Epic Fails Teil II: Meine schlimmsten Sager im interreligiösen Dialog

Dass ich im Gespräch mit Palästinenser_innen hoffnungslos verklemmt bin, habe ich euch ja schon erzählt. Heute bekommt ihr ein paar der unbedachtesten Dinge zu lesen, die ich jemals bei interreligiösen Gesprächen gesagt habe. Ich hoffe, sie sind lehrreich und ihr verzeiht mir genauso, wie es die Betroffenen getan haben.

Dass ich versehentlich Jesus disse, passiert mir schnell einmal. Er ist für mich einfach nur ein Mensch, ein Insriger, ein Jid wie viele andere auch. Ich würde nicht zu ihm beten, und deshalb vergesse ich auch oft, dass er für andere Gott ist.[1] Über mich hinausgewachsen bin ich in dieser Vergesslichkeit allerdings, als mich eine befreundete Theologin gefragt hat: „Gell, aber Jesus müsste doch als Jude auch irgendwie zur jüdischen Tradition gehören. Er ist auch ein Teil des jüdischen Erbes, oder?“ Es rutschte mir heraus, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte: „Ja schon, aber er ist so was wie das alte Gebiss der Uroma: Es gehört irgendwie zur Erbmasse, aber niemand will es wirklich.“

Ein andermal war eine Gruppe der muslimischen Jugend bei uns im Büro. Ich kannte eine der Frauen schon, wir hatten uns auf einen Tee getroffen, ein Projekt besprochen und uns dabei sehr gut verstanden. Aber die anderen kannte ich noch nicht. Ich bereitete voll gespannter Freude den Raum vor. Dabei fiel mein Blick unwillkürlich auf meine Tasche, und ich fragte mich einen Sekundenbruchteil lang, ob ich sie so offen herumstehen lassen sollte oder ob ich dann eine Bombe darin finden würde. Schockiert bemerkte ich, was ich da dachte und was für Bilder ich auf einmal im Kopf hatte. Wenn ich nicht etliche Erfahrung mit Psychoanalyse hätte, wären mir meine blitzartig aufgetauchten und wieder verschwundenen Vorurteile nicht einmal aufgefallen. Ich schämte mich und machte die Medien und die herumschwirrenden Ängste vieler Leute dafür verantwortlich.

Das Gespräch später verlief gut, aber mir kam vor, dass einige, Muslim_innen wie Nichtmuslim_innen, ziemlich steif daherredeten und eine Phrase nach der anderen vom Stapel ließen[2]. Ich bin im Gespräch meistens für offene, emotionale Ehrlichkeit, idealerweise gepaart mit Feingefühl. Das mich an diesem Abend im Stich ließ. Als wir über unsere Erwartungen und Gefühle gegenüber dem heutigen Treffen sprachen, erzählte ich von dem, was mir durch den Kopf gegangen war und wie sehr mich das schockiert hatte. Da war ich nicht die Einzige. Ringsum fielen Kinnladen, besonders bei der netten Frau, die ich schon vorher getroffen hatte. Mir wurde bewusst, dass ich die Gruppe retraumatisiert hatte: Ein Dialograum sollte doch eine Begegnung mit Menschen ermöglichen, die die Gleichung Muslim = Terrorist als den Blödsinn erkennen, der sie ist! Wieso sagte ich so etwas? Rasch wollte ich sie meines Wohlwollens vergewissern und fügte hinzu: „Also, ich glaube so was nicht wirklich, ich habe muslimische Freund_innen…“ – und las an ihren Gesichtern, wie oft sie diesen Satz schon gehört hatten. Ungefähr so oft, wie Jüd_innen von Antisemit_innen hören, dass diese jüdische Freund_innen hätten. Es tat mir so leid. Einer von der muslimischen Gruppe versuchte die Situation zu retten, indem er sagte: „Ja was glaubst du, was wir für Vorstellungen im Kopf hatten!“, aber die Frau, die ich schon einmal getroffen hatte, verabschiedete sich später nicht einmal von mir.

Es war nicht alles ruiniert; insgesamt war es ein schöner Abend und wir verabredeten uns zu einem Iftar-Essen (in einem koscheren Restaurant. Wie aufregend!). Später schrieb ich ihr noch eine Mail und entschuldigte mich noch einmal. Als die Gruppe von meiner Arbeit und die von der muslimischen Jugend einander zum Iftar wiedersahen, war der ungute Moment wie weggeblasen und wir verbrachten einen ungezwungenen, lustigen Abend – mit schon viel weniger Phrasen.

 

[1] Sehr vereinfacht gesagt. Die Trinität habe ich schon in so vielen Bildern und Metaphern gehört; mein Schluss daraus war, dass Jesus als Christus anscheinend die Art ist, wie sich unser Gott den Christ_innen zeigt.

[2] „Dialog verbindet“ „Vorurteile abbauen“ „Brücken bauen“ „Ein Zeichen setzen“ „Unglaublich wichtig“ et cetera et cetera.

Ein Gedanke zu „Epic Fails Teil II: Meine schlimmsten Sager im interreligiösen Dialog“

  1. Danke für diesen ehrlichen, wahrhaften und auch witzigen Bericht. Oh ja; es schon oft alles ziemlich kompliziert. Religion und Humor gehen meiner Ansicht nach wunderbar zusammen (darum hab ich Dich ja auch nach jüdischen Witzen gefragt), und witzige Karikaturen über Jesus sind für mich kein Problem, ich kann darüber herzlich lachen. „Das Leben des Brian“ fand ich wunderbar ironisch, und Dein Vergleich mit dem Gebiss der Großmutter hat mich sehr zum Schmunzeln gebracht.

    Ich habe auch „Grenzen“, wo ich nicht mehr mitmachen kann und will, aber die sind für mich sehr weit hinten. Wenn zum Beispiel das Bild Gottes für Aufrufe zur Gewalt, zur Menschenverachtung und als billige Provokation gegen Frauen z.B. missbraucht wird – da ist für mich Schluss. So etwas erzähle ich nicht weiter, dem widerspreche ich auch aus tiefstem Herzen. Eine Grundhaltung von Respekt muss auch bei Witzen und satirischen Vergleichen da sein.

    Intelligente Kritik findet bei mir immer ein offenes Ohr; Beleidigung um der Beleidigung willen aber nicht. Man darf sich wohl auch mal „versprechen“, aber dann muss man um Entschuldigung bitten und bereit sein, dazuzulernen. Ich arbeite auch immer noch an meinen „bltzartigen Vorurteilen“, die habe ich komischerweise öfters bei Russen und Albanern und so…

    Schön, dass es am Ende Deiner Geschichte auch ein Happy End gibt…

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