Tagebuch einer jüdischen Theologiestudentin

Bild von einem Notizbuch
Mein Studienzeittagebuch.

Als ich mich entschieden hatte, evangelische Theologie zu studieren, bereitete ich mich auf alle möglichen Arten vor: Ich sprach mit dem Landessuperintendenten der evangelischen Kirche HB, der mir ein Gespräch mit einer Theologiestudentin vermittelte; ich plante hingebungsvoll mein Semester; und als eine Freundin meiner Mutter mir ein besonders edles Notizbuch schenkte, beschloss ich, meine aufregende erste Studienzeit darin festzuhalten.

Das mit dem Tagebuchschreiben hat bei mir nie so geklappt – ich schaffe es einfach nicht, jeden Tag oder zumindest mit irgendeiner erkennbaren Regelmäßigkeit etwas einzutragen. Meist bin ich zu beschäftigt mit dem Leben, um über es zu schreiben. Aber einige Seiten meines Studienzeittagebuchs habe ich dann doch gefüllt. Vor Kurzem ist es mir beim Aufräumen wieder in die Hand gefallen und ich dachte, ich teile einige meiner damaligen Gedanken mit euch. Dabei werde ich euch meine Rants gegen Martin Luther und Wilfried Härle ebenso ersparen wie meine übermäßige Verwendung von „Gottes Heiligkeit sei gepriesen“.

In der Hebräischstunde spricht unsere Professorin um des Lernens Willen die Namen der Buchstaben oft überdeutlich aus. So wird aus Samech „Sah-mech“, aus Lamed „Lah-mehd“ und aus Gimel ein „Gie-mehl“, das an den e-mail-Service von Google erinnert.

Nun weiß zwar die Vortragende, dass das eigentlich kurz gesprochen wird – die Studierenden übernehmen diese grässliche Aussprache jedoch vorbehaltlos und quälen meine Ohren damit.

Einmal jedoch hat es ein rauschebärtiger Kommilitone geschafft, die richtige Betonung zu erwischen. Durch diese Anstrengung aber kam es zu einem Fehler in einem anderen Bereich – der Vokalisation. Das Ergebnis war „Gammel“.

Ich hatte es nicht aufgeschrieben, aber ich kann mich auch erinnern, dass mir ein Kollege namens Samuel einmal voller Überzeugung gesagt hat, wie sehr ihm die hebräische Aussprache seines Namens gefällt – aus seinem Mund ungefähr „Schämu-ehl“. Cringe. Richtig ist „Schmu’el“.

Als ich unsere Hausaufgabe in der zweiten Stunde gehört habe, hätte ich fast ungläubig aufgelacht. „Und für die nächste Stunde basteln Sie sich bitte ein Namensschild mit Ihrem Namen in hebräischen Buchstaben!“ Ist das hier die Universität Wien? Das, wo man nach der Reifeprüfung hingeht? Jedoch, es wurde noch ärger. Gegen Ende der dritten Stunde bekam unsere Hebräischprofessorin einen eifrigen Glanz in den Augen. „So, und jetzt habe ich noch was für Sie. Eine Freundin von mir hat eine kleine Präsentation gemacht, begleitet von einer modernen Version des Schma Jisrael! Wer Schma Jisrael hört, hebt die Hand!“

Wie süß.

Es war tatsächlich eine kleine Präsentation, etwa fünf Folien mit Bildern und musikalischer Untermalung. Ist ja gar nicht so schlimm? War ja noch nicht alles!

„Und nachdem es Freitag ist, schließe ich die Stunde mit einem hebräischen Lied! Bitte alle mitsingen!“

Oh Gott. Oh nein. Ich dachte, ich wäre im falschen Film und befürchtete das Schlimmste [Anm.: „Das Schlimmste“ ist hier eine Umschreibung für das hebräische Lied „Od lo ahavti dai“, ein Lied über ungetane Taten und das Verlassen, das zu einer heiteren Umptata-Melodie gegrölt wird]. Es kam das Zweitschlimmste: Schalom Chaverim. Geht’s noch stumpfsinniger als „Hallo Freunde! Servus!“?

Ich ertrug die Begeisterung meiner Mitstudierenden und hastete alsdann erleichtert aus der Vorlesung.

Rückblickend muss ich sagen, dass der Ansatz unserer Hebräischprofessorin eigentlich ziemlich gut war: Lieder helfen beim Lernen und Sprache ohne einen lebendigen Ausdruck davon zu büffeln, gibt einem nicht wirklich ein Gefühl dafür. Aber eins muss ich sagen, liebe Gojim: Bitte singt hebräische Lieder, insbesondere wenn sie aus dem Gottesdienst kommen, flott. Erfahrungsgemäß entspricht selbst das schnellste christliche Tempo noch dem langsamsten jüdischen. Wir sind die Speed-Beter unter den Gläubigen (wobei es ziemlich cool wäre, einen Schnellbetwettbewerb zwischen einem orthodoxen Kantor und einem bosnischen Imam zu erleben). Unsere Lieder sind nicht gemacht für eine große hallende Kirche mit einer Orgel, die die halbe Gemeinde mühsam hinter sich herschleppt.

Alles in Allem ist mir beim Lesen meines Tagebuchs aufgefallen, dass ich ziemlich schockiert vom (evangelischen) Christentum war und von den Theologen, die wir gelesen haben. Ich hatte für vieles viel weniger Verständnis als heute; vielleicht habe ich mich als einzige Jüdin an der Fakultät auch in einer Defensivposition gefühlt und musste mir immer wieder vor Augen halten, wie viel besser ich meine eigene Religion finde. Deswegen möchte ich auch nicht allzu viel hier posten. Es war das erste Mal, dass ich mich so auf ein dezidiert christliches Umfeld eingelassen habe und ein ziemlicher Kulturschock. Insofern merke ich, dass interreligiöser Dialog bei mir etwas bewirkt hat: Ich tue mir leichter, Andersgläubigen zuzuhören und verstehen zu wollen. Mein Verständnis- und Toleranzhorizont hat sich definitiv erweitert. Gleichzeitig habe ich abseits von theologischen Diskussionen schon mehr Erfahrungen gemacht, wie ich nicht möchte, dass Menschen mit mir umgehen, bloß weil ich jüdisch bin. Das kann ich besser benennen und mich klarer abgrenzen.

Ein Gedanke zu „Tagebuch einer jüdischen Theologiestudentin“

  1. Meine Hebräisch-Lehrerin, Frau Schulz-Wippel, hat mich am Anfang des Unterrichtskurses mit Methoden wie aus der Grundschule geschockt. Wir haben die Deklinationen und Konjugationen vor uns hin gesungen – aber sie waren so sogar einfacher zu lernen als wenn wir uns die grammatischen Tafeln eingeprägt hätten. (Auch in anderen Sprachen habe ich danach die Grammatik eher nach „Melodie und Rhythmus“ gelernt als mir die Formen nach Listen und Tabellen zu merken.)

    Außerdem war sie nicht einverstanden, die üblichen Tabellen aus der „Hebräischen Schulgrammatik“ zu benutzen, die als Beispielwort immer „קְטֹל = ctl = töten“ verwendet hat; warum auch immer, vielleicht, weil die Formen so schön regelmäßig sind.

    Statt dessen nahm sie das Wort „כָּתַב = ktb = schreiben“, und so saßen wir in der Klasse und sangen im Chor „ächtob-tichtob-tichtebi-jichtob-tichtob-nichtob-tichtebi-tichtobna-jichtebu-tichtobna“. Das muss sich albern angehört haben, aber die Formen saßen dann und man hätte mich damals nachts wecken können und ich hätte sie runtersingen können.

    Und sie hat die Worte „richtig“ ausgesprochen. Das fand ich damals auch besonders.

    Nie verstanden habe ich allerdings, warom so viele Komillitoninnen und Komillitonen ihren Kindern dann hebräisch klingende Namen geben mussten – z.B. „Gavriel“ statt „Gabriel“; und ich dachte – das arme Kind muss jetzt sein Leben lang erklären, warum es so einen seltsamen Namen hat…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.