Reisetagebuch Heppenheim, Tag 2, Stand 20:03

Statue von Martin Buber
Gestern Nachmittag im sonnigen Heppenheim. Diese Statue von Martin Buber steht gegenüber dem Hauptquartier des ICCJ.

08:53

Gestern gab es nur ein kurzes Sich-Auf-Den-Letzten-Stand-Bringen mit Anette Adelmann, der Geschäftsführerin des ICCJ. Sie ist eben erst von einer richtigen Reisetournee zurückgekehrt: Eine Eröffnung eines interreligiösen Zentrums in Ägypten, eine Reise nach Israel, anschließend gleich nach Lund, wo wenn ich mich richtig erinnern kann die nächste ICCJ World Conference stattfinden wird. Außerdem sind gestern ein deutsch-türkischer und ein iranischer Kollege sowie eine Kollegin aus den USA eingetroffen. Diese leitet dort ein Zentrum, in dem christliche, jüdische und muslimische Seelsorger ausgebildet werden. „So we are in the situation that we have muslim students in a christian college that are educated in jewish hospitals!“ – Namen und Details folgen, mein Namensgedächtnis ist schrecklich, es wird etwas dauern, bis ich mir alles richtig gemerkt habe.

Was das Bloggen betrifft, meinte Anette, ich brauche keine Namen auslassen, sie sind alle stolz auf das was sie tun und ganz froh, wenn andere davon erfahren. Ich kann also live von der Neugründung des International Abrahamic Forum berichten. Dieses war schon längere Zeit eine Arbeitsgruppe des International Council of Christians and Jews. Gewisse Umstände haben jedoch zu seiner Auflösung (bis auf drei Personen) und Neugründung geführt. Heute Vormittag werden wir über die Mission und Definition des neuen International Abrahamic Forum sprechen. Dazu bin ich neben anderen als mitdenkender Gast eingeladen. Was ich von gestern Abend mitgenommen habe:

  • Wenn man eine Untergruppe einer Organisation gründet, braucht diese nicht unbedingt in sich ein Abstimmungssystem, um zu Entscheidungen zu gelangen (was dazu führt, eine ungerade Zahl von Personen zu beteiligen)
  • Bei einer interreligiösen Gruppe ist es wichtiger, eine ausgeglichene Anzahl von Personen mit der jeweiligen Religion zu haben (Was eher dazu führt, eine gerade Anzahl von Personen in der Gruppe zu haben)
  • Wichtige Funktions-, Würden- und Entscheidungsträger in einer interreligiösen Gruppe zu haben, mag ihr Prestige verleihen – aber gerade diese Personen sind oft schwer beschäftigt und haben wenig Zeitressourcen, um sich der Arbeit der Gruppe zu widmen.
  • Im Iran sind 70% der Studierenden Frauen und auch die Beteiligung von Frauen in Führungspositionen ist ziemlich gut.

Außerdem war es spannend, einmal mit jemandem aus dem Iran zu reden, der kein Flüchtling ist. Ich kenne einige Frauen und einen Mann, die aus dem Iran nach Österreich geflohen sind und hier um Asyl angesucht haben mit der Begründung, zum Christentum konvertiert zu sein. Mein Gesprächspartner hier sieht das sehr kritisch, er meint, solche Leute müssen übertreiben, weil sie Asyl bekommen wollen. Ich kann weder seine Sicht noch die tatsächlichen Beweggründe der Geflohenen, die ich kenne, wirklich durchschauen und beurteilen. Ich denke mir aber schon, wenn jemand den zermürbenden Asylprozess und die Fremdenfeindlichkeit in Österreich einem Leben im Iran vorzieht, dann kann das kein Leben mit Perspektive gewesen sein.

14:36

Der Vormittag war unwahrscheinlich konstruktiv. Mittlerweile sind eine christliche Kollegin aus Rom und ein jüdischer Kollege aus den USA eingetroffen, ebenso ein jüdischer Kollege aus Deutschland (Frederik?? Namensgedächtnis, sry – von den Dialogperspektiven, wo ich vor Kurzem bei einem Panel war). Wir haben das Vision and Mission Statement des International Abrahamic Forum fertig überarbeitet, eben legt Anette es dem ICCJ-Vorstand per Skype aus, während wir Mittagspause haben. Ohne Skype wäre es unwahrscheinlich schwer, interreligiösen Dialog auf solch einem globalen Level zu haben. Der ICCJ organisiert regelmäßig Meetings über etliche Zeitzonen hinweg.

Mortaza (Iran) hat uns mit einem Satz von Imam Ali beschenkt: „When there are two people, they can be of two kinds: Either you are brethren in faith or you are equals in creation.“

Wir hatten anregende Diskussionen über die Konnotationen von Begriffen, die einzelnen Punkte und wie sie strukturiert werden können; das klingt jetzt, wenn ich es aufschreibe, trocken und technisch, aber durch das Arbeiten in einem interreligiösen internationalen Team an Punkten, die ins Herz des interreligiösen Dialogs gehen, ist es eher ungemein aufregend. Es ist auch schön, einander in der Mittagspause besser kennenzulernen, die Geschichten und teils Familienbiografien der Einzelnen zu erfahren. Dabei ist zB ein Jude aus Amerika, dessen Familie zwar aus Deutschland ausgewandert ist, aber schon von dem amerikanischen Bürgerkrieg. Er war 1953 sogar in Deutschland, weil sein Vater Soldat in der US Army war. Die Eltern seiner Frau dagegen sind Überlebende der Schoah. Wir haben festgestellt, dass die Schoah einen ganz unterschiedlichen Platz im Leben einnimmt, je nachdem, ob die eigene Familie betroffen war (was bei vielen nordamerikanischen Jüd_innen nicht der Fall ist), man heute in Israel lebt oder in einem Land, das Schauplatz der Schoah war.

20:03

Ich habe fünf Minuten bevor unser nächster Programmpunkt losgeht, um ein paar Eindrücke zu teilen. Am Nachmittag haben wir unter anderem darüber diskutiert, dass die Brennpunktthemen, die Nichtjüd_innen und Nichtmuslim_innen als solche sehen, nicht unbedingt das sind, was Jüd_innen und Muslim_innen gerne diskutieren würden – oder dass die Herangehensweise eine ganz andere ist. So meinen manche Nichtmuslim_innen, wenn sie über „Integration“ reden wollen, „Assimilation“. Muslim_innen möchten auch über „Integration“ reden, aber da geht es um Beteiligung an und Repräsentation in der Gesellschaft. Ein Satz unseres türkisch-deutschen Kollegen hat mich berührt. Er meinte, dass die Diskriminierung von Hijab tragenden Frauen auch damit zu tun haben könnte, dass diese Frauen (angenommen oder tatsächlich) keine Nichtmuslime heiraten würden. Der Reflex bei nichtmuslimischen Männern sei dann „If she is not available to me, she is not part of society“. Das finde ich eine interessante Perspektive, über die es sich weiter nachzudenken lohnt. Frauen werden im „Wir-und-die-Anderen-Diskurs“ häufig als Objekt herangezogen: Da kommen Migranten und vergewaltigen/heiraten/verführen/was auch immer „unsere“ Frauen. Das soll tatsächlich erlebte_ausgeübte Gewalt nicht unsichtbar machen. Aber schon in der Zeit des Nationalsozialismus wurden Juden auf widerwärtige Art dargestellt, die „anständige arische“ Frauen zu vergewaltigen versuchten. Hier noch mal die Perspektive zu sehen „Wenn diese Frau nicht mein Objekt ist, marginalisiere ich sie“, war erhellend und schrecklich. Ich will gar nicht schreiben, woran sie sich laut unseren Gesprächspartnern am Meisten zeigt, um dieser schirchen grauslichen Sache keine Plattform zu geben. So, ich muss los. Wahrscheinlich trete ich jetzt eine ganz arge Kontroverse los, weil ich so in Eile bin. Bitte bedenkt beim Lesen, dass ich mit mehr Zeit vielleicht manches besser formulieren hätte können. Auf jeden Fall wollte ich hier niemanden verletzen, sondern nur einen Mini-Einblick in unsere Diskussion heute Nachmittag geben.

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