Reisetagebuch Heppenheim, Tag 3, Stand 23:37

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08:19

Heute ist der letzte Arbeitstag, morgen reisen alle wieder ab. Was ich immer wieder feststelle, und ich bin gespannt, ob es heute auch so sein wird: Wenn sich eine Gruppe auf einen Abschied vorbereitet, kommt es zu Spannungen. Auf mehrtägigen Workshops etwa ist der Tag vor dem letzten Tag häufig gezeichnet von Konflikten und hochwallenden Emotionen. Man hat sich kennengelernt, einiges miteinander erlebt, und weiß, dass eine Trennung bevorsteht. Das macht etwas mit der Gruppendynamik. Keine Ahnung, wie das bei einer zweitägigen Versammlung wie unserer sein wird. Bislang haben wir wirklich gut zusammengearbeitet und es sind auch so großartige und konstruktive Leute da. Es gibt Konfliktpotential, besonders zwischen unseren beiden muslimischen Kollegen, die in einigen weltpolitischen Fragen sehr unterschiedliche Ansichten haben. Aber wir sind auch sehr fokussiert auf Arbeit und Themenstellungen, da kommt so was nicht so zum Vorschein. Mir selber werden ein paar Leute abgehen. Irgendjemand (War das Edith Petschnigg? Namensgedächtnis, sry) hat die Motive untersucht, mit denen sich jüdische Leute in den interreligiösen Dialog begeben. Eines davon war, andere Jüd_innen kennenzulernen. Für mich ist das nicht unbedingt ein Grund, aber ein riesen Benefit. Durch die interreligiöse Arbeit, insbesondere durch internationale Konferenzen oder Vorträge von Jüd_innen aus dem Ausland, lerne ich spannende und nette Leute kennen, die auch zum Am Jisrael gehören. Es ist schön, sich auszutauschen, zu sehen, wo Ähnlichkeiten und Unterschiede bestehen, wie unsere Familiengeschichten verlaufen sind (Schlagwort: In welche Länder seid ihr verstreut?), in Ruhe hebräische und jiddische Wörter benutzen zu können ohne sie gleich erklären zu müssen und einfach dieses Sheyvet-Feeling zu haben. Hoffentlich habe ich heute Gelegenheit, mehr mit Frederik zu reden. Er unterrichtet an einer Uni, und das auf echt spannende Art und Weise. Derzeit hält er zB eine Lehrveranstaltung über Religion in Dragon Age.

Gestern war ich am Vormittag ganz zufrieden mit dem Input, den ich geben konnte. Aber am Nachmittag war ich leicht verzweifelt.  Wir haben ein konkretes Projekt besprochen, und ich konnte mit dem geschriebenen Entwurf wenig anfangen. Mir sind das Ziel und die Zielgruppe einfach nicht klar geworden, während alle anderen sich anscheinend ausgekannt haben. Am Nachmittag habe ich sowieso meistens ein Tief, ich bin ein Morgenmensch, aber es ist sehr frustrierend, wenn ich nicht durchblicke. Vielleicht stresse ich mich da auch zu sehr, immer gut beitragen zu müssen. Ich denke mir, wenn jemand schon für meine Reise- und Übernachtungskosten aufkommt, dann sollte ich mein Bestes geben, damit es sich für die Gastgeber_innen auszahlt. Aber manchmal gelingt es einfach nicht.

Heute geht es um 9:30 los, wir haben eine kleine Hausaufgabe mitgenommen, die werde ich jetzt noch versuchen zu erledigen und hoffen, dass ich irgendwie in die richtige Richtung ziele.

12:50

Wir haben, bevor wir mit der Agenda begonnen haben, eine kleine Führung durch das Martin-Buber-Haus bekommen, bei der wir einiges aus seinem Leben und dem seiner Familie erfahren haben. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass Paula Buber, Martin Bubers Frau, eine nichtjüdische Germanistikstudentin war, die später, womöglich um der Kinder Willen, den langjährigen orthodoxen Giur auf sich genommen hat. Sie schrieb selber und veröffentlichte Bücher unter dem Namen Georg Munk. Dabei war ihr Sprachstil viel besser angepasst an die damalige Zeit: Manchmal bat ihr Ehemann sie, einen Text zu verschönern, da sie aufwendiger und blumiger formulierte.

Der Vormittag war wieder sehr produktiv und nett. Ich finde, es spricht für eine Arbeitsgruppe, wenn die Beteiligten oft lachen und sich erst wieder fangen müssen. Ich soll übrigens einen Tipp für ein angenehmes Konferenzerlebnis teilen: „Cookies and Booze“.

Ein Teilnehmer hat mir nicht nur den hervorragenden Rat gegeben, wenn ich als Referentin von Christ_innen angegriffen werde, einfach die Arme auszubreiten und den Kopf hängen zu lassen wie Jesus; er hat auch sehr weise darauf aufmerksam gemacht, man solle im Dialog nie sagen „‚We believe‘. Instead, say ‚our tradition teaches‘ or ‚I believe‘, because otherwise you force your tradition to stand for the thing you agree with. And it’s the end of dialogue. Nobody can argue with that.“. Außerdem teilte er ein Zitat des lutherischen Theologen Krister Stendahl mit uns: „We compare the best of our tradition with the worst of their tradition.“ Jup. Das passiert leicht. Mache ich sicher auch. Gut, daran erinnert zu werden.

23:37

Vorweg: Es ist past my bedtime und ich bin utterly betrunken, wobei der Effekt der Mischung aus Martin-Buber-Wein und Lutherbier langsam nachlässt. Ich muss doch sagen, dass das Lutherbier besser geschmeckt hat als der Buberwein, aber das liegt wohl an meiner persönlichen Präferenz von Starkbier über Weißwein. Weil es der letzte Abend war, haben wir nicht nur bis acht Uhr gearbeitet, sondern sind danach auch noch sehr lange sitzen geblieben. Morteza und Anette sind nüchtern geblieben, während wir anderen teils tief ins Glas geschaut haben, teils aus Krankheitsgründen lädiert waren. Ich habe heute Abend SO viel gelernt. Nicht nur, was die grundlegende Differenz zwischen Sunnit_innen und Schiit_innen ist, welche Rolle Fatima (die Tochter von Mohammed) und Aisha (eine der elf bis dreizehn Frauen von Mohammed – er hatte bis er fünfzig war nur eine Frau und dann etliche! In diesem Alter! Nicht dass ich gendergerechtigkeitstechnisch begeistert wäre, aber sch’koiach!) in diesem Konflikt gespielt haben. Auch, dass sefardische Jüd_innen eine andere Sitz/Steh-Praxis im Gottesdienst haben als Aschkenasis und dass laut manchen Quellen Rabbi Akiwa der schönste aller Rabbiner war und daher eine römische Prinzessin sein Gesicht von seinem Körper abgezogen haben wollte, damit es erhalten bleiben solle. Und es gibt eine ähnliche Geschichte über einen schiitischen Imam, der wie alle der sechs bis zwölf (je nachdem was man glaubt) schiitischen Imame umgebracht wurde. Ich habe eine wichtige Kritik an den beiden letzten orthodox-jüdischen Dokumenten, die auf Nostra Aetate geantwortet haben, gehört (To Do The Will Of Our Father In Heaven und Between Jerusalem and Rome), dass nämlich die in den Dokumenten zitierten rabbinischen Quellen eigentlich gar nichts mit diesem interreligiösen Thema zu tun haben, und ich habe ein gegen zehn Uhr auf einem iranischen Spielplatz aufgenommenes Video von Mortezas Frau und kleinem Sohn gesehen, dass sie ihm geschickt hat, weil sein Sohn ihn so vermisst. Er ist übrigens Imam. Unser Kollege, nicht sein dreijähriger Sohn.

Morgen werde ich auf der Heimreise versuchen, ein Bisschen strukturierter (ihr wisst schon, nüchterner…) über das Erlebnis dieser Konferenz nachzudenken und meine Nachgedanken mit euch zu teilen. Kann sein, dass ich erst kurz nach Schabbesanbruch heimkomme, aber entweder es gibt am Flughafen WIFI oder ich mache was Ungewöhnliches und poste das was ich geschrieben habe noch schnell am Schabbat. Ich bin nicht orthodox, aber jederzeit auf der Hut vor orthodoxer Kritik, kommt mir vor. Ich gestehe es offen: Ich habe die Gummibärchen im Hotelzimmer gegessen, obwohl ich wusste, dass Gelatine drin ist. Emotional Eating schlägt derzeit sogar Halacha und es waren ein paar aufregende Tage. Aber bevor mir irgendjemand sagt, ich bin ein schlechtes Vorbild, sage ich: Genau! Ich versuche ja auch gar nicht, ein Vorbild zu sein.

 

2 Kommentare zu „Reisetagebuch Heppenheim, Tag 3, Stand 23:37“

    1. Absolut. Regeln sind gut, aber sie sollten die conditio humana auf barmherzige Weise mit einbeziehen. Paul Chaim Eisenberg pflegt zu sagen: „Der Rabbiner muss die Regeln kennen, aber der Oberrabbiner kennt die Ausnahmen“. Lutherbier (https://www.lutherbier.de/) ist ein extra im Reformationsjubiläumsjahr produziertes „Starkbier“ mit 7% (das ist nichts im Vergleich zu belgischem Bier). Es wird beschrieben als malzig und noch was, was ich vergessen habe. Ich fand es ziemlich gut, leicht schokoladig, nicht zu schwer. Es gibt auch historische Gründe, in Zusammenhang mit Luther ausgerechnet ein Bier zu brauen (Luther hat seine Zuneigung zu Bier zu verschiedenen Gelegenheiten bekannt), daher finde ich das auch ein wirklich gelungenes Produkt.

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