Geliebter Goj – Das Balthasar-Update

Mein Freund hat endlich meine Texte über ihn gelesen und so findet er sie

„911 Aufrufe und 236 Besucher_innen diesen Monat!“, jauchzte ich und hielt Balthasar mein Handy mit der Blogstatistik unter die Nase (Danke an euch alle an dieser Stelle!). „Und stell dir vor, das einzige bekannte Suchwort: ‚Goj‘“.

Wir waren im Zug auf der Heimreise von Tschechien. Zugegebenermaßen war das nicht das erste Mal, dass Balthasar Interesse an den Texten über ihn zeigte. Das erste Mal war noch vor den Hohen Feiertagen gewesen, aber da war ich zu beschäftigt, um gleich einen Blogpost zu schreiben. Auch wenn mir danach zumute war, denn auf diesen Moment hatte ich schon lange gewartet. Die Annäherung war langsam und zögerlich vor sich gegangen: Erst durfte ich ihm ein paar Überschriften vorlesen. Dann zeigte ich ihm den Text über unseren Christbaum-Streit und wir zerkugelten uns dabei vor Lachen. „Du übertreibst“, hatte er befunden, mir eine lebhafte Fantasie und künstlerische Zuspitzungsgabe bescheinigt. Außerdem solle ich klarstellen, dass er nichts gegen Strohsterne hat.

Nun, da er sich als Star des Blogs wusste, durfte ich ihm alle Überschriften der Kategorie „Geliebter Goj“ vorlesen und dazu sogar zwei weitere Texte. Ich entschied mich für „Im Anfang“ und „Chamez uMazzah“ und hoffte, dass unsere Mitreisenden uns nicht für verrückt hielten. Es war unbeschreiblich komisch – in jeder Bedeutung des Wortes – ihm meine literarischen Skizzen über unseren Alltag zu zeigen. An einiges konnte er sich schon gar nicht mehr erinnern (wir sind ja jetzt doch über eineinhalb Jahre zusammen), manchmal meinte er, ich hätte etwas gesagt, was im Text er sagt, und er korrigierte mich auch: Der Gottesdienst am Karfreitag sei keine Messe, nicht der am Ostersonntag. Aber alles in Allem hat er es positiv aufgenommen und nur manchmal lachend den Kopf geschüttelt.

Manche werden sich vielleicht gewundert haben, wieso ich nicht mehr so oft „Geliebter Goj“-Texte online stelle. Ich denke, es liegt einerseits daran, dass wir schon länger zusammen sind. Wir haben die ganzen aufregenden ersten Male einer jüdisch-christlichen Beziehung schon hinter uns: Das erste Pessach, das erste Weihnachten, der erste wechselseitige Besuch in den uns fremden Gebetshäusern. Wir sind in der zweiten Runde, sozusagen, oder in Balthasars Worten: „Jetzt kommt bald wieder das mit dem Sauerrahm und dem Apfelmus!“. Andererseits verbrate ich viele von Balthasars Schmähs oder unseren liebevollen Respektlosigkeiten unseren Religionen gegenüber gleich auf Twitter, anstatt sie für einen längeren Text aufzuheben. Und drittens – ich hätte über die Hohen Feiertage schreiben können, aber sie waren nicht lustig, sondern sehr berührend. Die Chagim sind eine emotionsgeladene, besondere Zeit, in der man alle Gemeindemitglieder, ob man will oder nicht, in der Synagoge sieht. Die Tage vor Jom Kippur sind stressig („Wem könnte ich noch etwas angetan haben? Wen habe ich schon lang nicht mehr angerufen?“) und wer mich kennt, wenn ich hungrig bin, weiß, dass man eine besondere Eselsgeduld braucht, um mich an einem Fasttag zu ertragen. Und Balthasar war so eine Stütze. Er hat mich nach jedem anstrengenden Gottesdienst von der Synagoge abgeholt, meine dankbaren Worte abgewischt mit „Ach, ich komme doch bloß wegen dem Essen beim Kiddusch“, er war zu Jom Kippur zwar nicht mit in der Synagoge, hat aber den ganzen Tag mitgefastet, um mich seelisch zu unterstützen, kurz, ich hatte nur Anlass zu Tränen der Dankbarkeit und weniger zu flapsigen Witzen. Und bevor ich hier in pilchereske Romantik ausbreche, beende ich lieber einen Text mehr über meinen Geliebten Goj.

Ein Gedanke zu „Geliebter Goj – Das Balthasar-Update“

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