Körper im Dialog

Es gibt ein Thema, über das nicht allzu oft geredet wird, wenn es um interreligiösen Dialog geht, das aber zu seinen Rahmenbedingungen dazugehört: das körperliche Sein. In der INTA #11/12 2016 habe ich einen Artikel zu der Tatsache geschrieben, dass Frauen im interreligiösen Dialog unterrepräsentiert sind und warum das so sein könnte. Hier möchte ich ergänzen, wie es sich auf körperlicher Ebene angefühlt hat, als junge, nicht allzu große, nicht allzu schwere jüdische Frau Geschäftsführerin einer christlich-jüdischen Dialogorganisation zu sein.

Vorab möchte ich sagen, dass Frausein von mehr Dingen abhängt, als z.B. weibliche primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zu haben. Es gibt Hormone, das eigene Geschlechtsempfinden, kurz: Geschlecht ist ein Spektrum, das man nicht (nur) am Äußeren festmachen kann. Für mich persönlich ist es mittlerweile so, dass ich mich als Frau fühle, aber nicht genau weiß, was das eigentlich bedeutet. Dennoch nehme ich meinen Körper als different zu Männer- oder manchen queeren Körpern wahr.

Eine der ersten Veranstaltungen, zu der ich nach Beginn meines neuen Jobs gegangen bin, war die Einweihung einer Gedenktafel für Sophie Haber, eine Überlebende der Schoah, an einer Schule, an der sie oft den Kindern von der Zeit des Nationalsozialismus erzählt hatte. Eine ältere Dame kam auf mich zu, wir stellten uns gegenseitig vor und sie meinte: „Ach, Sie sind die neue Geschäftsführerin! Sie sind ja noch viel weniger als auf dem Foto!“

Uff. Bis heute kann ich das Gefühl nicht benennen, das dieser Satz in mir ausgelöst hat. Verunsicherung? Irritation? Vagen Widerwillen dagegen, dass jemand über meinen Körper spricht?

Die allermeisten Menschen, mit denen ich arbeite, sind Jahrzehnte älter als ich. Das hat viele positive Seiten – ich lerne von ihrer Erfahrung und bin oft geplättet von ihren aufregenden Lebensgeschichten und Erfolgen. Aber auf einer körperlichen Ebene fühlt es sich sehr komisch an, in meinen frühen Zwanzigern in der Arbeit fast ausschließlich von Menschen weit über Fünfzig umgeben zu sein. Auch dieses Gefühl kann ich nicht genau beschreiben. Es ist eine Art fehlende körperliche Resonanz.

Diese erlebe ich auch, wenn ich bei einer Sitzung mit hochrangigen Religionsvertretern die einzige Frau im Raum bin. Mein kleiner, schlanker Körper sitzt zwischen vielen (nicht alle sind so, aber einige) viel größeren, viel schwereren und viel männlicheren Körpern. Das daraus resultierende Gefühl ist weder gut noch allzu schlecht (natürlich ist die Ungleichheit dahinter schlecht), aber jedenfalls bemerkbar. So bemerkbar wie dass auf diesen typischen interreligiöser-Dialog-Gruppen-Pressefotos die allermeisten Menschen Männer sind. Als Frau stichst du einfach heraus.

Zwischen acht Männern, religiöse Vertreter, stehen Muna Duzdar und ich.
Bei der 60-Jahr-Feier des Koordinierungsausschusses. Von zehn Personen sind Muna Duzdar und ich die einzigen Frauen. Da hatte ich schon enorm zugenommen im Vergleich zum Beginn meiner Arbeit. Das Foto ist von einem Parlamentsfotografen aufgenommen und dem KooA zur Verfügung gestellt worden.

Einige Zeit lang habe ich zugenommen wie verrückt. Das lag an vielen verschiedenen Faktoren, aber eben auch an der Arbeit. Irgendwo hatte ich gelesen, dass dicke Männer in Führungspositionen ernster genommen werden. Fett kann sich auch anfühlen wie ein Schutzmantel, es verringert die Sichtbarkeit, Leute sprechen einen weniger an, als wenn man rank und schlank ist. Dennoch kann es nicht ganz die beiläufigen, unangenehmen Blicke auf die Brüste verhindern, vor denen man einfach nirgends gefeit ist.

In einem Winter durfte ich an einer Podiumsdiskussion im Fernsehen teilnehmen. Meine Gesprächspartner_innen waren allesamt viel älter als ich und riesig im Vergleich zu mir – zwei Männer, eine sehr große Frau, alle nichtjüdisch. Sie konnten nichts dafür, aber schon ihre Körper waren für mich einschüchternd. Als ich mir hinterher die Aufzeichnung ansah, wurde mir klar, dass zuzunehmen nichts bringen würde. Mit den meisten Kilos, die ich jemals auf mir hatte, sah ich neben den anderen noch immer zart, klein und zerbrechlich aus. In verstehe jede Frau in einer politischen oder Führungsposition, die diesen Weg weiter geht. Aber mir reichte es, ich fühlte mich nicht mehr wohl in meinem Körper und nahm langsam wieder ab.

sechs Personen an einem runden Tisch in einem Fernsehstudio, davon zwei Frauen
Das Bild ist ein Screenshot vom Video zu „Jesus – eine Zumutung?“ in Kreuz und Quer.

Jetzt darf ich mir wieder Kommentare anhören, dass es ja klar ist, dass ich den Job nicht ausgehalten habe, weil ich so ein zartes, elfenhaftes Wesen bin. Vom Körper lässt sich nämlich super auf den Geist schließen, gell? Ich habe meine eigenen Probleme damit, für fein und zerbrechlich gehalten zu werden, mir ist klar, warum ich darauf fuchtig reagiert habe. Aber zum Teil auch einfach, weil es a. nicht stimmt (ich bin vielleicht umsichtig, aber das macht mich nicht fragil) und ich es b. für absolut unnötig halte, jemandes Körper zu kommentieren.

Das irritierende Gefühl, ständig Männer in den Sitzungen um mich zu haben, glich ich aus, indem ich ein Netzwerk von Ehrenamtlichen aufbaute. Ehrenamt ist noch immer weiblich, und gemeinsam mit unserer Studierendengruppe Café Abraham Wien war ich bald umgeben von Frauen in einem ähnlichen Alter wie meinem. Noch einmal, weil es so wichtig ist: Ältere und alte Menschen sind eine Stütze der Gesellschaft, eine Quelle von Wissen und Erfahrung und so besonders und wichtig wie alle anderen auch. Ageism ist so unangebracht wie jede  andere Form der Diskriminierung.

Aber es ist auch schön und wertvoll, von Körpern umgeben zu sein, die dem eigenen ähneln und mit denen man eine Resonanz fühlen kann.[1]

 

 

[1] Das ist übrigens auch der Grund, warum männlich besetzte Gremien, die nicht auf die Genderbalance achten, gerne auch mit Männern nachbesetzen – hat meine Professorin in Organisationssoziologie erzählt.

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