Ein Lied in Gottes Ohr

Café Abraham Wien hat sich die schrägste interreligiöse Komödie des Jahres angeschaut und hier könnt ihr lesen, wie es war

Der Plot ist simpel: Ein erfolgloser Musikproduzent bekommt eine neue Chefin vor die Nase gesetzt, die ihm ein Ultimatum stellt: ein halbes Jahr, dann muss eine von ihm produzierte Band die Olympia Music Hall in Paris füllen. Auf verrückte Art (ich sag hier nicht wie, aber es ist lustig) kommt ihm die Idee zu einer interreligiösen Band: Ein Rabbi, ein Imam und ein Priester sollen zusammen singen, unter dem Titel „Coexister“. Der Film zeigt, wie sich diese Idee entspinnt und sich die Hauptpersonen auf diesem Weg entwickeln.

Und was hat dieses Café Abraham damit zu tun? Das Café Abraham Wien Planungsteam sind vier Freundinnen und ich. Seit über einem Jahr organisieren wir als Jugendgruppe des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit Treffen für muslimische, jüdische und christliche Studierende. Gemeinsam lesen wir Texte aus Tanach, Neuem Testament und Qur’an und plaudern über unsere religiösen Erfahrungen und Traditionen. Wir sind selber ein gemischtes Team – zwei Jüdinnen, eine Muslima und zwei Christinnen. Als wir von „Ein Lied in Gottes Ohr“ gehört haben, wussten wir sofort: Den müssen wir uns zusammen anschauen.

Fünf Frauen vor einer Bücherwand
Leider konnten Helene und Sarah (die beiden von links) aus Krankheits- und Termingründen nicht dabei sein. Ist es halt ein jüdisch-evangelischer Filmnachmittag geworden.

Vorweg: Wir alle fanden den Film geil. Der Humor ist derb, die Geschichte süß und ich habe mir vorher noch nie einen Rabbi auf Kokain vorgestellt. Fabrice Eboué ist es gelungen – besonders am Anfang – ein Klischee pro Szene aufzugreifen. Dabei schrammen diese Klischees beängstigend zwischen Realität und Gürtellinie hin und her. Dass ein Rabbi sich statt Nasenspray Meerwasser aus dem Toten Meer, aus Israel, in die Nase pumpt – eher unrealistisch.[1] Dass bei einer Live-Radiosendung mit einer interreligiösen Band eine 72-jährige Frau anruft und begeistert erzählt, wie auf dem letzten Marsch gegen die Ehe für alle Juden, Christen und Muslime Schulter an Schulter „gegen Homosexualität“ auf der Straße waren – leider ziemlich realistisch.

Weil unsere muslimische Kollegin nicht mit dabei sein konnte, haben wir uns in unserem Gespräch danach eher auf den Rabbi und den Priester konzentriert. Kurz zur Person des Filmrabbis Samuel: Er war eine Art jüdischer Rockstar mit einer Band aus Rabbinern, bis er bei einer Brit Mila dem Kind versehentlich den ganzen Penis abgeschnitten hat. Seitdem ist er schwer depressiv und singt nicht mehr – bis Musikproduzent Lejeune ihn aus der Reserve lockt und er eine göttliche Eingebung hat. Denise und ich fanden diese Geschichte ziemlich blöd. Ein Mohel lernt ja, was er zu tun hat. Der schneidet nicht einfach so mir nichts, dir nichts, den ganzen Schniedewutz ab. Ich fand auch auffällig, dass ausgerechnet der Rabbi der einzige von der ganzen Partie ist, der keinen Sex zu haben scheint. Vor Kurzem hatte Judith mir erzählt, dass die jüdische Gemeinde von außen sehr verschlossen wirkt, als wäre ein Mantel über sie gebreitet und nur Eingeweihte kommen hinein. Ich habe dieses Gefühl nicht wirklich (aber hey, ich bin ja eine Eingeweihte), aber der Film hat mich nochmal an diesen Eindruck erinnert: Die anderen haben alle ein (mehr oder weniger ausschweifendes) Sexleben, aber der Rabbi nicht. Ausgerechnet bei dieser zutiefst menschlichen Sache wird er nicht gezeigt, und so bleibt er den Zuschauenden irgendwie ferner als die anderen Personen. Denise dazu: „Der Priester entdeckt die Sexualität, der Imam wird erdrückt von der Sexualität, und der Rabbiner zerstört die Sexualität“.

Dennoch hat die Figur des Rabbis für eine unserer Lieblingsszenen gesorgt: Er bricht bei einer Probe zusammen. Als der Produzent ihm auf die Straße nachläuft, erzählt Rabbi Samuel von einer Dokumentation, die er eben gesehen hat – „Millionen Tote, es ist der größte Genozid der Welt, und wir schauen einfach weg!“. Lejeune holt tief Luft und beginnt über den Einfluss der Schoah auf sein eigenes Leben zu sprechen, als Rabbi Samuel ihn unterbricht: „Wer redet von der Schoah! Babyschildkröten! Millionen versuchen jeden Tag ans Land zu kriechen, und alle werden sie gefressen von Krabben und Seevögeln und…“

Ha. Genau. Bloß weil andere Leute sofort an die Schoah denken, wenn sie einen Juden sehen, heißt das nicht, dass die Schoah ständig unsere Köpfe ausfüllt.

Jetzt aber zum Priester – seinen Satz „Ich liebe sie mehr als Jesus“ wird Judith einmal bei irgendwem anbringen, meinte sei. Der Pater stimmt im Film zu, sich an der Band zu beteiligen, um seine marode Kirche sanieren zu können, und lernt auf dem Weg zum Erfolg, dass nicht nur Anna eine schöne Tochter hatte.[2] Wie Denise meinte: „Alle drei werden konfrontiert mit den größten Verboten ihrer Religionen und finden neue Wege, damit umzugehen.“ Wir fanden es aber eine ziemlich säkulare Perspektive, dass der Priester am Ende natürlich sein Zölibat eintauschen muss für etwas anscheinend viel Besseres. Ich hätte es besser gefunden, wenn die Filmemacher die frühere Entscheidung dieses Charakters, aus religiösen Gründen auf Sex zu verzichten, geachtet hätten, aber anscheinend musste noch eine Lovestory her.

Beim Dreh des gemeinsamen Musikvideos wird der Katholik wie ein mittelalterlicher Mönch dargestellt, der Jude in Sachen, die vor zweitausend Jahren high fashion waren vor der Klagemauer und der Moslem natürlich in einem Zelt in der Wüste. Diese romantisch-historisierend-verkitschten Bilder stehen in krassem Kontrast zu dem, wie sich die Personen den Rest des Films über verhalten und in was für einer Welt sie leben (Paris in der Jetztzeit). Und das ist gut so. Ich hatte schon ein paar Mal das Gefühl, Leute sehen Jüd_innen wirklich als die sandalentragenden Nomaden des Alten Testaments (Sind wir nicht. Echt nicht. Außer im Campingurlaub vielleicht). Und die meisten Muslim_innen, die ich kenne, kommen aus Niederösterreich, der Steiermark und Deutschland, nicht aus irgendeiner Wüste.

Alles in allem fanden wir den Film super lustig, die Schmähs teilweise zu arg, aber meistens zum Brüllen, die Klischees sind da, aber werden explizit gemacht und benannt. Es war auch einiges Wahres dran, das wir mit unseren Erfahrungen im interreligiösen Dialog verbinden konnten. Was sich liebt, das neckt sich – daher glaube ich, dass der Film besonders witzig sein kann für Leute, die sich selber um interreligiöse und interkulturelle Begegnung bemühen. Nachdenklich gemacht hat uns, dass das genannte Ziel „Coexister“ war, also nebeneinander leben. Unser Ziel wäre ein wirkliches Miteinander. Aber wenn man sich die Umtriebe mancher rechtsextremer Gewalttäter anschaut, scheinen manche sogar unfähig zu einem friedlichen, normalen Nebeneinanderleben zu sein.

 

 

[1] Denise hat sich ausführlicher mit dem Thema Judentum im französischen Film befasst und kennt sich auch in der französischen Kultur gut aus. Sie meint, dass die Anhänglichkeit an den Staat Israel, mit der der Rabbi im Film gezeigt wird, daher kommt, dass insbesondere in Frankreich von Antisemiten nicht zwischen Jüd_innen und Israelis unterschieden wird. Der Jude muss eine übermäßig starke Beziehung zu Israel haben, das entspricht den Vorurteilen, die in Frankreich noch gefestigter scheinen als anderswo.

[2] Nach katholischer Tradition die Mutter von Maria, also Jesu Oma.

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