Muskeljudentum

Was ihr nie über das Judentum wissen wolltet, ich euch aber trotzdem erzähle – Teil I

Junge Frau mit einem T-Shirt, auf dem "Shalmon, Oida!" steht, hebt schwere Kurzhanteln
That’s me. Bitte seid so gut und sagt mir, wenn ihr die Bilder aus diesem Beitrag irgendwo verwendet bzw. gebt einen Verweis auf diesen Blog dazu. Danke!

„Und worüber schreibst du deine Masterarbeit?“

„Muskeljudentum.“

„PffrrrhahahahWAS?“

Ein vertrauter Dialog. Ich weiß nicht wie viele Leute zumindest schmunzeln mussten, wenn ich ihnen das Thema meiner Masterarbeit genannt habe. Genauer gesagt habe ich über Muskeljüdinnen geschrieben, über Frauen[1] in der jüdischen Turnbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. War es zur damaligen Zeit schon für Viele eine Herausforderung, sich Jüd_innen mit Muskeln vorzustellen, scheinen auch heute noch Judentum und Fitness in den meisten Köpfen nicht wirklich zusammenzugehen. Viel zu präsent sind Bilder von ausgemergelten, halb verhungerten Opfern oder zumindest gelehrsam durchgeistigten Rabbinern (nicht viele Österreicher_innen wissen, dass es Rabbinerinnen gibt!). Das Image der Israeli Defense Force mag erst in den letzten Jahrzehnten etwas daran geändert haben.

Jedenfalls stehen Judentum und körperliche Ertüchtigung in einem engen Zusammenhang. Wen das Thema in seiner epischen Breite interessiert, kann hier (Masterarbeit_SarahEgger_2017) meine Masterarbeit downloaden. Ich möchte in diesem Text aber nur kurz auf die Wurzeln des Muskeljudentums eingehen und dann darauf fokussieren, was es für mich heute bedeutet.

„Werden wir wieder tiefbrüstige, strammgliedrige, kühnblickende Männer“, forderte der Arzt Max Nordau auf dem Zweiten Zionistenkongress 1898. Sein Aufruf (dem von Anfang an auch Frauen Folge geleistet haben) hing mit zahlreichen Faktoren zusammen: Dem Erstarken des Antisemitismus, der nicht nur dazu führte, dass Jüd_innen körperlich angegriffen wurden, sondern auch zur Einführung des Arierparagrafen in zahlreichen Turnvereinen; dem überall aufkeimenden Nationalismus, der sich auch in verstärktem Körperkult äußerte und den die zionistische Bewegung auch für das Judentum wollte; dem Wunsch nach Fruchtbarmachung der Heimstätte Palästina durch ein körperlich anstrengendes Leben und und und. Schockierend für mich war, dass viele Jüd_innen selber annahmen, dass sie tatsächlich „degeneriert“ seien – das führten sie auf die schlechten Lebensbedingungen in den Ghettos zurück, in die viele Jüd_innen jahrhundertelang immer wieder gepfercht wurden. Das Heilmittel? Muskeljudentum. Durch Turnen sollte der Körper stark, gesund und geschmeidig werden und so die „Volksgesundheit“ erhöht werden. Klingt auf grausige Weise vertraut? Ist es auch. Die jüdische Turnbewegung nahm starke Anleihe an der deutschnationalen Turnbewegung, die u.A. vom antisemitisch eingestellten Max Jahn begründet worden war. Völkisches Denken war einfach überall verbreitet.[2] Bloß hegten Jüd_innen keine Vernichtungsfantasien gegenüber irgendeiner anderen Gruppe. Sie wollten durch ihre eigenen Turnerfolge so sein wie die anderen, ja besser, wenn möglich. Das sollte antisemitischen Stereotypen die Kraft nehmen.

 

Was heißt das für mich heute?

Manche Themen der jüdischen Turn- und Sportbewegung sind auch heute noch brandaktuell. Im Sommer gab es wieder einen tätlichen Übergriff in Wien: Zuerst hat ein Mann zwei als solche erkennbare Juden auf der Straße angegriffen; als sie sich wehren konnten, flüchtete er, griff aber auf der Flucht noch einen Rabbinatsstudenten an. Wisst ihr was mir hilft, über so eine Nachricht hinwegzukommen? Gewichtheben, mehr als alles andere. Laufen. Krav Maga. Ich fühle mich erst sicher in meinem Körper, wenn ich weiß, dass er stark ist. Ich will im Notfall in der Lage sein, meine Leute und mich zu verteidigen. Mehr Übergriffe = mehr Gewicht auf meinen Barbells. Dabei ist diese körperliche Aufrüstung durchaus ein zweischneidiges Schwert. Ich vermute eine Korrelation zwischen Nationalismus und Fitnessbewusstsein. Beides ist in Europa im Steigen. Besonders grusig ist, dass die rechtsextremen Identitären sich regelmäßig zum Boxen treffen und man ihre Sommercamps genausogut Bootcamp plus Social Media Management nennen könnte. Auch sie haben das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, wobei sie ihre Ängste auf den Islam und alle Ausländer projizieren (abgesehen von ausländischen Rechtsextremen, da sind Ausländer auf einmal ok). Aber ich sehe nicht ein, wieso ich mir dadurch die Lust am Training nehmen lassen sollte.

Junge Frau mit "Shalom Oida!"-T-Shirt macht Squats mit LanghantelSport führt dazu, dass man die Grenzen des für sich Möglichen verschiebt. Als ich zum ersten Mal eine olympische Männerlanghantel in der Hand hatte, wusste ich nicht, dass sie 20kg hat und per definitionem für Männer gemacht ist. Ich war nur zutiefst beschämt, dass ich sie nicht über meinen Kopf bekommen habe. Mittlerweile ist das meine Standardlanghantel für Squats und Bench Presses. Wie schon die Frauen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts habe ich die meinem weiblichen Körper zugedachten Grenzen durch Training aufgehoben zugunsten dessen, was ich wirklich kann – und das fühlt sich gut an.

Auch das Gefühl, zu einer (mehrheitlich) jüdischen Gruppe zu gehören und als Jüdin Sport zu machen, ist sehr schön. Eine Zeit lang habe ich Krav Maga Kurse am Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung und im jüdischen Sportzentrum Hakoah besucht. Allein in einer jüdischen Einrichtung zu sein gab mir ein ganz neues Gefühl, legitim, selbstbewusst, gewollt, zuhause zu sein. Mit den anderen Teilnehmenden verband mich nicht nur ein Ziel, sondern auch eine Religion und Kultur.[3]

Wann immer ich also eine Hantel in die Hand nehme oder mich in Push-Up-Position auf den Boden werfe, denke ich einen Moment an die vielen Jüd_innen, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Boden für eine selbstbewusste, starke, sportliche Jüdischkeit bereitet haben – und an die großartigen jüdischen Athlet_innen der Jetztzeit.

 

 

[1] Ich möchte eigentlich ständig Frauen* und Männer* etc. schreiben, um darauf hinzuweisen, dass Gender ein Konstrukt ist, Männlichkeit und Weiblichkeit mühsam hergestellt werden müssen und dass es mehr gibt als Mann und Frau. Ich mache es in diesem Beitrag nicht, weil es um eine historische Bewegung geht, innerhalb derer sich Frauen selbst als Frauen definiert haben, wenngleich sie die Grenzen des Machbaren und Akzeptablen stark in Richtung „Männlichkeit“ verschoben haben.

[2] Übrigens gab es in England auch eine Muscular Christianity, ein Ausbildungsideal für Männer höherer gesellschaftlicher Klassen.

[3] Es waren auch Nichtjüd_innen da, die Kurse sind offen für alle, aber es kommen halt mehr Jüd_innen als sonst wo.

2 Kommentare zu „Muskeljudentum“

  1. Ich habe mich zuerst über den Beitrag anüsiert – Was fürveine Idee!? – und anschließend ein wenig gegrübelt. Sie sollten es eigentlich nicht nötig haben, sich Muskeln zur Selbstverteidigung anzutrainieren und die entsprechenden Abwehrhandgriffe zu üben, sie sollten sich eigentlich durch die Sicherheitsirgabe hinreichend beschützt fühlen. Mir ist klar, dass das eine Illusion ist. Einerseits zeigen die vielen rassistischen Vorfälle in Deutschland, in den USA oder wo auch immer, dass die Sicherheitskräfte nur begrent fähig oder gewillt sind, Minderheiten vor Übergriffen zu schützen. Andererseits ist Furcht ein rational schlecht fassbares Phänomen und nicht zu unterdrücken, auch wenn der Verstand hundertmal sagt, dass es keine konkrete Bedrohung gibt. Kurzum, es ist beschämend für die Gesellschaft an sich, dass ein Bürger an die persönliche Selbstverteidigung denken muss, fast 400 Jahre nach Hobbes‘ Leviathan, in einer Zeit in der das Gewaltmonopol des Staats zur Selbstverständlichkeit geworden ist und doch teilweise eine Fiktion ist.

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    1. Die staatlichen Sicherheitskräfte haben noch nie ausgereicht. Nicht 1918, als die aus dem Krieg heimgekehrte Jüdische Turnerschaft eine große Zahl junger jüdischer Männer rekrutierte, die im Zweiten Bezirk Übergriffe verhinderten. Nicht in den 30ern, als die Ringersektion des Hakoah-Sportvereins die erfolgreichen jüdischen Schwimmerinnen bei Wettkämpfen vor tätlichen Angriffen schützte. Und nicht einmal heute ist der staatliche Schutz das Ende vom Lied – es gibt eine zunehmende Zahl von Selbstverteidigungskursen für Gemeindemitglieder. Außerdem *besteht* eine konkrete Bedrohung. Seit Jahren sind im österreichischen Antisemitismusbericht auch körperliche Übergriffe auf Jüd_innen verzeichnet, wie eben vor Kurzem auch bei mir ums Eck.

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