Reisetagebuch Heppenheim, Tag 4, Stand 13:46

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08:58

Mein Zug geht erst in einiger Zeit, also sitze ich noch im Frühstücksraum und blättere durch meine Notizen, um zu schauen, ob ich euch noch etwas Interessantes erzählen könnte. Mein Zerstörtheitsfaktor ist ungefähr wie nach einem Festival. Konferenzen sind wie Festivals, bloß dass man sich weniger bewegt und mehr redet. Ich versuche ein paar Schlucke Kaffee runterzuwürgen (stört eigentlich noch jemanden, dass Kaffee braun riecht, aber grün schmeckt?), um mein Hirn irgendwie auf Touren zu bringen. Mit der Erfahrung einiger Konferenzen unter dem Gürtel ziehe ich gedanklich Vergleiche, welche Art der Organisation und der Tagesgestaltung sich für mich gut anfühlt und welche nicht. Im März plant Café Abraham Wien eine Konferenz, und bei der Vorbesprechung sind auch verschiedene Arbeitsstile aufeinandergeprallt: Die Eine wollte eine Session nach der anderen, bis spät in den Abend hinein; der Anderen war es wichtig zu bemerken, dass Menschen keine Maschinen sind, Pausen brauchen und die Gelegenheit, ihr Hirn auszulüften. Es braucht immer ein sorgfältiges Abwägen (der Fall ist noch mal besonders bei Arbeitstreffen wie dem unseren in den letzten Tagen) zwischen dem Umfang der Dinge, die man besprechen möchte, und dem Bedürfnis nach Regeneration; und dann ist auch noch der Tagesablauf an den der Organisator_innen angepasst, während Menschen ganz unterschiedliche innere Uhren haben. Ich rede etwas um den heißen Brei herum, weil ich mich nicht beklagen will, es war ja ein ergiebiges und produktives Treffen. Jedenfalls bin ich jetzt noch überzeugter, dass folgende Punkte bei der Gestaltung eines Programms wichtig sind:

  • Eine im Vorhinein verschriftlichte Tagesplanung, in der Pausen- und Essenszeiten definiert sind und die möglichst eingehalten wird
  • Kurze Spaziergänge und denkfreie Zeit auch untertags

Das beste was ich bis jetzt in der Hinsicht erlebt habe, war die LEKKJ-Konferenz letzten April in Amsterdam. Ich glaube auch nicht, dass man so weniger weiterbringt; es gibt diese Regel „Arbeit hat die Tendenz, genau die Zeit zu brauchen, die man ihr zur Verfügung stellt“.

Wow. Für diesen Absatz habe ich eine knappe halbe Stunde gebraucht. Ich glaube ich bin restfett. Anyway. Auf inhaltlicher Ebene haben wir gestern ein Bisschen vorgeplant für die kommende ICCJ-Konferenz, die im Frühsommer 2019 in Lund, Schweden, stattfinden wird. Das Thema (exklusive Vorabinformation!) wird sein „Transformations within and between. How the renewed relations between Christians and Jews affect our self-understanding.“. Das Thema hat mich an eine traurige Realität denken lassen: Die Dinge werden gleichzeitig besser und schlechter. Es ist möglich, dass zwei Rabbiner in einer Community Seite an Seite arbeiten: der eine schreibt bei einem Dokument mit, dass sich mit der Beziehung von Christ_innen und Jüd_innen auseinandersetzt, betont, wie ausnehmende gut derzeit der Kontakt ist und räumt ein, dass Christ_innen „Brüder“ im Glauben sind; der andere hält Christentum für Götzendienst. Nichts mit Überdenken der eigenen Positionen. War es für den früheren Oberrabbiner Österreichs kein Problem, eine Kirche zu betreten, ist das nun undenkbar sowohl für Ober- als auch Gemeinderabbiner. Auch auf christlicher Seite höre ich immer wieder, dass diese ganzen veränderten theologischen Positionen zum Judentum ja gut und schön sein mögen, dass aber noch immer die Mehrheit der Gläubigen keine Ahnung vom Judentum hat – im besten Fall. Im schlimmsten grassieren noch immer Vorurteile und Antisemitismus. Es gibt parallel Entwicklungen, die das Selbstverständnis tatsächlich verändern – und Stagnation bis zur Regression.

Ein Punkt, den das International Abrahamic Forum womöglich bei der ICCJ-Konferenz einbringen wird, sind Allianzen: wer verbündet sich mit wem gegen wen? Manche Jüd_innen sind auf einer Linie mit manchen Christ_innen, die den Islam als Bedrohung wahrnehmen und dies auch am als besonders stark empfundenen muslimischen Antisemitismus festmachen. Dagegen stehen Jüd_innen und Muslim_innen zusammen gegen manche Christ_innen, die Schächten für Tierquälerei halten (ein toller Text dazu ist übrigens dieser Artikel von Alexia Weiss). Und manche Christ_innen und manche Muslim_innen mögen wohl Fantasien von einer jüdischen Weltverschwörung haben. Wenn ich schlecht gelaunt bin, denke ich an das, was andere Menschen uns zutrauen. Dann muss ich ziemlich lachen.

Ein frei stehendes, auch ziemlich gutes Zitat dieser Konferenz: „If you can’t change your act, change your audience“.

Ein anderes (und bitte macht diesen Witz nicht, wenn ihr nicht jüdisch seid, der Satz ist von einer Jüdin und nur bei Jidn lustig): „Antisemitism is hating Jews more than necessary“.

Etwas, das ich noch oisgoogeln will: Es scheint ziemlich coole animierte Whiteboard-Videos von Rabbi Jonathan Sacks zu geben. Die will ich mir anschauen. Außerdem das Buch „The Boundaries of Judaism“.

Schlagwörter: „Generosity of Trust“. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (=deutsche Übersetzung von „Othering“). „Dialogicians“ (Mischung aus „Dialogue“ und „Magicians“). „Toxic Masculinity“.

Das wars mal mit der ersten Auswertung; ich werde etwas unruhig, weil es mittlerweile fast zehn Uhr ist, und das Team vom Hotel den Saal räumt. Ich sollte mich auch langsam auf die Socken machen, bevor sie mich mit hinauskehren. Mein Versuch, ein hübsches Bild für euch upzuloaden ist gescheitert, vielleicht kriege ich das später hin.

Selfie mit Martin-Buber-Statue
Wisst ihr, es gibt ein jiddisches Lied mit der Zeile „Oy vi schnel bin ich schoyn alt geworen“. Das denke ich mir auch, wenn ich dieses Photo ansehe. Wenigstens ist MB noch älter als ich.

10:40

Warte immer noch auf den Zug, jetzt aber am Bahnhof. Habe noch schnell meine durch die Restfette tiefergelegte Hemmschwelle genutzt, um der Martin-Buber-Statue meine katastrophalen Selfiekompetenzen aufzuzwingen. War dann aber doch etwas peinlich berührt, als mich Leute dabei beobachtet haben. Jetzt wo ich das geschützte internationale Umfeld verlassen und „‘Die Schlagzeile‘ am Bahnhof“ betreten habe, rammt mich die deutsche Leitkultur frontal. „Lecker“ heißt ein Magazin. „Frikadellenbrötchen“ gibt es zu kaufen. Die meisten, die diesen Blog lesen, kommen aus Deutschland und werden daher nicht verstehen, welchen Klang diese ganz normalen Worte in meinen österreichischen Ohren haben. Ich will niemanden beleidigen, deswegen werde ich es auch nicht zu erklären versuchen. Außerdem klingt Österreichisch für Deutsche ebenso – wenn auch auf andere Art – merkwürdig. Das war eine witzige Sache auf der Konferenz: Ein deutscher Teilnehmer hatte ein makelloses Englisch ohne deutschdeutschen Akzent. Er hatte auf Englisch sogar fast dieselbe Stimme wie einer meiner Onkel. Daher hat mein Gehirn ihn nicht unter „Germane“ abgespeichert. Wenn wir aber miteinander Deutsch geredet haben, war das ein Schock, weil er eben nicht für mich „normales“ Deutsch (=Österreichisch) geredet hat, sondern Deutschdeutsch.

13:46

Hatte großes Glück. Meine generelle Gepaniktheit was das Zuspätkommen betrifft hat dazu geführt, dass ich ungeplanterweise in den falschen (etwas früheren, aber langsameren) Regionalzug von Heppenheim nach Mannheim gestiegen bin. Baruch haSchem! Der Zug, den ich eigentlich vorhatte zu nehmen, hatte dann eine halbe Stunde Verspätung, wie mir ein netter Mann aus dem Internet rausgesucht hat. Hab so den Zug nach Frankfurt Flughafen gut erwischt und alles ist glatt gegangen. Nu, jetzt bin ich drei Stunden zu früh hier, genau wie geplant. Das ist aber gut so, weil ich ca. eine halbe Stunde gegangen bin, um den Platz zu finden, von dem aus ich jetzt schreibe. Auf halbwegs weichen Lederbänken mit Steckdosen, in Abwesenheit von nervigen plärrenden Fernsehern, dafür mit nicht unhübschen Plastikpflanzen und Blick auf den Tower.

Das wars. Das war meine letzte Dienstreise während meiner Arbeitszeit für den Koordinierungsausschuss. Ich sage das so komisch, weil ich in zwei Wochen mit Café Abraham Wien nach Berlin fliege. Dort werden wir uns mit allen möglichen Leuten und Institutionen vernetzen. Allerdings werde ich da schon nicht mehr angestellt sein, sondern eine von vielen Frauen sein, die ehrenamtlich ihre Zeit zum Wohle der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Aber hey, wenn man dafür eine Reise nach Berlin machen kann…

Es war eine spannende Erfahrung, immer zwischendurch die Pausen zu nutzen, um über das zu schreiben, was passiert. Oft war auch keine Zeit, das Geschriebene wieder und wieder zu lesen, zu polieren und zu glätten. Da braucht es etwas Mut, es trotzdem zu posten. Danke jedenfalls fürs Mitlesen, ich hoffe, der eine oder andere Gedanke war für euch interessant und hat euch zum Nachdenken und Diskutieren angeregt!

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