Denkt jüdisch beim Einkauf! – Teil I: Tikkun Olam und Schwarzer Rettich

Werbebild: Unsere Arbeit - Unsere Zukunft. Denkt österreichisch bei jedem Einkauf. ÖsterreichWoche 1958, 26. Okt.-1. Nov.
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Mit einer befreundeten praktischen Theologin gemeinsam habe ich in diesem Semester ein Seminar auf der Katholisch-Theologischen Fakultät gehalten. Als Methode haben wir Chavrutah ausgewählt, das Studieren von Texten in Paaren. Dabei ergeben sich immer interessante Diskussionen. Einmal haben wir einen Text der Evangelischen Kirche Deutschland und des Deutschen Rats der Muslime gelesen: Empfehlungen für den christlich-muslimischen Dialog.

Mir kam der Text eigenartig unkonkret und nur auf einen „harmonischen Alltag“ ausgerichtet vor. Beim Lesen stellte sich folgende Szene vor meinem geistigen Auge ein: Ein deutscher Christ kommt in einen türkischen Supermarkt. Er sieht eine Hand der Fatimah an der Wand.

„Oh! Dieses Symbol kenne ich nicht! In meiner Religion spielt es keine Rolle! Herr Verkäufer, was bedeutet es?“

Bereitwillig springt der muslimische Verkäufer bei und erklärt ihm Ursprung und Bedeutung der Hand der Fatimah.

„Nein, wie interessant. Bei uns ist eigentlich nur das Kreuz wichtig…“, erklärt der christliche Kunde im Gegenzug ein Symbol seiner Religion. Abgang der beiden. Interreligiöse Harmonie.

„Aber Einkaufen und Religion sind doch wirklich nicht so weit voneinander entfernt“, unterbricht meine Kollegin meine Karikatur des Textes. „Du kaufst doch sehr bewusst ein, und das aus einer jüdischen Haltung heraus.“

Im Kopf höre ich sofort die Stimmen von Qualtinger und Bronner: „Denkt österreichisch beim Einkauf!“.[1] Aber ich muss ihr recht geben. Ich denke wirklich jüdisch beim Einkauf, und das in mehrerlei Hinsicht.

Da wäre zunächst die Umwelt. In Bereschit 2,15 steht geschrieben: „Und der HERR, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte.“ Dieser Bewahrungsauftrag wurde auch nach der Vertreibung aus dem Gan Eden nicht aufgehoben. Gleichzeitig besagt die jüdische Tradition, dass Gott die Welt zu seiner Zufriedenheit geschaffen, aber Spielraum für Verbesserung gelassen hat. Der Ausdruck „Tikkun Olam“ bedeutet „Verbesserung/Reparatur der Welt“. Eine Website von Chabad schreibt: „Tikkun olam means to do something with the world that will not only fix any damage, but also improve upon it.“

Ich weiß nicht, ob es an meinem Charakter oder am Jüdischsein liegt, aber das Bedürfnis, Dinge zu optimieren, ist bei mir fest verankert. Wenn ich einkaufe, habe ich beides im Kopf; ich will die Schöpfung bewahren und ich will Schlechtes verbessern. Das bedeutet konkret, dass ich Kleidung und Ähnliches meist Second Hand einkaufe, um Kleidung aus dem Müll- und Produktionskreislauf zu nehmen (Und Geld zu sparen. Yay!). Das bedeutet, dass ich mich im Winter mit übelschmeckendem Wurzelgemüse zufriedengebe, weil es nach biologischen Prinzipien in der Nähe angebaut wurde und gerade Saison hat.[2] Das ist nicht einfach – wenigstens mag Balthasar Karotten, aber der schwarze Rettich war schon eine harte Herausforderung, bevor er zu einer herben Enttäuschung wurde. Nur der Gedanke an Tikkun Olam konnte mich dazu bewegen, ihn aufzuessen. Tikkun Olam erklärt auch meine Faszination für den Zero Waste Lebensstil, der Plastikverpackungen und die Produktion von Restmüll radikal vermeidet.[3] Seit letztem Herbst versuche ich, ein Wegwerfprodukt nach dem nächsten durch ein wiederverwendbares auszutauschen. Seit Anfang April kaufe ich keine Lebensmittel und Toilettartikel in Plastikverpackungen mehr ein. Stoffbinden und Edelstahlrasierer, Trockenware in selber mitgebrachten Gläsern, Milchprodukte im Pfandglas – all das hat auch mit meiner Art, Judentum zu leben, zu tun. Meine Religion stellt einen ethisch-moralischen Anspruch an mich, Unverpacktläden wie Lunzer’s Maßgreißlerei und Blogs von Zero-Waste-Vorreiterinnen helfen mir, ihn zu erfüllen.

 

[1] Travnicek studiert ein Plakat: https://www.youtube.com/watch?v=ui55ZxdE13k&list=PL8137111EC8803DEA

[2] Liebes Adamah-Biohof-Team, über mehr Kraut und Kohl im Kistl wäre sicher niemand unzufrieden! Liebe alle anderen, das hier ist eine feine Sache: http://www.adamah.at/

[3] Wer mehr über Zero Waste wissen will: https://zerowastehome.com/, http://trashisfortossers.com/, http://zerowastegrossfamilie.blogspot.co.at/, http://www.zerowasteaustria.at/