Reisetagebuch Heppenheim, Tag 1, Stand 16:58

Wegrennen vor dem Killerwal, Routine und Restmüll, Gender und Germanen

06:45

Heute wird hauptsächlich ein Reisetag. So was ist nicht nur aufregend, sondern hat auch seine unerfreulichen und rätselhaften Seiten. Die Bierfahne, die den hustenden und rotzenden Mann dir gegenüber umweht. Die Festhalteschlaufe eines Wiener Busses, die unvermittelt an einer Säule hängt. Warum? Hat jemand sie aus Jux und Tollerei dort hingehängt? War es aus einem sozialen Gedanken heraus, damit sich ein gefallener Sandler dort wieder aufrichten kann? Und: Kann man die Anzeige der Bahnhofstafel auch als „Renn weg – Killerwal“ lesen?

TD1

Es ist früh am Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen hauchen ein zartes Rosa auf die Wolken über dem Zentralfriedhof. Industriegerippe erheben sich aus weißem Morgennebel. Noch im Zug bete ich Tfilat haDerech.

08:09

Durch die Sicherheitskontrolle, voller Stolz auf mein flüssigkeitsfreies Necessaire (feste Haarseife, Zahnpulver, Deokristall), sitze ich auf einer bequemen, anscheinend extra für Blogger_innen eingerichteten Polsterinsel mit zwei Steckdosen und W-LAN.

Auch wenn es wenig mit Judentum und interreligiösem Dialog zu tun hat, will ich ein paar Tipps und Gedanken für Konferenzen teilen, die mir das Leben leichter machen.

Konferenzen in anderen Ländern sind spannend und bereichernd. Manche genießen es, einmal aus ihrer Routine herausgeholt zu werden. Ich teilweise auch; aber Routinen sind für mich auch wie Leitlinien, die Sicherheit geben und mich entspannen lassen. Bevor ich begonnen habe, mir darüber Gedanken zu machen, waren Dienstreisen für mich eine Zeit von Stress und von zu viel Essen, das ein unangenehmes Gefühl hinterlässt.

Daher überlege ich mittlerweile im Vorhinein, was mir wichtig ist und wie ich mir auch in einer nicht vertrauten Umgebung schnell eine Routine aufbaue. Das hilft letztlich nicht nur mir, sondern bedeutet auch, dass ich konzentrierter und wacher bin und in den Arbeitsgruppen besseren Input geben kann. Dazu gehört:

  • Wie gewohnt um 22 Uhr schlafen gehen, auch wenn die anderen noch fortgehen (Was bringt ein Socialising-Abend, wenn ich dafür den ganzen nächsten Tag fertig und grumpy bin?)
  • Vor dem Frühstück 15-20 Minuten Resistance Training mit Körpergewicht oder Theraband
  • Immer dasselbe frühstücken (finde einmal eine nährstoffreiche Mischung und du brauchst die nächsten Tage nicht mehr nachdenken)
  • Vor der Konferenz gesunde Jause wie Obst und Gemüse kaufen, um nicht währenddessen auf die ubiquitären Keksteller angewiesen zu sein; auch Proteinriegel sind gut, wenn man generell viel Sport macht und nicht absehen kann, wie gut man seinen Eiweißbedarf tagsüber wird abdecken können

Die Proteinriegel bringen mich zu einem weniger angenehmen Punkt: Es ist unwahrscheinlich, während einer Konferenz keinen Restmüll zu produzieren. Man kann das Gröbste vermeiden, indem man seine eigene Wasserflasche (oder, so Kaffeetrinker_in, wiederverwendbaren Kaffeebecher) mitbringt und vorher verpackungsfreie Snacks einkauft. Aber es kann sein, dass kein Biomüll für die Bananenschale bereitsteht, es mit Mülltrennung generell nicht weit her ist und ihr ein Lunchpaket vorbereitet bekommt, in dem Plastikgeschirr, Plastikflasche und Plastiksackerl auf euch warten. Und ihr könnt annehmen, dass die Sachen nicht weiterverwendet werden, wenn ihr dankend ablehnt.

Das ist einfach eine Realität, die u.a. dazu geführt hat, dass Bea Johnson’s 5 „Rs“ für Zero Waste (Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot) von einigen um einen sechsten Punkt erweitert wurden: Relax. Versuch nicht dran zu denken, dass die Folie deines in drei Minuten verschlungenen Jausenriegels noch geschätzte 300 Jahre auf diesem Planeten herumwirbelt, während die Würmer deinen Körper längst kompostiert haben. Jetzt gerade ist es eben so, und du tust im normalen Alltag eh dein Möglichstes. Wenn man alleine reist, ist Zero Waste wesentlich leichter umzusetzen als wenn das Setting von einer Gruppe bestimmt wird, die nicht daran gewöhnt ist.

09:30

Sind im Flieger und mich durchströmt dieselbe Aufregung wie immer, bevor die Maschine abhebt. Und Erleichterung – mein Sitz ist direkt vor dem Notausgang. Kennt noch jemand diesen Gedanken: „Es darf nicht sein, dass meine Vorfahren die Schoah überlebt haben, nur damit ich in einem Flugzeug abstürze, bevor ich Kinder in die Welt gesetzt habe“? Was die Sicherheitsanweisungen des Stewards betrifft, merke ich, dass sich das Rad der Zeit nach vorne gedreht hat: Mehr und mehr betreffen sie den Umgang mit elektronischen Geräten. Nur die bunten Comics, die einen auf das Schlimmste vorbereiten sollen, sind nach wie vor gender biased: Warum kann nicht mal ein Kerl sein Baby auf der Rutsche in Sicherheit bringen? Auch die Bordküche ist traditionell: obwohl ich bei der Buchung die Option „vegetarisch“ anklicken konnte, gibt es nur Pastrami-Sandwiches. Wäre es nicht irgendwie sinnvoller, Sandwiches von Vornherein vegetarisch zu machen? Fleischesser_innen können  auch mal ohne Fleisch auskommen, aber Vegetarier_innen können oft aus bestimmten Gründen kein Fleisch essen. Außerdem würde es den CO2-Abdruck der Luftlinie um ein Stück senken, wenn sie nur pflanzliche Nahrung oder zumindest kein Fleisch anbietet.

12:20

Komme gerade aus Frankfurt und sitze im Zug nach Frankfurt. Emes, um nach Heppenheim zu gelangen, muss man vom Frankfurter Fernbahnhof nach Mannheim fahren, dort umsteigen und wieder zurück Richtung Frankfurt fahren – aber halt im Regionalexpress.

Als ich das letzte Mal in Deutschland angekommen bin, habe ich mich etwas verloren gefühlt. Die Menschen kamen mir alle riesig vor. In meiner Familie nennen wir die Deutschen liebevoll „die Germanen“. Dazu muss ich sagen, dass enge Familien- und Arbeitsbeziehungen bei uns nach Deutschland bestehen – aber ihr dürft mich trotzdem gerne jedes Mal „Schluchtenscheißerin“ nennen, wenn ich ein Klischee oder Vorurteil vom Stapel lasse. Dieses Mal jedenfalls kamen mir die Menschen nicht so unvertraut hünenhaft vor – und ich habe sogar Chassidim am Flughafen gesehen!

13:50

Endlich angekommen im Hotel! Werde mich bald auf den Weg ins Martin-Buber-Haus machen. Am Weg hierher habe ich eine junge blonde Frau gesehen, auf deren Hoodie „Meine Liebe. Meine Heimat. Mein Verein“ stand, in Frakturschrift. Vielleicht war das keine Nazisache, aber es hat mich zum Nachdenken gebracht, was genau Arier- und Deutschtumsbegeisterte Leute meinen, wenn sie stolz auf „unsere Kultur“ sind. Was meinen zum Beispiel rechtsorientierte Österreicher_innen, warum gerade ihre Kultur so was Tolles ist? Grünen Veltliner anbauen? Brustvergrößernde Frauentrachten schneidern und Lederhosen, die super sind, weil man sie nicht waschen muss? Ist das ein Minderwertigkeitskomplex, weil die Inder das Taj Mahal geschaffen haben und der Nahe Osten den Monotheismus, aber wir Österreicher_innen erst den englischen König gefangen nehmen mussten, bevor wir genug Geld erpressen konnten, um so ein Spuckerl wie Wiener Neustadt damit zu bauen? Was ist es dann bei den Deutschen? Ich habe eine deutsche Freundin gefragt, ob sie eigentlich weiß, was genau gemeint ist, wenn Deutsche stolz auf „unsere Kultur“ sind. Goethe vielleicht? Sie meinte, da sei überhaupt nichts dahinter. Wenn, dann seien die Leute stolz auf den Karneval. Hm…

16:58

Viele der anderen Teilnehmenden kommen erst später am Abend an; das Programm geht erst morgen wirklich los. Habe ein bisschen das wunderschöne Heppenheim erkundet, aber viel mehr als dass die kleinen Gässchen mit den Fachwerkhäusern einfach super schnuckelig aussehen habe ich nicht zu erzählen.

2 Kommentare zu „Reisetagebuch Heppenheim, Tag 1, Stand 16:58“

  1. Hilft Haarseife, benutze ich auch, gegen den CO2-Ausstoß beim Fliegen, vegetarisches Essen im Flieger, auch gegen den Verpackungsmüll bei Flugzeugfutter? Die eigne Stulle hülfe mehr, vor allem im Zug, das eigne Handtuch , Jugendherberge statt Hotel, geht auch bei Konferenzen. Proteinriegel? Quark macht weniger Plastikmüll, ihn gibt es an fast jedem Frühstücksbüffet.

    Manchmal jammere auch ich von einem hohen Ross.

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    1. Ich denke es ist wichtig, wenn man schon bemüht ist, auf die Umwelt zu achten, dass man einander unterstützt, anstatt zu betonen wie einfach es wäre, mehr zu tun. Jedes Fitzelchen Plastikmüll, das vermieden wird, ist doch gut! Ich freue mich, dass Du viele für dich passende Lösungen gefunden hast. Vieles ist eine Sache von persönlichem Abwägen in genau dem Moment. Ich meinte nicht, dass Haarseife gegen den CO2-Ausstoß beim Fliegen hilft; vielmehr freue ich mich, dass ich keine Flüssigkeiten zum Rauskramen bei der Kontrolle habe. Ich nehme durchaus mein eigenes Essen mit auf Reisen (es ist ziemlich witzig, die Flughafensecurity mit einer im Handgepäck verstauten Gurke zu konfrontieren). Jugendherberge vs Hotel ist in dem Fall vom Veranstalter vorgegeben – ich habe mich zB noch gar nicht mit der Umweltfreundlichkeit von Hotels gegenüber Herbergen beschäftigt. Danke für den Hinweis. Das mit dem Topfen ist so eine Sache. In Österreich gibt es entweder Topfen im Glas, der über 40% Fett hat, oder Magertopfen in Plastik. Außerdem muss er unterwegs gekühlt werden und ich brauche ja nicht nur in der Früh Protein. Früher war Magertopfen meine Haupteiweißquelle, auf die ich jetzt verzichte. Als Vegetarierin ist es nicht einfach, mitnehmtaugliche und fettarme Optionen zu finden. Könnte mal probieren, Sojabohnen zu rösten oder so. Aber das geht ziemlich ins Detail. Ich mache es auf Reisen jedenfalls meist so, dass ich mir eine Auszeit nehme und wieder drauf schaue, sobald ich zuhause bin und weiß, wo ich alles in der bestmöglichen Option bekomme.

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