Über Antisemitismus reden – aber Tachles!

Immer wieder versuchen gutmeinende Menschen in öffentlichen Stellungnahmen und Artikeln zu betonen, wie sehr sie gegen Antisemitismus sind, das heißt gegen das Hassen und Vorurteile-Haben gegenüber Jüd_innen.[1] Nur sind viele der ubiquitär verwendeten Formulierungen, um es mit einem schönen englischen Wort zu sagen, „cringeworthy“[2]. Sie lassen Antisemitismus als etwas ganz Abstraktes erscheinen; konkrete Handlungsmöglichkeiten und konkrete Menschen rutschen so aus dem Sichtfeld.

Ritter mit Schwert kämpft gegen schwarze Nebelwolke an
„Stirb, du böses Monstrum!“ Alle Bilder dieses Beitrags sind Eigentum von Davidssplitter und dürfen ohne vorher erteilte Erlaubnis nicht vervielfältigt oder verändert werden. In Deutsch: Ich hätte ganz gerne Kontrolle über das Werk meiner Hände, bittedanke;-)

 

Am häufigsten, und auch oft als Ziel des Dialogs mit Jüd_innen genannt, ist wohl die Phrase „Antisemitismus bekämpfen“. Guys (and girls, and queers), was heißt das? Der Antisemitismus scheint hier ein böses, überall lauerndes Wesen zu sein, gegen das man mit Feuer und Schwert ankämpfen könnte. Man bemüht sich nach Kräften, ihm den Kopf abzuschlagen, doch die Kreatur ist so nebelig, dass sie sofort ihre Gestalt verändert und woanders wieder auftaucht.

Tachles: Antisemitismus ist kein Oberböser oder Monsterboss, den man bekämpfen könnte. Man kann aber Gesetze verabschieden, die antisemitisches Verhalten unter Strafe stellen und man kann antisemitisch motivierte Straftaten nach diesen ahnden. Man kann, wenn man Zeug_in eines antisemitisch motivierten Übergriffs wird, den Täter_innen verbal und nonverbal zeigen, dass das, was sie äußern, gesellschaftlich nicht gutgeheißen wird. Außerdem kann man Lehrpläne und Bildungsprogramme erstellen, die Menschen helfen können, sich der Dichotomien in ihrem Kopf bewusst zu werden.

Mann mit erhobenem Zeigefinger dreht sich von einer schwarzen Wolke weg, die ihn kriecherisch von unten her anzublicken scheint.
„Dem Antisemitismus eine Absage erteilen“

Montagmorgen nach der Angelobung. Das Telefon der Parlamentsdirektion klingelt. Sekretär hebt ab. „Parlament, guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“

Eine rauchige Stimme antwortet. „Guten Tag, hier ist der Antisemitismus. Sie hatten doch letzte Woche so eine… na eine Regierungsänderung. Sind ja jetzt rechte Burschenschafter drin und so. Wollte mal fragen, wie es so steht, die Regierung und ich, Sie wissen…“

„Ach so. Na vielen Dank für die Anfrage, ich muss Ihnen da aber leider eine Absage erteilen. Sogar die FPÖ kann Sie sich derzeit nicht mehr so offen leisten. Rufen Sie doch wieder an, wenn sie in Opposition geht!“

„[Räusper] Na gut, danke für den Tipp. Bis dann also!“

„Bis dann!“

BeEmet, so klingt das. Man kann nur eine Absage erteilen, wenn man eine Anfrage hatte. Es scheint, als wären diejenigen, die diese Phrase verwenden, einer ständigen Versuchung ausgesetzt, doch antisemitische Äußerungen zu machen. Immerzu spüren sie ihren inneren Antisemitismus: „Nur ein kleiner Judenwitz, ein klitzekleiner nur…“, und müssen ihm dann eine klare Absage erteilen, den Antisemitismus in die Schranken verweisen etc. Kein Wunder, dass ich diese Phrase bislang hauptsächlich aus Politikerkreisen gehört habe. Wenn nur Sebastian Kurz dem Antisemitismus eine Absage erteilt hätte, als er ihn in Gestalt der FPÖ verführt hat!

Mann in Uniform steht aufrecht wie eine Säule vor einer schwarzen Rauchwolke, die sich ebenso zu einer Säule aufgestellt hat.
„Bedaure, mein Herr, aber Sie sind hier unerwünscht.“

Irgendwas zwischen einer höflichen Absage und dem Anfang eines Duells ist die Formulierung „Dem Antisemitismus entgegentreten“. Was bitte soll das heißen, konkret? Das Eindeutigste, was mir dazu einfällt, ist, wenn ich im Musikverein einen schlagenden Burschenschafter auf dem Weg zur Klotür sehe, dem Dranggepeinigten entgegenzutreten mit den Worten: „Du kommst hier nicht vorbei!“ Antisemitismus ist eine Denkstruktur, die in manchen Situationen von Menschen gegenüber anderen Menschen durch eine Handlung oder eine Äußerung sichtbar wird. Sicher kann man all die Möglichkeiten, die ich oben beschrieben habe, salopp abstrakt zusammenfassen unter „Antisemitismus entgegentreten“. Bloß: wenn sich nur wenige was drunter vorstellen können, wissen die Meisten nicht, was für Konsequenzen sie in ihrem täglichen Leben aus dieser Aufforderung ziehen sollen.

Ringer in gestreiftem Hemd ringt mit einer schwarzen Wolke
„Gegen/Dem Antisemitismus wehren“

Wie oft wurdet ihr schon von einem freilaufenden Antisemitismus angegriffen? Ich noch nie. Aber die Worte, die manche mir gegenüber ausgesprochen haben, die Spucke, die manchen Jüd_innen zugedacht wird, und die Tritte und bedrohlichen Blicke – das verletzt. Kein nebliges dunkles Monster greift uns an, sondern Menschen, die bestimmte Vorstellungen im Kopf haben. An die Vorstellungen kommt man schwer heran, an die Menschen schon. Wie aber schaut „dem Antisemitismus wehren“ konkret aus? Es ist oft nicht ratsam, wenn man auf der Straße in eine bedrohliche Situation gerät, dann auch noch zurückzumotzen. Dadurch kann die Lage eskalieren und der_die Angreifer_in kann einen ernsthaft verletzen. Und wenn jemand einem antisemitische Sachen beiläufig in einer netten Gesprächsrunde ins Gesicht wirft – was kann man da machen? Soll man den Riss, der einem im Inneren entsteht, auch noch vergrößern lassen, indem man sich auf eine Diskussion einlässt? Ich habe das einmal in der Schule gemacht. Einer aus der Parallelklasse hat Arnold Schönberg als „Junden“ (sein Kunstwort für „Junger Jude“ bezeichnet) und gemeint, wie es sich für seinesgleichen gehört, begann er zunächst in einer Bank zu arbeiten. Als ich zutiefst verletzt meinte, dass das antisemitisch sei, meinte er: „Das ist nicht antisemitisch, höchstens antijüdisch“. Mein Lehrer schwieg. Die Nachbemerkung und das Schweigen waren fast noch schlimmer als der Anfang, und diese Erfahrungen hatte ich, weil ich versucht habe „dem Antisemitismus zu wehren“. Andererseits konnte ich einmal erfolgreich eine Frau zum Schweigen bringen, die einem jüdischen Vortragenden bei einer Veranstaltung neben anderen Dingen gewünscht hat, Gott möge ihm Gnade erweisen und ihn Christus begegnen lassen. Es war ein gutes Gefühl, sich gewehrt zu haben, aber es konnte den Schock über ihre Aussagen nicht überdecken. Also Tachles: „Dem Antisemitismus wehren“ ist einerseits zu unkonkret und übersieht andererseits emotionale und situative Realitäten.

Richter mit Perücke spricht hinab zu einer schwarzen Nebelwolke, die geknickt scheint und von einer Kette festgehalten wird
„Den Antisemitismus verurteilen“

Wenn alles nichts mehr hilft und schon etwas passiert ist, kann man den Antisemitismus nur noch verurteilen. Für diese Phrase habe ich vielleicht noch das meiste Verständnis. Wie würde es denn ausschauen, wenn es einen Terroranschlag gegen ein jüdisches Café gäbe, und keine_e Politiker_in würde ihn verurteilen? „Wer schweigt, stimmt zu“, sagt das Sprichwort und so ist es nur gut, dass dieser Stehsatz „Antisemitismus verurteilen“ allzeit bereit ist. Weil aber auch er konkretes Handeln von konkreten Menschen auf eine abstrakte Ebene hebt, habe ich ihm ebenso eine Zeichnung gewidmet.

 

[1] Die derzeit in Österreich gültige Definition von Antisemitismus finden Sie hier: https://www.fga-wien.at/antisemitismus/

[2] Mein Lieblingsonlinewörterbuch übersetzt das mit „oberpeinlich“ oder „hochnotpeinlich“.

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