No Jew’s Land

Tagebuch einer jüdischen Theologiestudentin, Teil II

IMG_20181221_142616

Als ich begonnen habe, evangelische Fachtheologie zu studieren, habe ich ein Tagebuch geschrieben, von dem ich einen Auszug hier online gestellt habe. Dabei war ich sehr vorsichtig. Zum Einen habe ich über einiges ziemlich kritisch geschrieben und wollte hier niemanden verletzen, zum Anderen war ich damals einfach eine 18jährige Studentin mit bestimmten Ansichten und Ausdrucksweisen, und bin heute eine 26jährige Frau, die einen Haufen Erfahrungen gemacht hat und vieles nicht mehr so sieht wie damals. Als Feedback habe ich jedoch eine Ermunterung bekommen, doch auch die schwierigen Dinge zu teilen. Also werde ich das vorsichtig versuchen – aber für alle Fälle aus meiner heutigen Perspektive kommentiert.

Für die erste richtige Stunde sollten wir einen Text von Härle lesen und einige Fragen dazu als Richtlinien nehmen. Ganz allgemein ging es um die Theologie als Wissenschaft – kann sie Wissenschaft sein, entspricht sie den Kriterien oder soll sie sich gar unabhängig eigene schaffen? Kurz gesagt, sie soll und kann als Wissenschaft unter den Wissenschaften bestehen. Für mich jedoch warf der Text ganz andere Fragen auf.

Auf Seite 20, im mittleren Absatz, schreibt Härle: „Wissenschaftstheoretisch würde sie [die Vermutung] besagen, daß [sic!] Nicht-Glaubende gar nicht in der Lage sind, Theologie zu betreiben, weil ihnen der existenzielle Bezug zur Sache der Theologie fehlt, ohne den diese gar nicht richtig verstanden und folglich auch nicht kritisch geprüft werden kann. Wissenschaftsethisch besagt diese Vermutung, daß [sic!] Nicht-Glaubende nicht das moralische Recht haben, Theologie zu treiben, weil ihnen der positive Bezug zur Sache der Theologie fehlt, ohne den theologische Arbeit ihren Sinn und ihre Existenzberechtigung verliert.“ Ohne Glaube sei Theologie Religionswissenschaft.

Ja, bin ich denn als Jüdin nicht fähig, Theologin zu sein? Hatten diese unverschämten Studentinnen recht damit, dass ich hier auch mit dem interreligiösen Dialog „vollkommen falsch“ bin und „in die Religionswissenschaft“ gehöre? Wieder Härle: „Es ist richtig, dass sachgemäße theologische Arbeit nur einem Menschen möglich ist, dem sich die Sache der Theologie, also der Glaube, so erschlossen hat, daß [sic!] er dessen Wahrheitsgehalt und seine Bedeutung versteht. […] Ob ein Mensch den Wahrheitsgehalt und die Bedeutung des christlichen Glaubens wirklich verstanden hat, zeigt sich vielmehr daran, daß [sic!] er angeben kann, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit der christliche Glaube als wahr und relevant gelten kann.“

Was willst du damit sagen, Härle? Du druckst ein Bisschen herum. Mir scheint, du sagst, nur Christen können Theologie betreiben, aber so willst du es auch nicht gleich formulieren.

Mit einem mulmigen Gefühl gehe ich in das Proseminar und setze den Vortragenden meinen Fragen aus (Wer ist der „Nicht-Glaubende“? Bezieht sich Härle mit dem „Glauben“ auf das Christentum? Was denn für ein Wahrheitsgehalt, welche Bedingungen, unter denen das Christentum wahr ist? Etwa ein biologischer Beweis für die Jungfräulichkeit Mariens?). Heraus kommt die schönste, befriedigendste Stunde, die ich bis jetzt erlebt habe. Erstens gibt es viele Theologen, darunter unser Vortragender, die Härle in diesem Punkt entschieden widersprechen. Dr. Klein meint, dass der Wahrheitsanspruch aus der römisch-katholischen Theologie stammt; die protestantische Theologie will nur plausibilisieren und Theologie logisch angehen. Er ist der Ansicht, dass auch Nichtchristen Theologen sein können, solange sie gut argumentieren und analysieren. Diese glaubensverknüpfte Theologie ist überhaupt eine kontinentale Erscheinung; in England etwa verschwimmt die Grenze zur Philosophie, man erstellt Fragenkataloge und argumentiert ein ums andere durch, weiters wird selbst die Auferstehung aus naturalistischer Perspektive betrachtet. Natürliche können auch Nichtchristen Theologie treiben; diese muss ja auch nicht zwingend so aussehen wie bei uns. Dass nur Evangelen an der EvTheol lehren können, ist mehr eine rechtliche Sache. Aus diesen Ausführungen schloss ich zwei Dinge:

I Es ist nicht selbstverständlich und von allen vorbehaltlos gern gesehen, dass ich als Jüdin hier bin.

II Auch ich kann aber Theologin sein und werde von den anderen als solche akzeptiert.

Beides ist ein schönes Gefühl: die vertraute Unangepasstheit und die Rechtmäßigkeit meines Da-Seins.

Ich kann nachvollziehen, dass es mich damals getroffen hat, wenn ich das Gefühl hatte, meine Studienwahl wird in Zweifel gezogen. Aus der Erfahrung mit der Arbeit im Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit heraus sehe ich das allerdings mittlerweile fast ähnlich. Die Theologie ist eine Wissenschaft, aber sie ist (wenn ich das richtig verstanden habe) im Protestantismus auch normativ für die Kirche. Ich als Jüdin kann und will nicht normend auf eine andere Religion einwirken. Da bin ich im interreligiösen Dialog immer wieder an meine Grenze gestoßen. Viele Christ_innen sind sehr offen für Vorschläge von Jüd_innen zur Verbesserung der christlichen Theologie und Glaubenspraxis. Eine der Aufgaben des Koordinierungsausschusses ist festgehalten mit „Erneuerung der Kirchen“ – im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils und im Schatten der Schoah. Aber mir als Jüdin, als Angehörige einer Religion, die Unterscheidung und Verschiedenheit wertschätzt und unter Zwangsmissionierungen stark zu leiden hatte, mir widerstrebt es, einer anderen Religionsgemeinschaft Ezzes zu geben. Manchmal kommt es zu der seltsamen Situation, dass mich Leute als evangelische Theologin vorstellen, und man kann es so ausdrücken, aber es stimmt auch irgendwie nicht. Ich bin eine Jüdin, die evangelische Theologie studiert hat.

3 Kommentare zu „No Jew’s Land“

  1. Liebe Sarah,

    Du wirst mir glauben, dass ich mir ähnliche Fragen auch schon oft gestellt habe. Ich bin sehr bewusst Christ und bin das auch schon gewesen, als ich mit meinem Studium begonnen habe. Damals habe ich Ähnliches gehört und gelesen wie Du, nämlich dass man Theologie nur dann wirklich betreiben kann, wenn man selbst glaubt, wenn also die Theologie eine „existenzielle Dimension“ hat. Ansonsten bliebe sonst nur Kirchengeschichte, Dogmatik, vergleichende Religionswissenschaft etc. übrig, aber keine „Lehre von Gott“.

    Ich habe mich auch ein bisschen mit Philosophie befasst und habe es immer als besonders anregend empfunden, auch die Lebensgeschichte der betreffenden Philosophin oder des betreffenden Philosophen kennen zu lernen; weil dann manche Lehre, manches Statement und der „Hintergrund“ eines Gedankengebäudes besser einzuordnen und zu verstehen sind.

    Insofern ist es sicher auch in der Theologie wichtig, etwas über Lebensgeschichte, Erfahrungshorizont und Umfeld des/der Theologie Treibenden zu kennen. Und ich fand es wichtig, mir auch immer wieder über meine eigene Motivation klar zu werden.

    Dasselbe würde ich auch von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erwarten, selbst in Fächern wie Mathematik oder Physik und Ingenieurswissenschaft erwarten.

    Aber ich denke nicht, dass man NUR als glaubende Person Theologie treiben kann, im Gegenteil: Ich hatte immer das Gefühl, dass Theologie nur dann eine Wissenschaft neben anderen sein kann, wenn der persönliche Glaube, also das „Existenzielle“, zunächst außen vor bleibt. Denn ich muss doch bereit sein, mich auf die Gedankenwelt eines anderen Menschen einzulassen, ohne gleich innerlich zu bewerten und zu sagen: Dies ist richtig, weil es sich mit meiner eigenen Anschauung deckt; dies ist falsch, weil es meinem eigenen Glauben widerspricht.

    Insofern finde ich vergleichende Religionswissenschaft besonders interessant und spannend. Existenzielle Theologie braucht die Kirche, die Gemeinde wirklich und ganz dringend – aber ich fürchte, dass die Menschen Recht haben, die sagen, sie sei keine Wissenschaft im engeren Sinn. Wäre das denn schlimm?

    Liebe Grüße

    und frohe Weihnachten!

    Richard

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Richard,
      Vielen Dank für deine Gedanken – es kommt wohl wie bei Vielem darauf an, wie man eine Sache definiert und was man sich von ihr erwartet. Vielleicht laufen viele verschiedene Dinge unter dem Wort „Theologie“ – mir hat auch gerade gefallen, dass das Studium so breit angelegt ist.
      Was beruhigend war, war, als Jüdin beim Theologiestudium nicht meinen Glauben aufs Spiel zu setzen. Einige sehr Fromme sind durch das Studium in eine Krise geraten und dann weniger fromm geworden. Insofern ist es gerade von denen mit festem Glauben mutig, Theologie zu studieren:-)

      Alles Gute und frohe Weihnachten and dich und deine Gemeinde!

      Gefällt mir

  2. Spannende Überlegungen, die mich fragen lassen, ob jemand, der gar nicht an einen Gott glaubt, Theologie betreiben kann. Oder ob vielleicht gerade sein Nicht-Glaube eine gute Viraussetzung ist. Letzlich ist jede Religion – und damit jeder Form von einem Gott – ein gedankliches Konstrukt. Wer würde einem Physiker die Fähigkeit absprechen, Heisenbergs Unschärferelation zu lehren, nur weil das zu Grunde liegende Atommodell ein Konstrukt, ein Modell eben, ist um die Eigenschaften von Materie zu verstehen? Mir scheint, das Pochen auf den existenziellen Bezug zu Gott ist vor allem ein Versuch, die Deutungshoheit innerhalb des Kreises der Erleuchteten der jeweiligen Glaubensgemeinde zu bewahren.
    Interssant ist es, dass es erklärte Atheisten und Agnostiker nicht davon abgehalten hat, sich mit den Themen „Glaube“ und „Gott“ auseinanderzusetzen,

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.