talmud lesen; Fragen nach der Zusammensetzung und Zukunft unserer Gemeinden; Fragen danach, wie wir uns eigentlich konkret die messianische Zeit vorstellen, wie Umweltschutz dazu beitragen wird und wie wir in Medien repräsentiert werden – nicht nur als anscheinend ständig zum Töten bereite Israelis, sondern auch wie in diesem wunderbaren Text von Don’t Degrade Debs, Darling. Wäre das überhaupt spannend für Christ_innen? Wären Christ_innen auch mal bereit, sich zu langweilen, dafür aber authentisches Jüdischsein zuzulassen? Liebe Jüd_innen, was wären eure Themen für Konferenzen, Dialogsessions und Vorträge?

6 Kommentare zu „Wer bestimmt die Themen im christlich-jüdischen Dialog?“

    1. Vielen Dank! Mein erster Gedanke bei deinem Kommentar war, dass ich mich dafür unterqualifiziert fühle, weil ich zu wenig weiß. Allerdings ist mir dann eingefallen, dass ich ja genau so was mache – mit Café Abraham Wien, wo ich im Planungsteam bin. Wir sind jüdische, christliche und muslimische Studierende, die gemeinsam Tanach, Neues Testament und Qur’an lesen. Einmal haben wir eine Einheit beim jüdischen Lernfestival Limmud gehalten und waren mit zwei jungen Israelis konfrontiert, die eben gemeint haben, wir alle in dem Raum wissen zu wenig und dürften gar nicht so unverfroren an diese Texte herangehen. Meine jüdische Kollegin und ich haben uns dagegen gewehrt: jede Perspektive ist wertvoll.

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      1. Ich weiß auch nicht viel. Die Texte, mit denen ich zu tun habe, sind viele Hundert Jahre alt. Und dennoch lese ich sie und denke darüber nach und schreibe davpn ind predige drüber mit grandioser Frechheit (Chuzpe!) als ob ich gemeint wäre. Und der Allmächtige lächelt darüber und lässt mich ab und zu mal etwas verstehen. So weit ich es sehen kann, sind sie genau darum geschrieben worden, dass Menschen für alle Zeit sich von diesem Feier entzünden lassen…

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  1. In Deutschland gibt es ein paar Profis, die genau dieses Feld beackern und GENAU diese Themen anbieten: Der jüdische Jesus, Einführung ins Judentum und all das. Die sind beliebt, weil sie »delivern«.
    Ich hatte das Glück, dass man mich einige Male eingeladen hat und gefragt hat, was für Themen ich präsentieren würde. Also gab es schonungslose – weil ungeschönte – Textarbeit: Jehudah und Tamar, Jonah. Jeweils aus der Perspektive der jüdischen Kommentare, die ja häufig wenig zimperlich sind. Das kommt nicht immer gut an, weil viele Menschen recht ehrfürchtig mit den Texten umgehen wollen. Was nicht gewollt ist, sind Fragen zur Sexualität, obwohl das für Erwachsene eigentlich von Interesse sein dürfte und eine gewisse praktische Relevanz hat. Die Diskussion auf Augenhöhe wäre interessant, weniger das Dozieren. Anfragen, bei denen es darum geht, einfach mal Juden anzuschauen, oder sich allgemein einführen zu lassen, schlage ich normalerweise aus.

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    1. Rav Benima hat auch diesen Schluss gezogen: Als sie gesehen hat, dass ihre Gemeindemitglieder zum Schabbes gerne unter sich wären, viele Christ_innen aber gerne einen Schabbat-Gottesdienst miterleben möchten, hat sie begonnen, separate Gottesdienste für Nichtjüd_innen anzubieten (sie bringt ihren eigenen Minjan mit). Ich habe sie gefragt, ob sie sich nicht benutzt fühlt, aber sie meinte, nein. Es kommt letztlich drauf an, ob man der_die Jüd_in zum Anfassen sein will und wo die persönliche Grenze liegt, wie du auch beschreibst. Mit Katholik_innen über Sexualität zu reden wäre sicherlich lustig – ich glaube, da habe ich auch einige Vorurteile und es wäre spannend zu wissen, ob sie begründet sind. Im November werde ich ein öffentliches Gespräch mit Martin Jäggle in seiner Kirchengemeinde haben und durfte mir das Thema aussuchen. Möchte mit den Katholik_innen über die Momente reden, wo man das Gefühl hat „Ja, jetzt werde ich umkehren und einem religiösen Weg folgen“ – und es dann doch nicht tut.

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