Lasst uns über Georg Egger reden

Wie es ist, sowohl Opfer- als auch Täternachkommin zu sein

Mittlerweile gibt es Forschung zu den Traumata, die von Generation zu Generation innerhalb der Familien der Opfer der Schoah weitergegeben werden. Auch gibt es Forschung zu Denk- und Verhaltensmustern, die häufig in Täterfamilien auftauchen. Ersteres wird mit transgenerationalem Trauma bezeichnet, Zweiteres würde ich eher eine transgenerationale Verstrickung nennen. Aber es gibt so gut wie kein Material dazu, was es bei Menschen auslöst, sowohl Opfer- als auch Tätervorfahr_innen zu haben.[1] So wie ich zum Beispiel.

Meine Uroma mütterlicherseits hat in Wien überlebt, während sie miterleben musste, dass der allergrößte Teil ihrer tschechischen Familie ins Ghetto deportiert und ermordet wurde. Meine Oma war ein junges Mädchen während der Nazizeit, aber alt genug, diese bewusst mitzuerleben und als Jüdin drunter zu leiden. Sie hätten mit dem letzten Zug doch noch deportiert werden sollen, aber dann hieß es, man hätte Probleme mit dem Ofen. Das war das Codewort dafür, dass die Alliierten gekommen sind.[2]

Mein Uropa väterlicherseits, Georg Egger, war Prokurist bei dem Metallwerk Schoeller-Bleckmann. Wisst ihr, was lustig ist? Wenn man auf die Website der Firma geht, und sich die Firmenhistorie anschaut, liest man:

1924: Zusammenschluss der Firma Schoeller mit der Firma Bleckmann aus Mürzzuschlag zur Firma Schoeller-Bleckmann AG

1946: Verstaatlichung nach dem 2. Weltkrieg

Was hier fehlt, ist, dass der Besitzer von Schoeller-Bleckmann schon NSDAP-Mitglied war, als die Partei noch verboten war.[3] Ich glaube gehört zu haben, das galt auch für meinen Uropa. Jedenfalls hatte er so viel Vertrauen des Besitzers, dass er dort als Prokurist für das Unternehmen verantwortlich war. In der Zeit des Nationalsozialismus produzierte Schoeller-Bleckmann Waffen. Es war verboten, das Gelände zu betreten, sagt meine Oma. Und als ich recherchiert habe, habe ich herausgefunden, dass mein Uropa für ca. 3000 Zwangsarbeiter_innen verantwortlich war. Bäm.[4]

Was hat das mit mir gemacht, diese so unterschiedlichen Seiten in meiner Familienbiografie zu haben?

Ich war mir dessen schon sehr früh bewusst. Meine Eltern sind als ich klein war zu einer von einer Psychotherapeutin geleiteten Gruppe für Opfer- und Täternachfahr_innen gegangen. Bei diesen Treffen war ich schon dabei, als ich noch nicht verstanden habe, worum es ging. Da es so wenig Literatur zum Opfer- UND Täternachkomm­­_in-Sein gibt, kann ich hier nur eine Liste von all dem machen, wo ich in Psychoanalyse und durch Recherche draufgekommen bin, dass es damit zu tun haben könnte:

–       Wie ich oben erwähnt habe, gibt es transgenerationales Trauma und transgenerationale Verstrickung. Ich glaube ich habe beides. Mal steht das eine, mal das andere im Vordergrund, und sie spießen sich furchtbar miteinander.

–       Von klein auf hatte ich Angst vor mir selber. Ich dachte, es gäbe in mir etwas sehr Gefährliches und dass ich mich extrem unter Kontrolle halten muss, damit es nicht herauskommt. Jüdisch zu sein bedeutet, dass man ist, was man ist, weil die Vorfahr_innen das waren, was sie waren. Wir legen viel Wert auf die Weitergabe von Generation zu Generation. Aber wenn man Täternachfahrin ist, muss man sich von den Vorfahr_innen distanzieren können und sagen können: Sie waren so, aber ich bin (bewusst!) ganz anders. Das sind zwei Arten, Nachkommenschaft zu interpretieren, die nicht miteinander vereinbar sind.

–       Als Jugendliche war ich sehr propalästinensisch. Ich hatte viel mehr Verständnis für das Leid der Palästinenser_innen als für das der Israelis, meiner Volksgenoss_innen. Bei einer Recherche habe ich herausgefunden, dass es für Täternachfahr_innen sehr leicht ist, parteiisch zugunsten der Feinde der Opfer zu sein. Es gibt außerdem den Mechanismus der Schuldumkehr: Wenn das Opfer kein perfektes Opfer ist, sondern auch menschlich dh. fehlerhaft, meinen die Täter_innen, dass ihre Verbrechen gerechtfertigt waren. Das ist eine psychische Vorrichtung, die Täter_innen und ihre Familien vor Schuld, Reue und Scham bewahrt und zB. Täternachfahr_innen dazu bringt, Israelis mit Nazis zu vergleichen. So arg war es bei mir nie, aber es ging in diese Richtung. Erst später habe ich begonnen, mehr jüdische Freund_innen zu haben und zu verstehen, was das Land Israel für sie, für uns, bedeutet. Als ich meinen Selbsthass aufgegeben habe, wurde es für mich auch denkbar, ein Land haben zu wollen, das mich schützt und in dem ich keiner Minderheit angehöre. Jetzt sehe ich das Leid auf beiden Seiten und wenn es um Solidarität geht, liegt meine bei all jenen, die sich für Frieden und Verständnis einsetzen – Israeli oder Palästinenser_in.

–       Manchmal bin ich extrem wütend auf die Täter_innen und ihre Nachfahr_innen, (wissend, dass die Nachkommen nichts dafür können, aber Gefühle sind eben kindlich, roh und undifferenziert). Es ist vorgekommen, dass ich in einem katholischen Gottesdienst war, mir die weißhaarigen Katholik_innen rundherum angesehen habe und Wut und Verachtung in mir aufgebrandet sind, als ich sie in Gedanken angeschrien habe: „Was hast du im Krieg gemacht? Und deine Eltern?“ Wenn Täternachkomm_innen sich greinend einen Schlussstrich wünschen und überhaupt die Täter_innen ja auch so viel Schmerzen erlitten haben, gehen meine Ohren zu und ich höre nur „Mimimimimi“. Das Schlimme ist, ich bin auch eine Täternachfahrin. Ab und zu kann ich mir kaum verzeihen dafür. In den dunkelsten Momenten bin ich wütend auf meine Eltern, dass sie, ausgerechnet sie mit diesen beiden Familienbiografien, zusammengekommen sind und mich auf die Welt gebracht haben.

–       In Bezug auf diese Nachkommenschaftssache habe ich das Gefühl, zwei Personen zu sein: Die Jüdin und die Täternachfahrin. Es geht einfach nicht zusammen. Das heißt nicht, dass wir zwei uns hassen müssen, wir arbeiten zusammen an einer völligen Aufarbeitung beider Seiten der Familiengeschichte, um uns besser kennenzulernen. Wir haben beide unsere Berechtigung. Aber wir können (noch?) nicht eins sein, ein Mensch, eine Person.

–       Dabei steht die Jüdin im Vordergrund. Ich bin Jüdin, das ist meine Religion, meine Art zu leben und zu denken. Aber Jüdin zu sein hat für die Täternachfahrin bedeutet, lange verborgen zu bleiben. Erst vor zwei Jahren habe ich begonnen, wirklich meine Verwandten über diesen Teil der Familie zu befragen und nachzurecherchieren. Davor dachte ich, die Täterseite betrifft mich nicht, ich bin ja Jüdin, mein Uropa würde sich dreimal täglich im Grab umdrehen, wenn er das wüsste, und damit hat’s sich.

–       Aber damit hat es sich nicht, denn auch bei mir treten typische psychische Mechanismen der Täterfamilien auf. Das Schuldgefühl zum Beispiel. Ich glaube nicht, dass mein Uropa sich jemals mit seiner Schuld auseinandergesetzt hat. Daher ist dieses Gefühl tradiert worden an die Nachkommen. Die haben sich zwar nicht schuldig gemacht, fühlen sich aber trotzdem so. Als ich die Möglichkeit hatte, ehrenamtlich für die jüdische Gemeinde zu arbeiten, habe ich auf einmal gemerkt, dass ich mich massiv überarbeitet habe. Ich bin teils die halbe Nacht arbeitenderweise wachgeblieben, habe acht, zehn Stunden am Stück meine Aufgaben erledigt und hatte eine abartig starke Motivation. In Psychoanalyse bin ich viel später draufgekommen, dass dahinter auch ein transgenerationales Schuldgefühl steckt – nicht nur das meiner Uroma, die überlebt hat während andere ermordet wurden, sondern auch das meines Uropas. Er hat Menschen zur Arbeit gezwungen und ein antisemitisches Regime unterstützt, jetzt musste ich mich zur Arbeit zwingen und Jüd_innen unterstützen. Inwiefern das mein Engagement im interreligiösen Dialog beeinflusst hat, traue ich mich noch kaum zu hinterfragen. Ich will keine von den komischen Leuten sein, die sich im interreligiösen Dialog engagieren, nur weil ihnen das Schuldgefühl überall raustropft. Wenn ich mich engagieren will dann reflektiert und ehrlich.

–       Ich fühle mich nicht jüdisch genug. Und ich schäme mich, wenn ich mit „meinen Leuten“ unterwegs bin, mit meinen Volksgenoss_innen, und es um unsere Familiengeschichten geht. Zum Beispiel würde ich nie vor der Oma einer Freundin, die im Konzentrationslager war, über meinen Uropa reden und über die Zores, die er mir bereitet. Never ever. Luxusprobleme, denkt ein Teil von mir dann, Tätermimimi.

Ich glaube, dass mein Job nicht nur deswegen emotional zu heftig für mich war, weil es eben schlimm ist, jeden Tag mit der Schoah konfrontiert zu werden. Ich habe die Situation zusätzlich nicht ausgehalten, weil ich zwei Herzen habe, von denen jedes bei einer Konfrontation mit dem Thema zur gleichen Zeit auf ganz unterschiedliche Weise getroffen wird. Das heißt aber nicht, dass ich mich der Geschichte nicht stellen würde. Ich bin mir eher bewusst, dass es zwei sehr unterschiedliche Seiten in mir gibt, die jeweils ihre eigene Aufarbeitung brauchen. Ich rede mit meinen beiden Großmüttern, um mehr über die beiden Familiengeschichten zu erfahren. In letzter Zeit lese ich mehr über die transgenerationalen Muster in Täterfamilien, weil ich das so lange vernachlässigt habe. Es ist wirklich hart, sich aus dieser lange verdrängten Perspektive damit zu beschäftigen. Meist lese ich nicht lang am Stück, weil es mich so unruhig macht. Aber die Dinge müssen ans Licht, um einen guten Platz zu finden.

 

 

[1] Jemand, der sich damit aus therapeutischer Sicht beschäftigt hat, ist Daan van Kampenhout (http://daanvankampenhout.com/nl/). Eine Teilnehmerin eines seiner Seminare hat mir erzählt, dass dort sogar eine Frau war, deren erster Großvater in dasselbe Konzentrationslager gesteckt wurde, in dem ihr zweiter Großvater NS-Aufseher war.

[2] Was ich hier erzähle, ist meist Familienlegende, so gut ich sie recherchieren und nachfragen konnte. Was in Familien weitergegeben wird, kann von dem abweichen, was tatsächlich passiert ist. Allerdings hat bei transgenerationaler Weitergabe m.E. das Narrativ zunächst einmal die größere Auswirkung als die Realität.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Schoeller-Bleckmann_Stahlwerke#Fusionen_und_Firmenstruktur_ab_1924

[4] http://www.stahlstadtmuseum-ternitz.at/ternitz/

2 Kommentare zu „Lasst uns über Georg Egger reden“

    1. Vielen Dank. Es ist wirklich nicht so einfach, auch über diese Seite zu reden; aber sie ist eben Realität und nicht nur für mich. Es gibt auch andere Jüd_innen, die Täter_innen oder Mitläufer_innen in ihrer Familiengeschichte haben. Trotzdem ist das ein Thema, auf das ich ganz selten stoße. Die Konstellation kommt vielleicht wirklich nicht so häufig vor, aber ich denke, sie wird auch deswegen kaum untersucht oder in den Medien beleuchtet, weil es eine komplexe Sache ist und einige Graubereiche und Tabus berührt.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.