Homestory: Was unser Zuhause zu einem jüdischen Haushalt macht

Eine Reihe von blauem Geschirr, teils mit hebräischen Schriftzeichen.
Unser Schabbes- und Jontef-Geschirr, teilweise selber bemalt. Alle Bilder in diesem Beitrag sind Eigentum von Davidssplitter und dürfen nur mit Genehmigung vervielfältigt und verändert werden. Dankeschön!

„Building a Jewish Home“ – das Thema zahlreicher Seminare, Websites[1] und ein genereller Wunsch vieler Jüd_innen, egal welcher Ausrichtung. Dabei spielen auch Identity Shopping und jüdischer Kitsch eine Rolle. Insbesondere gemischtreligiösen Paaren wird vorgeworfen, dass sie schwer ein jüdisches Zuhause schaffen können, in dem eventuell vorhandene Kinder dann eine starke jüdische Identität entwickeln. Die Kinderfrage ist bei uns noch in weiter Ferne, aber wie ich zuhause einen Ort schaffen kann, der mich in meinem Judentum bestärkt (und auch Balthasar Platz für seinen Glauben lässt), beschäftigt mich.

Der Rabbiner meiner Gemeinde ist vor einiger Zeit umgezogen und ich habe seine House-Warming-Party genützt, um mich inspirieren zu lassen: Wie macht er sein Zuhause zu einem jüdischen Zuhause? Was macht einen jüdischen Haushalt aus? Und in welcher Art lebt er das Judentum in seinem Wohnraum? Nachdenklich (und leicht neidisch auf seine coole israelische Sprüchesammlung an der Küchenwand) kehrte ich in unsere eigenen vier Wände zurück.[2]

Was ist es bei uns, das deutlich macht, dass hier eine Jüdin lebt? Was brauche ich für meine religiöse Praxis? Was bestärkt mich in meiner Identität? Ich habe mich mit meiner Kamera auf eine Reise durch unsere Wohnung begeben und möchte hier meine Fundstücke mit euch teilen.

Mesusah an Türrahmen
Unsere Mesusah. Drinnen ist ein von einem Sofer handgeschriebener Gebetstext. Sie hängt deswegen schief, weil sich zwei jüdische Schulen nicht drauf einigen konnten, ob sie vertikal oder horizontal aufgehängt werden soll.

Die Mesusah ist das erste Element, das einen Raum jüdisch macht. Sie aufzuhängen, ist ein Gebot der Torah:

„So nehmt nun diese meine Worte auf in euer Herz und in eure Seele, und bindet sie als Zeichen auf eure Hand, und tragt sie als Merkzeichen auf eurer Stirne, und lehrt sie eure Kinder, indem ihr davon redet, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Wege gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du dich erhebst. Und schreibe sie auf die Türpfosten deines Hauses und an deine Tore, dann werdet ihr und eure Kinder lange leben auf dem Boden, den der HERR deinen Vorfahren zu geben geschworen hat, solange der Himmel über der Erde steht.“  Devarim (5. Mose) 6,9 und Devarim 11,20.

Dieser Text wird wortwörtlich interpretiert (durch Tefillin und eben Mesusah), aber auch als Metapher: Handle nach der Torah, denke nach der Torah, und lass die Torah in deinem Haus und in deiner Stadt gelten. Für mich bedeutet das, nach Hause zu kommen und gleich von der Mesusah daran erinnert zu werden, dass ich meinen Nächsten lieben, mich fair verhalten und wenn möglich dabei auch an Gott denken soll. Auch wenn ich aus dem Haus gehe, ist die Mesusah ein Reminder, mein Tagesgeschäft in Dankbarkeit und Demut anzugehen. Meine Mesusah hat mir meine Mutter bei meinem Auszug aus dem elterlichen Haushalt geschenkt. Aber nicht nur deswegen freue ich mich jedes Mal, wenn ich sie sehe – auch, weil wir im fünften Stock ohne Aufzug wohnen und sie das Zeichen ist, dass ich keine weitere steile Treppe hinaufmuss.

Schild im Stil der Wiener Straßenschilder, auf dem in jiddischen Lettern "Taborstraße" steht
Das ist der typische Stil der Wiener Straßenschilder.

Das Wort auf dem Schild bedeutet „Taborstraße“, das ist die Einkaufsstraße bei uns ums Eck. Wir wohnen in einem Bezirk, der seit jeher jüdisch geprägt war, was Künstler_innen immer wieder zum Thema machen. So gab es einmal am Brückengeländer hinüber zum ersten Bezirk ein großes Transparent, auf dem auf Jiddisch „Matzesinsel“ geschrieben stand – der Kosename für die Leopoldstadt, der sich von ihren koscheren Bäckereien und ihrem Standort zwischen den Donauarmen ableitet. Das tatsächliche jiddische „Taborstraße“-Schild hängt auf einem öffentlichen Gebäude. Ich habe die Karton-Replik bei uns aufgehängt, weil ich es super finde, wenn Jiddischkeit sich öffentlichen Raum zurückerobert.

Zeile von Kochbüchern, unter Anderem "Die Jüdische Küche", "Jüdische Küche", "Ruths Kochbuch" und "Mazzesinsel Kochbuch".
All meine jüdischen Kochbücher helfen mir nicht, Challot zu backen, die man nicht als Wurfgeschoß gegen Einbrecher verwenden kann.

Die Küche ist der Bauch des Hauses, und wie auch an meinen Texten erkennbar ist, besteht zwischen Judentum und Essen eine starke Verbindung.[3] So ist auch bei uns zuhause die Küche der wohl jüdischste Ort.

Kühlschranktür mit verschiedenen Aufklebern, darunter ein Bild einer Menorah und ein Kalender für Schabbat-Zeiten. Außerdem ein Schild "Caution Tomatoes".
Unsere Kühlschranktür. (Balthasar mag keine Tomaten.) Eigentlich achten wir nicht so genau auf die exakten Schabbeszeiten, aber wenn man schon so einen feschen Magnetkalender von Chabad geschickt bekommt…

Unsere Küche ist nach der Torah koscher (aber wahrscheinlich nicht nach den diversen talmudischen Vorschriften und neuen Regulationen). Das kommt daher, dass ich Vegetarierin bin und mir kein Fleisch ins Haus kommt. Also brauchen wir weder auf eine Trennung von Milchig und Fleischig noch auf koscheres Fleisch zu achten. Balthasar lebt seine karnivorische Seite aus, wenn er zuhause in Tschechien ist und von seiner Mama bekocht wird. Es gibt tatsächlich eine nicht allzu kleine vegan-jüdische Bewegung, die meint, dass Veganismus die ethischste Art ist, das Judentum zu leben. Bei Konferenzen ist das ein heißer Tipp: Für viele koscher haltende Gäste sind vegane Restaurants das, was der koscheren Küche am nächsten kommt, und daher eine gute Option. Und es gibt ein jüdisches Fest, bei dem Vegetarismus im Vordergrund steht: Zu Schawuot, wo es die Geschichte gibt, dass unsere Vorfahr_innen nach der Übergabe der Torah an Moses sich zuerst nicht mit den Speisevorschriften ausgekannt haben (es sind ja auch wirklich einige). Sicherheitshalber haben sie sich zu der Zeit ausschließlich milchig (d.h. vegetarisch) ernährt.

Regal mit Menorah darin.
Die Menorah habe ich als Kind bei einer Tombola gewonnen. Einmal hat mir jemand eine Mail geschickt und gefragt, wie die Menorah im Gottesdienst verwendet wird und ob er sie im christlichen Gottesdienst einsetzen kann. Falls sich das noch jemand fragt: Die Menorah ist heutzutage ausschließlich ein Dekoartikel, der höchstens ab und zu das Judentum der Tempelzeit repräsentieren darf. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Menorah „benutzen“ könnte.

Die Küche ist also der zentralste Ort unseres jüdischen Haushalts – abgesehen natürlich vom Arbeitszimmer, denn „Wer lernt, soll auch essen“[4] deutet schon darauf hin, dass es nicht nur ums Essen allein gehen kann. Mindestens ein Regal voller jüdischer Bücher bei sich zuhause zu haben ist ein unausgesprochener, aber durchaus realer Anspruch in der jüdischen Community. Dabei gilt: Zeige mir deine Bücher, und ich sage dir, was für ein_e Jüd_in du bist. Mein Stolz gilt einer kleinen feministischen Sammlung (mit einem originalen Gebetsbuch von Fanny Neuda!) und dem Schwerpunkt Spaß und Satire (besonders geliebt: „Jüdisches Atmen“ von Anna Adam, Mitkonstrukteurin des Happy Hippie Jew Bus).

Regal mit zahlreichen Büchern mit jüdischen Themen sowie Gebetsbüchern.

Im Arbeitszimmer bewahre ich auch meine Tallitot sowie meine Havdalah-Kerze und Besamim-Gebinde auf. Beides brauchen wir, um das Ende des Schabbats zu feiern. Dabei ist außerdem Rotwein beteiligt. Irgendwie ist bei allem, was mit Judentum zu tun hat, Rotwein beteiligt.

Zwei in Samttaschen verpackte Tallitot, eine Havdalah-Kerze und ein Besamim-Gebinde.
Den kleinen Tallit habe ich zur Bat Mizvah bekommen. Ich benutze aber nur den größeren. Der ist wunderschön traditionell, aus Wolle mit blauen Streifen, und hat meiner Mutter gehört. Sie hat ihn mir geschenkt, als sie sich einen „Women Of The Wall“-Tallit gekauft hat.
Tallitot, Besamim-Gebinde und Havdalah-Kerze verstaut unter eine Reihe von Büchern von J.R.R. Tolkien und Terry Pratchett.
Und das sind die Sachen an ihrem normalen Aufbewahrungsort, gut integriert in das Nerd-Umfeld.

Manches ist noch in Planung. Vor Channukkah etwa möchte ich mir ein Keksausstecher-Set in Aleph-Bet-Form zulegen. Außerdem gibt es noch mehr Sachen, die unsere Wohnung jüdisch machen: Unsere Schabbesleuchter, die ich euch in einem anderen Beitrag gezeigt habe, die Decke für die Challah, die ich auch aus dem elterlichen Haushalt mitgenommen habe, oder die Sammlung von Glückwunschkarten, die ich zu meiner Bat Mitzvah bekommen habe. Das Wichtigste an unserem jüdischen Zuhause ist aber nicht an Dingen zu sehen: eine Atmosphäre der Neugier, der Gerechtigkeit und der Liebe.

 

[1] Es gibt sogar eine eigene Website namens buildajewishhome.com.

[2] Was für ein unpassender Ausdruck, eigentlich. Wenn ich all die Wände unserer Wohnung zusammenzähle, sind es ca. 9. Aber was solls.

[3] Ich habe euch sicher schon einmal erzählt, dass sich jeder jüdische Feiertag zusammenfassen lässt mit: „Sie wollten uns töten. Wir haben gesiegt. Lasst uns essen.“, aber weils so wahr ist, hier noch einmal.

[4] Student_innenweisheit, besonders gültig in Zeiten von Prüfungsstress und Arbeit-Schreiben, kann aber auch auf das jüdische Lernen der Torah angewendet werden.

5 Kommentare zu „Homestory: Was unser Zuhause zu einem jüdischen Haushalt macht“

  1. Liebe Sarah,

    die Sprüchesammlung an den Wänden in der Wohnung Deines Rabbis würde mich schon sehr interessieren…

    Könntest Du mal ein paar Beispiele für modernen jüdischen Humor aufschreiben? Da gibt es doch bestimmt mehr als die alten Witze über seltsame Rabbis oder jüdische Heilige, die man in den Büchern für „jüdische Witze“ findet…

    Einen siebenarmigen Leuchter „Menorah“ haben viele Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrem Haushalt und „benutzen“ sie oft auch in ihrem Gottesdienst. Sie stecken eben Kerzen hinein und zünden sie an. Besonders, wenn sie aus irgendeinem Grund eine Nähe oder Verbundenheit mit dem Judentum bzw. mit Israel ausdrücken wollen, steht eine Menorah auf dem Tisch… Vor allem am Gründonnerstag gibt es dann bei der Abendmahlsfeier auch einmal Mazzen, manchmal auch bittere Kräuter in Öl, und ein Teil der Liturgie wird aus der Sederfeier „geklaut“, dann muss jemand aus der Gemeinde die Frage stellen „Wieso ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?“ – und dann geht es mehr oder weniger authentisch weiter, und das kann man dann so oder so finden. (Ich hab es auch schon ein paar mal gemacht, aber ich bin inzwischen eher nachdenklich darüber geworden. Die Psalmen werde ich allerdings auch weiter im christlichen Gottesdienst beten…)

    Liebe Grüße aus Berlin

    Richard Horn

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    1. Lieber Richard,
      ich habe nicht die großen Werke über jüdischen Humor gelesen wie zB von Salcia Landmann – was ich bis jetzt gehört habe und bestätigen kann, ist, dass er immer ein Körnchen Selbstkritik enthält. Ich bin nicht ganz sicher, von woher die Poster an der Wand unseres Rabbis sind, aber in der letzten WINA-Zeitschrift gab es einen Artikel über das israelische Label „Ha Polonia“. Die polnische Mutter wurde in Israel zum Inbegriff der jiddischen Mame. Die Firma produziert bunt geblümte Haushaltswaren und Bilder, in denen eine traditionell gekleidete Frau Dinge verkündet wie „Den ganzen Tag stehe ich in der Küche und arbeite, und das ist mein Dank?!“ oder „Wenn ich tot bin werdet ihr verstehen, aber dann wird es zu spät sein!“. Leider habe ich das nirgends im Internet gefunden.
      Persönlich mag ich gerne lustige Artefakte mit einem jüdischen Twist (Wie Dreidel-Christbaumanhänger oder blau gewandete Santa Clauses, die „Oy Oy Oy!“ rufen). Und ganz dunkelschwarzen Humor, der sich gegen Klischees und Anti- wie Philosemitismus richtet. Die oben erwähnte Anna Adam hat mit ihrer Ausstellung „Feinkost Adam“ eine so große Kontroverse ausgelöst, dass ein Buch allein über die Medienrezeption geschrieben wurde. Sie selber Kind von Schoah-Überlebenden, haben jüdische Gemeinden ihre bissig-sarkastische Ausstellung scharf kritisiert (http://www.judentum.net/kultur/adam-2.htm). Der größte Vorwurf an diese Art von Humor ist, dass sie antisemitische Vorurteile noch verstärken könnte, wenn jemand den Schmäh nicht versteht (Ich wollte mal in einer Radiosendung sagen, dass das Lieblingsvorurteil von meinem Papa ist, dass Juden immer ihre Waschlappen in der Badewanne liegen lassen. Das sollte ein Witz sein, aber die Moderatorin meinte, das soll ich nicht sagen, sonst glaubt das noch jemand). Diese Gefahr nehme ich ernst, trotzdem liebe ich die befreiende Ironie z.B. der Weisen von Zion (https://weisen-von-zion.org/) oder den derben jiddischen Humor von Yid Life Crisis (https://www.youtube.com/watch?v=fa6qQLzqdic).
      Ich finds auch nicht super, wenn Christ_innen Pessach feiern ohne bei einem Sederessen eingeladen zu sein. Wir stellen ja auch nicht die Eucharistie nach oder so was. (Gibt bei uns auch keine historisch-theologische Begründung, aber das würde ich rein aus Prinzip nicht machen) Mit Texten ist das was anderes, wenn sie schon seit Anbeginn Teil der christlichen Tradition sind und christliche Deutungen und Übersetzungen erfahren haben. Wir haben unsere eigenen Traditionen für das Lesen von Tehillim, so wie Christ_innen ihre Psalmentradition haben.
      Liebe Grüße und alles Gute,
      Sarah

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