(Meine) Religiosität in der Krise

Immer wieder kann man in verschiedenen Medien lesen oder hören, dass sich die Religiosität der Leute wandelt, dass sie weniger religiös sind, lieber individuell religiös, dass sie nicht mehr so viel in die Kirche gehen wie früher, aber gleichzeitig viel konservativer sind als noch ihre Eltern… ich glaube, für uns österreichische Jüd_innen gibt es da nicht einmal richtige Statistiken (wir scheißen uns aus nachvollziehbaren Gründen davor an, auf irgendeine Weise vermessen und gezählt zu werden). Und je nachdem in welchem Umfeld du dich bewegst, wirst du einen ganz anderen Eindruck bekommen. Was mir jedenfalls auffällt, ist, dass ich viel höre, dass immer mehr Leute (christliche? Auch jüdische?) anscheinend ein Problem mit Religion haben, ich aber noch von wenigen Menschen persönlich gehört habe, was ihre Krise mit der Religion ist. Vor Kurzem wollte ich bei einer Pfarrveranstaltung mit den Teilnehmenden über Momente reden, in denen sie sich gedacht haben: „So, das ist es, jetzt kehre ich um und werde religiös!“ – und es dann doch gelassen haben. Es kam nicht zu diesem Gespräch. Aber die krisenhaften Momente eines religiösen Lebens interessieren mich nach wie vor, und um die Konversation zu starten, erzähle ich mal ein Bisschen von meinen aktuellen religiösen Problemen.

Oft heißt es, der Glaube sei ein Trost und hilfreich für die Menschen. Nebbich. Mir hat das mit dem Glauben meistens mehr Schwierigkeiten gemacht als Halt gegeben. Einmal habe ich sogar versucht, mit dem Glauben aufzuhören, aber das war für mich in etwa so, als würde ich versuchen, das Fahrradfahren zu verlernen.

Womit ich keine Probleme habe, ist, meine religiöse Identität zu verorten: Ich bin LIBERALE. PUNKT. JÜDIN. PUNKT. Aber das Gefinkelte liegt im Detail.

Gläubige Jüdin zu sein, heißt, sehr an der Praxis orientiert zu sein. Man ist religiös, wenn man sich der Religion entsprechend verhält. Da hat sich bei mir in den letzten drei Jahren einiges getan: Nachdem ich mich über die orthodoxe Synagoge angenähert habe, bin ich nun wieder in meiner angestammten liberalen Gemeinde und habe einen Rhythmus, in den Gottesdienst zu gehen. Wenn es irgendwie geht, koche ich vor Schabbes vor. Wir machen oft Kiddusch bei meinen Eltern zuhause oder, wenn nicht gerade alles drunter und drüber geht, auch bei uns. Aber irgendwie kommt mir manchmal vor, bei all dem religiösen Handeln denke ich recht wenig an Gott. Und wenn ich an Ihn denke, weiß ich nicht so recht, was ich von Ihr halten soll. Das Judentum ist so ein weites, reiches, spannendes Feld, und Gott ist – so scheint es mir manchmal – nur ein kleiner Teil davon. Ich singe sicher öfter jiddische Lieder, als ich mich irgendwie spirituell mit Gott verbunden fühle. Allerdings habe ich heute ein jiddisches Sprichwort gelesen: Je näher an der Synagoge, desto weiter von Gott. Hm.

Und dann ist da die Frage, wie weit das jüdische Handeln geht. Ich finde bei mir so eine krasse Mischung aus intuitiver Frömmigkeit gemischt mit nonchalanter Unreinheit. Ich fürchte mich davor, „frum“ zu sein – wahrscheinlich setze ich es geistig mit „verzopft und sternäugig andächtig“ gleich. Aber gleichzeitig habe ich trotz dem Liberal-Sein eine Art orthodoxes, vielleicht sogar chassidisches Idealbild in mir, das sich vor Scham krümmt, wenn ich am Schabbat Fahrrad fahre oder überlege, zu Jom Kippur nichts Weißes zu tragen. Mein Freund sagt, ich bin frum, weil wir eine Mesusa haben. Ich finde mich nicht frum, weil wir nur eine haben. Ich küsse die Mesusa immer, wenn ich zur Wohnung hinaus- oder hineingehe. Aber ich beginne jeden Tag damit, eine Gelatinekapsel mit Vitaminen für kräftiges und gesundes Haar zu schlucken. Ich trage alte Kopien, auf denen der Gottesname steht, zur Genisa in die orthodoxe Synagoge. Aber meine Sommergarderobe ist himmelweit von Tsanua. Ich mache abartige kleine religiöse Sachen (zum Beispiel jedes Bild auf meinem Blog im Editor auf genau 613 Pixel Breite einstellen, weil das die Anzahl der Gebote in der Torah ist). Aber regelmäßig beten oder Talmud lesen – Fehlanzeige. Und so weiter und so fort. Diese religiöse Schizophrenie gibt mir Rätsel auf. Vielleicht sollte ich diese Dinge mal auf ein Flipchart schreiben und schauen, ob es ein Muster gibt. Vielleicht habe ich Prioritäten oder Schwerpunkte oder so. Und vielleicht muss man Religion auch einfach nicht ganz oder gar nicht leben.

3 Kommentare zu „(Meine) Religiosität in der Krise“

  1. Auch wenn ich in Glaubensfragen aus einer anderen Ecke komme:
    Vielleicht gehören Fragen und Zweifel dazu, ähnlich wie auch zwischenmenschlich Krisen zu allen menschlichen Beziehungen, vielleicht ist Manches auch da „Gewohnheit“. Ist das schlimm?
    Ich putze auch gewohnheitsmäßig mir die Zähne und denk nur manchmal drüber nach, wenn ich so müde bin, dass ich dazu keine Lust mehr habe. Manchmal tue ich es dann, manchmal lasse ich es.
    Ich bin eine Meisterin von Kopftheater und bin begabt darin mich mit erlernten Grundsätzen zu beschäftigen, die nicht zu meinem jetzt passen, manchmal entfernt mich das davon, jetzt eine Entscheidung zu treffen, die zu meinen jetzigen Bedürfnissen passt. Banales Beispiel: Heute auf dem Weg nach Hause blieb ich mit dem Rad an einer rote und an Fußgängerampel stehen, obgleich ich mit meiner Blase rang und weit und breit kein Auto kam. Später schloss ich das Rad erst mal ans Geländer; es in den Keller zu tragen, wäre mir mit trockener Hose nicht gelungen.
    Warum keine Zeichen, die erinnern können? Ich freue mich immer wenn ich zu meiner angeliebten Schwiegermutter komme und die Mesusa an der Tür sehe. Ihrem Mann war sie wichtig, an ihn denke ich dann …
    Ida Ehre hat ihrer Autobiographie den Titel gegeben „Gott hat einen größeren Kopf, mein Kind …“ So wie sie schreibt eine Antwort ihrer Mutter auf manche ihrer Kinderfragen.
    Eine weise Antwort, wie ich finde, manchmal denke ich daran, dann fällt mir ein, es ist nicht meine Aufgabe, in diesen Kopf zu schauen.

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