Denkt jüdisch beim Einkauf! – Teil II: Was der Zusammenhalt des Volkes Israel mit meinem Gemüsehändler zu tun hat

Stencil-Graffiti mit dem Wort
Foto von Graffiti, das ich in meinem Heimatbezirk gemacht habe. Ich verbinde es mit diesem Beitrag, weil laut Sanhedrin 27b und Schawuot 39 ganz Israel füreinander verantwortlich ist (was manche sehr ernst nehmen, wie man in diesem Beitrag lesen kann) und das Wort gleichzeitig auf Deutsch und Arabisch dasteht, was auch einen Bezug zum Text hat.

Es gibt noch etwas, das mir einfällt, wenn ich „Denkt jüdisch beim Einkauf!“ denke. Oder besser, jemanden. Lange Zeit bin ich zu meinem jüdischen Gemüsehändler in der Rotensterngasse einkaufen gegangen. Sein Laden war immer voller Kundschaft, seine Ware oft matschig, aber unglaublich günstig und zum Kochen noch gut. Immer wollte er einem hier noch etwas mitgeben, da noch etwas probieren lassen. An seinen Wänden hingen türkische Fahnen, kabbalistische Symbole, Familienfotos; mit seinen Mitarbeitern sprach er Russisch, mit seiner Familie Hebräisch, mit seinen Kund_innen was immer sie wollten. Ich habe es immer sehr genossen, zu wissen, dass er Jude ist und beim Einkauf nicht nur ein bisschen Jiddischkeit atmen, sondern auch einen Volksgenossen unterstützen zu können.

Hier muss ich kurz einen Einschub machen. Als einer der bei der letzten Kultuswahl antretenden Rabbiner im Wahlkampf einen Aufruf startete, wir Jüd_innen sollten verstärkt bei Jüd_innen einkaufen, hatte ich sehr gemischte Gefühle. Ja, es fällt mir im Supermarkt positiv auf, wenn die Avocados aus Israel kommen. Es war sogar einmal der Grund, warum ich Avocados gekauft habe – ein Bisschen Unterstützung für Eretz Jisroel, ein Bisschen Rebellion gegen den Teil meiner Familie, der BDS gut findet.[1] Dennoch – wie weit soll die Liebe innerhalb von Am Jisrael gehen? Soll es eine Art jüdische Wirtschaft geben – abgesehen von Produkten, die für den jüdischen Bedarf sind wie Koscheres oder Judaica – die wie eine Art Konkurrenz neben der nichtjüdischen Wirtschaft steht? Ich bekomme etwas Magenweh, wenn solche Unterscheidungen getroffen werden. Wir sind alle Menschen. Wir leben alle in Österreich. Wir können einander alle unterstützen, oder? Ist es etwa so, dass nichtjüdische Österreicher_innen so wenig Leistungen von Jüd_innen in Anspruch nehmen, dass wir Jüd_innen einspringen müssen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Jedenfalls, zurück zu meinem Gemüsehändler.

Eines Tages hatte ich einen Magen David um. Ich dachte schon gar nicht mehr dran, und bin einfach wie gewohnt Gemüse kaufen gegangen. Einer der Verkäufer hob desinteressiert meine Waren auf die Waage. Dann blieb sein Blick auf einmal knapp unter meinem Hals hängen. „Bist du auch jüdisch?“, fragte er, und Aufregung ergriff Besitz von ihm. Ich nickte. Sofort stellte er sich vor und fragte mich nach seinem Namen; der Besitzer eilte herbei, begrüßte mich überschwänglich, fragte mich, in welche Synagoge ich gehe, ob ich verheiratet sei, Kinder habe und wie mein Freund heiße. Dann meinte er, er müsse mich unbedingt jemandem vorstellen. Mein Gemüse zurücklassend folgte ich ihm über die Straße in einen kleinen israelischen Imbiss, wo eine junge Frau neben einem Kinderwagen an einem der kleinen Tische saß. „Das ist meine Tochter!“, sagte er stolz (seine Frau, die den Gemüsehandel gegründet hatte, war im letzten Jahr gestorben, hatte er mir grade vorher erzählt). Mit einem Versuch, Interesse aufzubringen, blickte die junge Frau von ihrem Kaffee auf; als ihr die braunen Perückenhaare ins Gesicht fielen, fragte ich mich, die wievielte wildfremde Jüdin ich wohl war, die ihr Vater ihr vor die Nase setzte. Er lief auch gleich wieder in sein Geschäft hinüber und wir versuchten, miteinander zu reden. Es lief darauf hinaus, dass sie mich einlud, in ihre Synagoge zu kommen, und wir beide ohne es auszusprechen wussten, dass ich dort so deplatziert sein würde wie eine E-Gitarre beim Neujahrskonzert.

Nachher war ich nie wieder bei diesem Gemüsehändler. Seine warme Art, eine Volksgenossin zu begrüßen, auf Heiratsfähigkeit zu überprüfen (bestimmt hatte er drei mögliche Junggesellen für mich im Kopf) und in sein Familienleben einzuführen, war mir einfach zu viel. Ja, man soll sich nicht von der Gemeinschaft absondern, sagt Rabbi Hillel in Pirke Avot 2,4. Aber muss es gleich so viel Gemeinschaft sein?

Mittlerweile hat der Gemüsehändler den Laden verkauft. Sein Nachfolger ist ein Araber. Er lächelt mich immer nur schweigend und höflich an, sodass ich mich wieder dort einkaufen traue. Interreligiöse Harmonie scheint manchmal sogar einfacher zu sein als innerreligiöse Harmonie.

 

[1] Boycott-Divestment-Sanctions. Zu Anfang ging es darum, Produkte aus den besetzten Gebieten zu markieren und diese zu boykottieren. Mittlerweile ist BDS eine Bewegung, die generell israelische Produkte boykottiert und so versucht, wirtschaftlichen Druck auf Israel aufzubauen. Wenngleich ihre Website sagt, dass in der Bewegung kein Platz für Antisemitismus etc. ist, laufen bei den Demos oft schwer antisemitische Personen mit, die entsprechend schlimme Transparente hochhalten.