„Es ist eben nicht das Judentum. Ich finde es entsetzlich.“

Tagebuch einer jüdischen Theologiestudentin Teil III

Es ist so weit: Auf Anfrage hier einer der wohl problematischsten Abschnitte aus meinem Studienanfangstagebuch, betreffend Luther und die Rechtfertigungslehre. Ich werde da gar nicht bis zum Ende warten, sondern schon die einzelnen Abschnitte aus meiner heutigen Perspektive kommentieren. Falls ihr noch etwas diskutieren oder klarstellen oder eure Meinung dazugeben wollt, könnt ihr das gerne bei den Kommentaren unten tun.

Wo mich systematische Theologie und Dogmatik zum Erglühen bringen, raubt mir die Kirchengeschichte den Atem. Wir lernen darin über den Zustand der Kirche vor Luther und über Luthers Theologie (in SysTheol geht es mehr um Philosophie) und ich bin langsam entsetzt vom Christentum. Noch dazu, wenn ich versuche, es im historischen Kontext zu betrachten, aber merke, dass vieles gleich geblieben ist. Das Christentum ist einfach das Christentum.

Das würde ich so heute auf gar keinen Fall mehr sagen. Keine Religion verdient es, als „einfach“, blockartig, homogen etc. bezeichnet zu werden. Jede Religion hat viele schillernde Facetten, Strömungen, Diskussionen, Einzel- und Mehrheitsmeinungen. Das stört mich auch so ungemein an Worten wie zB. „Islamkritik“: Die Religion „als Ganzes“ ist in diesem Wort angesprochen. Aber das Ganze ist nie so ganz, wie es aussieht. Wer meint, eine Religion als Ganzes beurteilen zu können, hat sich nicht eingehend genug mit ihr beschäftigt. Mein damaliger Eindruck kam daher, dass ich ganz am Anfang des Studiums war, mich über etwas aufgeregt habe, das wir als historisch vermittelt bekommen haben, mit jemandem darüber geredet habe und diese Person das nicht problematisch fand und meinte, es sei heute noch so.

Noch heute wirkt sich mein Studium der evangelischen Theologie so aus, dass ich glaube, ich kann irgendwas über das Christentum erklären und sich katholische Anwesende überhaupt nicht in dem wiederfinden, was ich sage.

Es sagt: Glaube, und alles ist schon getan. Sagt man darauf: Wie, ihr hört auf, gute Taten zu tun?, sagt es: Da hast du die Rechtfertigungslehre nicht verstanden. Bietet es mir aber einen Text, etwas, das mich verstehen lässt? Nein. Es sagt viel, was man denken, und wenig, wie man leben soll. Es ist eben nicht das Judentum. Ich finde es entsetzlich. Vor Kürzerem war ich schon abgestoßen; es wird nicht besser. Ich will mit Christen reden, um zu verstehen, aber sie beantworten meine Fragen nicht oder so, dass mir die Kluft noch unüberwindlicher scheint.

„Es“: Unsere Professor_innen. Und tatsächlich habe ich mit viel Unverständnis auf die Rechtfertigungslehre reagiert. Ich bin bis heute nicht sicher, ob ich sie verstanden habe. Meine Irritation beginnt schon bei dem Wort „Rechtfertigung“. Gott hat uns geschaffen, was gibt es da noch zu rechtfertigen? Es ist seine Schuld, dass es uns gibt und dass wir sind, wie wir sind. Allerdings ist es unsere Schuld, wenn wir die vielfältigen Möglichkeiten, die Gott uns gegeben hat, nicht dazu nutzen, uns zum Guten zu entscheiden. Verstehe ich das richtig: Wenn du glaubst, dass Jesus der Messias ist, bist du „gerechtfertigt“ – also vor Gott schon ein ganz passabler Mensch? Es macht nichts, ob du immer wieder dabei versagst, das Richtige zu tun. Der Mensch ist „simul iustus et peccator“, er kann nicht anders als zu sündigen, aber durch seinen Glauben hat Gott ihn trotzdem lieb, zugespitzt gesagt. Ich kann ein Bisschen nachvollziehen, dass Leute das entspannend finden – sie müssen nicht immer alles richtig machen, Hauptsache, sie glauben. Aber aus meinem religiösen Verständnis heraus würde ich sagen: Der Mensch kann absolut anders als zu sündigen! Die Torah ist hier bei uns, auf der Erde, in unseren Herzen, und es ist möglich, das Richtige zu tun. Menschen werden durch ihre Taten zu Zaddikim, zu Gerechten. Und was bedeutet die Rechtfertigungslehre für das soziale Miteinander?

Ein guter Teil meines Entsetzens kam aber auch daher, dass ich einer Annahme aufgesessen bin, die viele haben, die über eine für sie fremde Religion lernen: Dass der Brei so heiß gegessen wird, wie man ihn kocht. Im Lauf des Studiums habe ich gesehen, dass die Rechtfertigungslehre absolut kein Blankoscheck für mieses Verhalten ist, dass Ethik eine wichtige Rolle im Protestantismus spielt und meine Kolleg_innen sehr darum bemüht waren, sozial, lieb und einfach generell gut zu sein. Selbst wenn ein Baustein einer Lehre in eine bestimmte Richtung interpretiert werden kann: es gibt immer noch viele andere Bauklötze, die eine ganz andere Farbe haben und mit denen das problematische Teil überbaut wird. Das kann ich auch nur allen mitgeben, die sich mit dem Alten Testament beschäftigen und daraufhin glauben, dass wir „im Judentum“ ungehorsame Söhne steinigen. Nö. Tausende Jahre rabbinischer Diskussion bilden eine fette Blockade um solche Abscheulichkeiten.

Ich denke manchmal, ich kann wirklich keine Theologin sein. Als solche muss ich Normen festlegen, das Christentum unterstützen und erneuern; aber manchmal fühle ich die Gewissheit, dass ich nur sagen könnte: Wieso glaubt ihr das? Seht ihr denn nicht, dass ein extrem strenges, strafendes Gewissen nichts besser macht?

Wahrscheinlich habe ich es nur nicht verstanden. Sie kommen mit harten, niederschmetternden Begriffen […] und sagen, man versteht nicht, wenn man von ihnen entsetzt ist. Die Intention ist ja so gut.

Ich bin enttäuscht. Ich lebe ja mit einem Christen. Gott sei Dank glaubt er, dass Jesus die Menschheit von der Erbsünde befreit hat. Ich hätte für ihn geweint, wenn er sich als Erbsünder, Sünderber, gedacht hätte.

Jaaa, die Erbsünde, noch so ein Konzept, das sich mir nicht ganz erschließt. Allerdings glaube ich gehört zu haben, dass diese Idee tatsächlich auf sehr alte jüdische Vorstellungen zurückgeht, die dann einfach später bei uns nicht mehr rezipiert wurden, im Christentum aber weitergelaufen sind. Außerdem habe ich vor Kurzem eine rabbinische Erklärung gelesen, warum Frauen die Mitzvah zufällt, Erev Schabbat die Kerzen anzuzünden: Weil sie damit wieder gut machen müssen, dass Chava, die Böse, Adam das Äpfelchen gereicht hat. Klingt etwas nach Erbsünde. Tatsächlich beten wir aber: „Mein Gott, die Seele, die Du erschaffen hast, ist rein. Du hast sie erschaffen, Du hast sie mir eingehaucht, Du behütest sie in mir…“

Die Vorstellung, dass sich jemand selber als von Geburt an als sündig, als unrein, erlebt, hat mich vor Mitleid zum Weinen gebracht. Mittlerweile weiß ich, dass es ein Bisschen kompliziert ist: Manche meinen, Jesus hat die Erbsünde auf sich genommen und seit ihm gibt es so was nicht mehr, während andere noch immer damit rechnen…ich kenne mich einfach nicht aus. Jedenfalls scheint das Sündenkonzept in dem Teil des Christentums, den ich kenne, auch ganz anders zu sein als in dem Teil des Judentums, den ich kenne. Nach meinem Verständnis ist eine Sünde eine Tat, die man begeht. Wenn einem so ein Fehltritt passiert, muss man umkehren: Man muss Wiedergutmachung leisten, die geschädigte Person um Verzeihung bitten, und auch Gott um Entschuldigung bitten. Anscheinend wird Sünde in Teilen des Christentums aber als Zustand aufgefasst: Als Getrenntsein von Gott, das dem Menschsein innewohnt. Sehr fremd und spannend für mich, diese Definition.

So, jetzt habt ihr gelesen, dass ich „das Christentum“ vor acht Jahren einmal entsetzlich gefunden habe. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen. Mittlerweile habe ich mit vielen Christ_innen geredet, viel gelernt und vieles gefunden, was ich an verschiedenen christlichen Strömungen ganz schön finde. Meine Religion ist es dennoch nicht. Aber durch das Studium und meine Erfahrungen im Dialog kann ich Christ_innen mit einer informierten Wertschätzung begegnen. Wenn es um Religion geht – ansonsten begegnet man sich immer noch am Besten von Mensch zu Mensch.

2 Kommentare zu „„Es ist eben nicht das Judentum. Ich finde es entsetzlich.““

  1. Seit dem ich Dich kenne – also, ich meine, seitdem ich Dein Blog lese – habe ich mir manche von meinen alten Predigten wieder einmal angesehen und mir überlegt, was Du wohl dazu sagen würdest. Es war gut, dass Du nicht in meiner Gemeinde gesessen hast… Ein bisschen habe ich mich geschämt.

    Es ist wohl so, dass schon in „neutestamentlicher“ Zeit heftiger Streit zwischen Juden und Christen herrschte und das die Verbitterung und der Unfriede daraus bis ins Neue Testament hineingeschwappt sind und da unheilvoll weiter wirken konnten.

    Auch z. B. aus der Frage „Warum musste Gott Mensch werden?“ sind Gedanken in die Theologie eingedrungen, die schließlich zu so seltsamen Dogmen wie „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil“ führten. Aus dem Geschenk der Liebe ist so ein Symbol der Trennung und des gegenseitigen Unverständnisses geworden.

    Ich weiß nicht, ob ich immer so predigen könnte (und können sollte), dass sich auch eine Jüdin oder ein Jude im evangelischen Gottesdienst angenommen und verstanden fühlt. Würde es mir in der Synagoge so gehen?

    Ich bin heute überzeugt, dass es viele Wege zu Gott gibt; und dass es gar nicht meine Aufgabe ist, zu entscheiden, welcher für einen anderen Menschen der „richtige“ Weg ist. Der Weg entsteht, indem man ihn geht. Und einer der schönsten Sätze in der hebräischen Bibel ist der: „Ich gehe mit dir.“

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    1. Endlich komme ich zum Antworten. Vielen Dank für den schönen Kommentar und Deine Ehrlichkeit! Martin Rothgangel hat in einem Beitrag zur religionspädagogischen Sicht auf die Entwicklung des Antisemitismus geschrieben, dass es für Kinder schon ausreicht, zu wissen, dass es die eigene Gruppe und die andere Gruppe gibt, um die eigene mit besseren Eigenschaften zu bewerten. Unterscheidung ohne mitschwingende Wertung ist keine einfache Sache, besonders nicht für eine neue Gruppe – denn warum sollte es sie denn geben, wenn sie nicht etwas besser machen würde als die Alte? Diese Denkmuster hinter sich zu lassen ist eine große Herausforderung. Für mich auch – gegenüber Teilen des orthodoxen Judentums zum Beispiel.
      Predigt und Drascha sind zwei unterschiedliche Dinge, kommt mir vor. „Drascha“ kommt von „darasch“, „suchen“. Man untersucht den Text, durchsucht ihn auf weitere Ebenen, ähnliche Stellen, weitere Bedeutungen von diesem und jenem Detail, und kommt dadurch in eine wunderbare und interessante Gedankenwelt; am Ende der Drascha sind einem im Idealfall Details an der Paraschah aufgefallen, die einem vorher nicht bewusst waren, oder man hat zumindest ein paar weitere Meinungen und Interpretationen verschiedener Rabbiner_innen kennengelernt. In der Predigt scheint es mir oft um Lebensweisung zu gehen, ich habe schon Predigten gehört und gelesen, wo der biblische Text des Gottesdienstes nicht einmal erwähnt wurde. Insofern werden Christ_innen im Schabbatgottesdienst meistens einfach nicht erwähnt, weil sie nicht in der Torah vorkommen. Und ich habe noch nie erwartet, mich bei einer christlichen Predigt verstanden und angenommen zu fühlen, weil ich meistens damit beschäftigt bin, zu warten, wann man denn jetzt endlich über den Text redet. Manchmal habe ich so eine negative Erwartungshaltung, dass ich mich freue, wenn das Judentum gar nicht erwähnt wird. Wenn es erwähnt wird, freue ich mich, wenn nicht die Pharisäer mit Jüd_innen gleichgesetzt werden und die Jünger_innen mit der christlichen Gemeinde – immerhin waren die Jünger_innen auch jüdisch! Ich bin glücklich, als junge Frau nicht als älterer Bruder bezeichnet zu werden, aber mehr muss es für meinen Geschmack auch wirklich nicht sein. Ist ja euer Gottesdienst.
      Wenn man gerne ab und zu einen positiven Bezug zum Judentum einbauen möchte, gibt es in Philadelphia und durch den Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit jetzt auch in Wien die Tradition, bei den Fürbitten an Sonntagen in der Nähe der jüdischen Feiertage kurz das jeweilige Fest zu erklären und für das Wohlergehen der jüdischen Gemeinde zu beten. Das finde ich ur lieb. Bei uns gibt es keine freien Fürbitten, deshalb lässt sich das nicht eins zu eins erwidern, aber vielleicht kommt das noch.

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