Die Sache mit der Sichtbarkeit

Wie ich an einem Abend ein T-Shirt mit einem fetten Davidstern trug und beschloss, daraus keine Challenge zu machen

An jenem Abend hatte ich ein Interview mit Peter Wesely vom Verein Wirtschaft für Integration, der meinen Blog in seiner Serie „Mutmacher“ vorstellen wollte (Hier ist der Link zu seinem Text – vielen Dank noch einmal dafür!). Da ich wusste, dass er auch ein kurzes Video drehen wollte, habe ich mein Shalom, Oida!-T-Shirt vom jüdischen Filmfestival angezogen, das ihr schon von diesem Blogpost her kennt. Mag sein, dass ich damit Klischees bedient habe, aber ich finde das T-Shirt einfach cool. Jedenfalls trete ich auf die Straße und auf einmal sackt die Erkenntnis schwer in meine Magengrube: Ich gebe gerade zeitweilig einen Teil des Privilegs auf, das mich mein ganzes Leben lang begleitet und beschützt hat: Nicht als Jüdin erkennbar zu sein.[1] Als Frau hat man es da sowieso einfacher: nicht einmal die zu perfekt sitzende Frisur und der überknielange Rock einer orthodoxen Frau wirken so eindeutig identifizierend wie Kippah und lässig über dem Hosenrand baumelnde Zizit. Aber meine blonden Haare und grünen Augen würden jeden Neonazi in Entzücken versetzen. Neulich haben sogar zwei alte Omis im Bus hinter mir getuschelt, was für einen schönen Zopf ich nicht hätte und wie tolle Zöpfe sie in ihrer Jugend getragen hätten.[2] Natürlich zeigt das nur, dass was in den Köpfen der Leute nicht stimmt: Es gibt blonde, rothaarige, braunhaarige, schwarzhaarige und grauhaarige Jüd_innen, mit hellweißer und tiefschwarzer Haut und alles dazwischen. Aber da Leute eben das Klischee von der dunkelhaarigen Jüdin im Kopf haben, habe ich schon öfter gehört, dass ich nicht jüdisch aussehe.

Und jetzt hatte ich einen riesigen Davidstern auf der Brust und zwei auf den Oberarmen. Und das nicht allzu lang nachdem in meinem Grätzel ein Mann zweimal Juden, die als solche erkennbar waren, unter wüsten Beschimpfungen angegriffen hat. Mein Puls beschleunigte sich, als ich Richtung U-Bahn ging. Auf einmal überprüfte ich doppelt, ob Blicke an mir hängen blieb und ob diese freundlich oder unfreundlich waren. In der U-Bahn hatte ich das Gefühl, dass mich einige Leute musterten – aber das kam vielleicht daher, dass ich anders als sonst jedem ins Gesicht sah, um festzustellen, ob die Leute etwas gegen mich hatten.

Vor längerem schon hatte ich überlegt, einmal mit diesem T-Shirt in mein Fitnesscenter zu gehen, um zu sehen, ob ich angepöbelt werden würde – eher mit der positiven Erwartung, dass es wahrscheinlich jedem egal sein würde. Ich glaube, ich wollte mich positiv überraschen lassen. Auf dem Weg zum Interview jetzt dachte ich nach, ob ich vielleicht einmal probehalber eine Woche lang das Shalom, Oida!-Shirt tragen sollte, um einen spannenden Blogpost darüber zu schreiben.

Nach dem Gespräch beschloss ich, die Schönheit des Abends zu nutzen und einen Spaziergang nach Hause zu machen. Die blaue Stunde senkte sich langsam über die Türme und Altbauten meiner Heimatstadt und je näher ich dem Donaukanal kam, desto mehr Gruppen von männlichen Jugendlichen tauchten rings um mich auf. Orientalischer Hip-Hop (ich sage hier orientalisch, weil ich nicht gebildet genug bin, Pashtu von Darí zu unterscheiden – ich kann schon Farsi nur mit Mühe erkennen) wummerte aus ihren Handys und bildete eine Kulisse für meine immer noch steigende Aufregung. Würde mich jemand beschimpfen, angreifen, fragen, ob ich jüdisch bin? Nö. Nichts geschah. Tatsächlich wurde ich nicht mal angemacht, im Gegensatz zu einigen Malen wo ich einfach so „bloß“ als Frau auf der Straße unterwegs war. Aber allein zu merken, wie nervös ich war und wie viel Aufmerksamkeit ich meiner Umgebung schenkte, brachte mich von der Idee ab, mein T-Shirt eine längere Zeit hindurch zu tragen, nur um zu schauen, ob etwas passieren würde. Hey, dachte ich mir, vor Kurzem sind ganz in der Nähe Juden attackiert worden, und du denkst überhaupt darüber nach, dich der Möglichkeit einer solchen Erfahrung freiwillig auszusetzen? Ein Mitglied meiner Gemeinde wurde getreten, bloß weil es eine Tasche von einer jüdischen Konferenz getragen hat. Eine Dame, die ich kenne, traut sich nicht mit ihrem Siddur in die Öffis. Ich kann froh sein, dass ich im Gegensatz zu einem orthodoxen Mann keine innere Notwendigkeit, keine religiösen Vorschriften habe, die mich dazu bringen, eine bestimmte, identifizierende Kleidung zu tragen.[3]

Als ich – noch immer unbehelligt – auf die Taborstraße einbog, spürte ich auf einmal den positiven Aspekt der Sichtbarkeit. Hier ein kurzer Exkurs: Ich leide manchmal, weil ich jüdische Menschen auf der Straße sehe und mich ihnen verbunden fühle, sie aber nicht in Angst und Schrecken versetzen will, weil ihnen auf einmal eine blonde vermeintliche Schickse ohne Grund verbindlich zulächelt. Manchmal kann ich es mir aber nicht verkneifen. Einmal sah ich zwei sympathische junge Männer vor einem Chabad-Gebetshaus stehen und mir rutschte einfach ein Lächeln raus. Einer der beiden rief mir nicht unfreundlich nach: „Hey, why are you smiling like that?“ Ich drehte mich um und rief zurück „Because I am jewish like you!“. Die beiden lachten und wir wünschten uns Schabbat Schalom.

Jedenfalls hatte ich mein Shalom, Oida!-T-Shirt an und fühlte mich auf einmal viel wohler, wenn ich an Insrigen vorbeiging, weil ich wusste, dass ich für sie mindestens als Sympathisantin, wenn nicht gar als Part of the Tribe erkennbar war.

Dann, kurz vor meiner Haustür, passierte doch etwas. Ich kratzte mich gedankenversunken an der Nase und betrachtete die Hauswände ringsum. Als ich wieder geradeaus blickte, merkte ich, dass ein großer, älterer Mann mich beobachtet hatte. Er schenkte mir ein extra breites Lächeln.

 

 

[1] Sicher, ein T-Shirt macht noch keine Jüdin, aber schon mit einem fetten Magen David auf der Brust rumzurennen ist derzeit leider nicht so die beste Idee.

[2] Der blonde Zopf mit Edelweißspange ist übrigens auch das Symbol des Frauenzweigs der rechtsextremen Identitären.

[3] Vor Kurzem hat mir sogar ein konservativer Rabbiner gesagt, dass solange man bei einer Hose erkennen kann, dass sie für Frauen geschnitten ist, sie tzanua ist. High five! Ich kümmere mich nicht allzu viel um Tzniut, aber es ist gut zu wissen.

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