Ein halbes Jahr Davidssplitter – Was Bloggen für mich als Jüdin bedeutet

Es ist jetzt auf den Tag genau ein halbes Jahr her, dass ich den ersten Beitrag auf Davidssplitter.com gestellt habe. Warum ich eigentlich mit dem Bloggen begonnen habe und wie sich die Sache in diesem halben Jahr so entwickelt hat, möchte ich hier gerne mit euch teilen.

Es war ein besch*** Januarwochenende. Das Wetter war schlecht, mein Freund war für ein paar Tage verreist, ich hatte eine Phase von echt anstrengenden Begegnungen in der Arbeit hinter mir (z.B. der Kippa-Vorfall oder die Dame, die meinte, in ein paar Jahrhunderten werde niemand mehr über die Schoah reden) und dachte seit Monaten darüber nach, zu kündigen. Die lieb gemeinten Versuche meines Vaters, mich am Telefon mit meinem Job zu versöhnen, lösten nur verstärktes Schluchzen bei mir aus. Kurz, ich hatte Weltuntergangsstimmung.

Oft hilft es mir, Dinge niederzuschreiben, egal wie. „Excel“ ist mein zweiter Vorname. Wenn es mir schlecht geht, muntert mich eine Liste auf, Lebensentwürfe kommen auf A2-Blätter, aber für die ganz unaussprechlichen Dinge hilft nur eins – Texte schreiben. Also setzte ich mich mit dem Laptop ins Bett und fing an, all das aufzuschreiben, was sich im Zuge der interreligiösen Arbeit in mir aufgestaut hatte. Seite um Seite um Seite, Tränen und Worte. Das war sehr kathartisch. Dann wollte ich eine Ecke im Internet für mich und diese Erfahrungen. Das Internet ist voll von antisemitischen Inhalten, Rechte und Kriminelle nutzen diesen Ort zur Vernetzung, Trolls brüllen ihre menschenverachtenden Kommentare hinaus. Es wäre nur fair, dachte ich, wenn ich auch meinen eigenen Raum im Netz hätte – einen jüdischen Raum, einen ehrlichen Raum, einen wütenden, glücklichen, verletzten, verliebten Gutmenschenraum. In der Arbeit hatten Menschen verletzend auf mich eingeredet und ich war zu sprachlos, um mich richtig zu wehren. Das wollte ich nun nachholen, auch wenn ich nicht dieselben Menschen erreichen würde. Daher der Name „Davidssplitter“ – ein Splitter entsteht durch Gewalteinwirkung und wird dadurch selbst erst scharf.

Um weitere Verletzungen zu vermeiden, hatte ich anfangs die Kommentarfunktion deaktiviert. Frauen werden im Netz mit Vergewaltigung bedroht, Jüd_innen mit dem Umbringen – das weiß ich alles, das brauche ich nicht noch am eigenen Leib zu erleben. Erst mit der Zeit habe ich mich getraut, bei einzelnen Beiträgen die Möglichkeit für Kommentare zu lassen. Und was ist passiert? Nichts! Vielleicht habt ihr ja Angst, selber Gegenstand des nächsten wütenden Texts zu werden. Jedenfalls gab es keine gemeinen Hasspostings, keine Schimpftiraden, nichts. Die Furcht schwindet langsam in mir. Ich freue mich sehr über eure Kommentare, insbesondere, wenn ich ein Thema anspreche, bei dem ich keine Innenperspektive habe. Ich finde es super, wenn ihr euer Wissen und eure Perspektive mit mir teilt.

Der Ausschnitt der Realität, den ein Splitter wiedergeben kann, ist begrenzt. Er kann nicht alles spiegeln, nur was er selber sieht. Das ist ein entstressender Gedanke. Eine perfektionismusfreie Ecke für mich zu schaffen, war auch einer der Ideen hinter dem Blog. Sonst feile ich an allem bis zum Umfallen und setze mich unter enormen Druck, egal bei was. Hier war ich monatelang ziemlich anonym. Wenn ich merke, ich arbeite zu lange an einer Formulierung, lasse ich es sein und denke mir „Ach, stells einfach online. Ist doch egal.“

So halte ich es auch weiterhin, aber von „egal“ kann eigentlich nicht die Rede sein. Der Blog ist mir nicht egal und am Wenigsten ihr Leser_innen. Bislang habe ich diese Youtuber_innen immer für pathetisch gehalten, die rührselig in die Kamera hauchen „You guys mean the world to me“, „I love you guys so much“ und so weiter. Mittlerweile kann ich das schon nachvollziehen. Alle meine Follower: ich habe eure Websites angesehen, ich bemerke jedes einzelne „Like“, ich klebe förmlich an den Statistiken, die mir sagen, ob jemand aus Luxemburg, aus Israel oder Kanada einen Text von mir gelesen hat. Ich danke euch; für eure Aufmerksamkeit, eure Zeit, eure „Likes“. Es ist unglaublich schön, etwas machen zu können, womit Menschen dann gerne ihre Zeit verbringen.

Als ich begonnen habe, meine Texte in diesen Blog zu stellen, habe ich auch viel recherchiert, was es noch für deutschsprachige jüdische Blogs gibt. Mir kommt vor, sie werden seltener bzw. inaktiver. Vor Jahren schon habe ich wirklich gerne Don’t degrade Debs, darling gelesen. Es hat mir so viel Aufwind gegeben, dass es da eine lesbische feministische Jüdin gibt, die ihre Schwierigkeiten und Kämpfe – die mir teilweise sehr vertraut vorkamen – online öffentlich gemacht hat. Leider postet sie jetzt weniger. In Österreich gibt es anscheinend echt nur zwei jüdische Blogs – von unserem orthodoxen Oberrabbiner und mir. Und eine Blogseite auf der Wiener Zeitung-Seite von Alexia Weiss, sagen wir das ist auch ein Blog und keine Kolumne. Ich versuche aber, nicht in dieses „Es braucht eine jüdische liberale feministische österreichische Stimme im Internet“-Denken zu verfallen. Das würde mir nur Druck machen und Druck ist das letzte, was ich hier haben will.

In diesem halben Jahr gab es ein paar echte Sternstunden: Der Tag, als Chajm Guski einen Beitrag von mir geteilt hat und die Statistik explodiert ist. Danke dafür. Der Tag, als Viera Pirker meinen Blog auf Twitter gepostet hat und ich daraufhin eine Anfrage von Franca Spies von y-nachten.de bekommen habe, ob ich für sie einen Gastbeitrag schreiben will. Danke dafür. Der Tag, an dem meine Mutter das erste Mal meinen Blog gelesen und mich gelobt hat. Danke dafür. Die vielen Tage, an denen Regina Polak mir Feedback gibt und wir über Themen weiterdiskutieren. Danke dafür. Eine Sternstunde wird vielleicht noch kommen: Der Tag, an dem Balthasar die Texte über sich liest. Er weiß zwar, dass ich über uns schreibe und hat es mir auch erlaubt, aber bislang hat er nur die Überschriften gelesen. Ich glaube, er hat Angst.

Es gab auch schwierige Entscheidungen. Anfang Juli kam die letzte Ausgabe Dialog – DuSiach heraus, für die ich als Geschäftsführerin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit verantwortlich zeichne. Ich habe mich entschlossen, im Editorial zu erwähnen, dass ich auf Davidssplitter.com blogge und damit meine schützende Anonymität aufzugeben. Schützend vor Kritik von Leuten, die mich kennen und die verletzend kritisieren. Schützend davor, einer Rolle entsprechen zu müssen, einem Bild von einer jungen professionellen und arbeitsamen Frau, die ich auch, aber nicht nur bin. Aber die Mitglieder des Koordinierungsausschusses sind mir ans Herz gewachsen, auch wenn ich das eine oder andere Mal eine Äußerung für meschigge gehalten habe, und ich wollte diejenigen mitnehmen, die auf gewisse Art einen Bezug zu mir bekommen haben. Im Herbst darf ich wieder ein paar Gedanken im Radio äußern, und da habe ich mich auch entschlossen,  in der Absage zu erwähnen, dass ich einen Blog schreibe. Es ist Zeit, als Ganzes ich zu sein.

Wie wohl das nächste halbe Jahr wird? Es gäbe viel zu entdecken, auszuprobieren, zu bedenken und zu diskutieren. Aber auch die Frage, wann das Schreiben Freude und Entlastung bedeutet und wo es zum Stress verkommt, stellt sich. Ich habe mehr Ideen, als ich entspannt verwirklichen kann, also daran sollte es nicht mangeln (und falls doch einmal, ist es halt so). Was mir auch noch Gedanken macht, ist, dass ich einerseits gerne mehr mit euch kommunizieren würde, andererseits aber doch Angst habe vor kränkenden Kommentaren und mehr oder weniger versteckten Bekehrungsversuchen, aber auch davor, dass es stressig sein könnte, dann immer auf die Comments zu reagieren. Nu, vielleicht entwickelt sich da etwas – und wenn nicht, ist es auch gut.

7 Kommentare zu „Ein halbes Jahr Davidssplitter – Was Bloggen für mich als Jüdin bedeutet“

  1. Ich gratuliere Dir ganz herzlich zum Jubiläum… Die Einträge in Deinem Blog lese ich neugierig und begeistert mit, ich habe jedes mal das Gefühl, etwas Wichtiges zu lernen… und ich hoffe doch sehr, dass Du auf meinem Blog keine heimlichen Bekehrungsversuche findest. Natürlich – ich bin evangelischer Pfarrer und habe zu manchen Dingen eine eigene Meinung, aber das kennst Du ja von Deiner Arbeit. Ich freue mich über Deine Texte und hoffe sehr, dass Du noch oft Lust hast, mehr zu schreiben…

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  2. Glückwunsch zum 6-Monate-Jubiläum und schön, dass das Bloggen so viel Spaß macht. Mir macht’s auch noch immer Spaß, auch wenn meine Lust auf drei Posts pro Woche mich manchmal auf die Probe stellt. Musikstück auswählen und studieren, passendes Photo finden, Recherche durchziehen, in einer Fremdsprache schreiben – aber es sollte ja eine anspruchsvolle Freizeitbeschäftigung sein. 😄 Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß und uns, deinen Lesern, weiterhin spannenden und/oder unterhaltsame Texte.

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    1. Vielen herzlichen Dank! Ja, drei Texte pro Woche schreiben ist heftig – da hilft sicher die journalistische Ausbildung, oder? Zur Musik brauche ich gar nicht bekehrt zu werden, da haben wir die gleiche Religion;-) Wenn auch meine Richtung eher traditionelle auvergnatische oder polnische Musik ist. Sport ist btw. auch eine ganz gute Glaubensrichtung; im Mai habe ich eine Podiumsdiskussion mit Prof. Moshe Zimmermann moderiert, der meinte, in seiner nächsten Publikation wird es um Sport als Religion gehen, insbesondere Fußball.

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