5 Typen von Tallitträger_innen

Wenn zu den Hohen Feiertagen die Synagoge wieder einmal zum Bersten voll ist, kann man beobachten, dass Menschen ihre Tallitot auf sehr unterschiedliche Weise tragen.

Typ 1: Der Superman

Superman
(c) Sarah Egger, 2018

Der Superman bemüht sich zwar,  den Stoff auf traditionelle Weise über den Schultern zu falten. Der einzige Effekt, den er damit erzielt, ist aber der von Chris Hemsworth‘ Tor-Umhang. Sein Tallit fällt im Rücken bis fast auf den Boden herab und erinnert damit stark an Clark Kents Weltrettungsmontur. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht hat ihm auch einfach seine Mame einen viel zu großen Talles aus Eretz Jisroel mitgebracht, weil ihr Söhnchen der Größte für sie ist.

Typ 2: Die Traditionalistin

Traditionalistin

Selbst Moses könnte von ihr lernen, sich seinen Tallit richtig überzuwerfen. Die Falten bilden symmetrische Dreiecke, die Zizit sind immer an der richtigen Stelle und das Tuch hängt weder vorne noch hinten zu lang oder zu kurz herab. Die traditionelle Tallit-Trageform verlangt einem einiges an Aufmerksamkeit während des Gottesdienstes ab: Wenn schwerer Stoff auf schmalen Schultern liegt, rutscht er einfach. Dennoch schafft die Traditionalistin es, ihren Tallit immer wieder perfekt zu drapieren. Kein Wunder, hat sie doch schon einen getragen als man die Frauenbewegung noch längst nicht „Second-Wave-Feminismus“ genannt hat.

Typ 3: Der Ich-Habe-Wichtigeres-Zu-Tun-Als-Mich-Um-Meinen-Rutschenden-Tallit-Zu-Kümmern

BesseresZuTun

Dieser Tallitträger hat es aufgegeben. Er bemüht sich nicht einmal, seinen Talles in gleichmäßige Falten zu legen und die Zizit schön nach vorne zu ziehen. Lose hängt ihm der Stoff von den Schultern, ähnlich dem Superman, aber aus einem anderen Grund: Dieser Mensch hat Wichtigeres zu tun. Entweder trägt er eines oder mehrere seiner Kinder am Arm und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, auch noch immer wieder seinen Tallit zu richten. Oder er ist, sagen wir, der Kantor. Oberkantor Shmuel Barzilai hat sogar eine Spange, die ihm den Tallit in genau dieser capeartigen Position zusammenhält, damit er sich voll und ganz aufs Singen konzentrieren kann. Die gleichgültige Nonchalance dieser Trageart nötigt mir jedenfalls immer wieder Respekt ab.

Typ 4: Die Elegante

Elegant

Diese Art, den Tallit zu tragen, ist die Einzige, die das Wort „Gebetsschal“ rechtfertigen würde, das Leute manchmal verwenden, die sich die richtige Aussprache von „Tallit“ nicht zutrauen. Einerseits ist es so, dass manche liberale Jüdinnen zeigen wollen, dass sie auch einen Tallit tragen, wie die Männer – aber dass sie es dennoch anders machen, femininer, eleganter eben. Die haben dann einen relativ schmalen Schal mit schönen Stickereien drauf. Andererseits gibt es die Situation, dass Leute gar keinen Tallit mithaben, aber vom Schammes eine Rolle im Gottesdienst zugewiesen bekommen, bei der es dann die Würde der Funktion verlangt, dass sie einen tragen. Also werden sie rasch aus dem Synagogenfundus von Billigtallitot ausgestattet und müssen sich mit einem Kinder-Polyester-Tüchlein zufrieden geben, unter dem man grässlich schwitzt. Es kann aber auch vorkommen, dass der schmale, simpel um den Hals gehängte Tallit eine Form des Ich-Habe-Wichtigeres-Zu-Tun-Als-Mich-Um-Meinen-Rutschenden-Tallit-Zu-Kümmern ist. Der Kantor in meiner Gemeinde hält es so.

Typ 5: Frostschutz

Klimaanlage

In meiner Heimatgemeinde gibt es ein besonderes Naturschauspiel: Der Rabbiner steht vorne und schwitzt unter den Halogenstrahlern wie die Israelit_innen in der Wüste. Dem Rest der Gemeinde geht es eher wie Polarforschern in der Arktis. Man tritt von einem Bein aufs andere, zittert, reibt sich die Arme und ist heilfroh, dass Tallitot aus Wolle gewebt sind. Kippot sind bei uns nicht nur da, um unsere Ehrfurcht gegenüber Gott zu zeigen. Der Präsident trägt eine scheinbar selbstgemachte, aus dicker Wolle gehäkelte Kippah, die ihm auch dann den Kopf warmhält, wenn die Klimaanlage auf Hochtouren rennt. Wenn es jedoch zu kalt wird, geht irgendjemand den Eishauch ausschalten. Dann haben wir eine Zeit lang angenehme Frühlingstemperaturen, bevor eine mörderische Hitzewelle über die Synagoge hereinbricht: Ansonsten sehr auf Tzniut bedachte Damen reißen sich die Pullover vom Leib, die Flirtbereitschaft steigt erheblich und man stellt fest, dass jemand von den jungen Rebellen sich DOCH ein Tattoo hat stechen lassen. Tsk! Wenn es dann zu viel wird und man sich auf die Lesung konzentrieren soll, schaltet der pflichtbewusste Schammes die Klimaanlage wieder ein und der Kreislauf fängt von vorne an.

Welche Arten von Tallitträger_innen habt ihr in eurer Gemeinde? Was ist das Verrückteste, was ihr jemals in der Hinsicht gesehen habt? Schreibt mir unten einen Kommentar!

Ein Gedanke zu „5 Typen von Tallitträger_innen“

  1. »Der-Tallit-über-dem-Kopf-Träger« fehlt, meiner Meinung nach, noch in der Liste . Da gibt es diejenigen, denen das bei der Kawanah hilft und es gibt diejenigen, die das demonstrativ betreiben, aber dann an Jom Kippur während der Haftarah dann doch mal kurz draußen eine Zigarette rauchen…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.