Interreligiöse Normalität Teil IV: Papiergrotte – Papier- und Bürozentrum

Mancherorts ist die Welt schon gut. Dort, wo es Platz für mehr als eine Religion gibt und wo niemand Angst hat, dass ihm ein Zacken aus der Krone bricht, wenn er auch an Minderheiten denkt. Ich nehme euch mit an ein paar Lieblingsorte, wo Menschen unterschiedlicher Religionen Raum füreinander gemacht haben. Heute geht es um fröhliche Anlässe und Glückwünsche, oder besser, um die Karten, durch die man Glückwünsche übermittelt.

Eine Zeit lang habe ich überlegt, einen jüdischen Laden für Papeterie, Partybedarf und Popkultur aufzumachen. Im englischsprachigen Raum gibt es dermaßen coole, lustige und stylishe jüdische Artikel, von bemalbaren Festtagstischunterlagen über Mousepads über Magen-David-Hundepullover bis hin zu Deko für den aus dem Christentum entlehnten Channukkahbusch. Es gibt jüdischen Rap, Fußball-Kippot und insbesondere Grußkarten zu jüdischen Anlässen, die richtig richtig schön sind. Nun, zumindest auf die Grußkarten braucht man in Wien jetzt nicht mehr zu verzichten. Nicht nur im koscheren Supermarkt Shefa gibt es sie zu kaufen, auch das bislang nicht religiös auffällig gewordene Papiergeschäft „Papiergrotte“ in der Taborstraße 8 hat seit einiger Zeit eine Erweiterung seines Sortiments:

Ständer mit jüdischen Glückwunschkarten neben Ständer mit nichtjüdischen Glückwunschkarten.
Selbergemachtes Foto, falls es verwendet wird bitte auf diesen Blog verweisen.

Schick! Ich weiß nicht, ob mir die Bat-Mizvah-Karte mit den romantischen Rosen besser gefällt oder der klare, schlichte Stil der Mazeltov-Karte.

Das „Papier- und Bürozentrum“ gibt es seit 1969. Auf der Website brüstet sich die Betreiberin Martina Grotte keineswegs mit interreligiöser Kompetenz; eher mit der eigenen Öko-Linie. Religiöse Vielfalt ist für die Inhaberin des Ladens auf der Mazzesinsel[1] anscheinend so selbstverständlich, dass sie nicht extra erwähnt werden muss. Ich würde mir in Wien mehr Auswahl an Glückwunschkarten zu verschiedenen religiösen Anlässen aus unterschiedlichen Religionen wünschen, schließlich ist die Stadt auch Heimat für viele Muslim_innen, Hindus etc.. Die Papiergrotte macht jedenfalls einen großen ersten Schritt mit ihren jüdischen Grußkarten.

 

[1] Für Nichtwiener_innen: Der zweite Wiener Gemeindebezirk ist seit der frühen Neuzeit der jüdische Hotspot der Stadt. Auf einer Insel gemeinsam mit dem zwanzigsten Bezirk zwischen Donaukanal und Donau gelegen, war sein Boden sumpfig und schlecht für das tägliche Leben geeignet. 1624 wurden die Jüd_innen von Kaiser Ferdinand dorthin verbannt, nur um wenige Jahrzehnte von Kaiser Leopold I. in der zweiten Wiener Gesera wiederum vertrieben zu werden. Trotz dieser traurigen Geschichte kehrten Jüd_innen und Juden immer wieder gerne auf die Mazzesinsel, die ihren Namen wohl den vielen jüdischen Bäckern verdankt, zurück. Auch heute ist der Anteil der jüdischen Bevölkerung in keinem anderen Bezirk so hoch.

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