Jüdin werden, Teil I: Im Anfang

Nicht mehr beruflich im interreligiösen Dialog zu arbeiten, bedeutet auch, dass ich jetzt im weiten Meer des Judentums schwimme und mich selber definieren muss. Ich habe nicht mehr die angenehme klare Kontur, die mir Leute anbieten, indem ich „die jüdische Vertreterin“ bei einer Veranstaltung bin oder mir „als Expertin“ eine für möglichst viele jüdische Gruppierungen funktionierende Antwort auf eine Frage aus den Fingern saugen muss. Das löst einen Haufen Gefühle bei mir aus: Angst, Freiheit, Neugier, Unsicherheit…und auch beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich echt kein Problem habe, über meine Erfahrungen im interreligiösen Dialog zu berichten. Aber wenn es um das Jüdischsein geht, meine nur-eigene Sache, bei der es nicht um die Relation zu Anderen geht – uff. Ich zittere. Wo fange ich da eigentlich an? Mag ich das erzählen? Will das überhaupt jemand lesen? Aber in einer Zeit, in der „What I eat in a day“- und „Draw my life“-Videos mehrere Millionen Leute interessieren können, nehme ich mir mal heraus, meine klammen Versuche, mich in meiner eigenen Religion zurechtzufinden, mit euch zu teilen.

Wie hat das alles angefangen? Nachdem eine offen gelebte Jüdischkeit in Naziösterreich keine Option war, hat meine Mutter sowohl für meine Oma, als auch für sich, als auch für mich das Judentum wieder hervorgeholt und neu entdeckt. Ich bin nicht sicher, ob sie das erzählt hat oder ob ich es interpretiere, aber es ging womöglich in Richtung „Das Kind braucht eine Religion“. Die liberale Gemeinde in Wien, in der ich aufgewachsen bin, wurde zu einem für mich ganz glücklichen Zeitpunkt gegründet: Zwei Jahre vor meiner Geburt. Und sobald ich alt genug war, solange bis ich alt genug war  etwas anderes vorzuhaben, gingen wir Freitagabends in die Synagoge.

In die Kirche zu gehen mag etwas anderes für ein Kind bedeuten als in die Synagoge zu gehen. In die Synagoge zu gehen hat bedeutet, mir aussuchen zu können, ob ich lieber den wundervoll bemalten Aron haKodesch bestaune, aus voller Kehle mitsinge, oder lieber die kühlen Gänge und mit blauweißem Ramsch vollgestopften Nebenräume erkunde. Es hat bedeutet, nach dem Singen durch ein Gewusel von Beinen zu krabbeln, einen bunten Metallbecher mit Traubensaft in der einen und ein Stück süße Challe in der anderen Hand. Es hat auch bedeutet, sich vor der Rabbinerin unter dem Tisch zu verstecken, von ihr durchschaut und unter dem Tisch hervorgezogen zu werden, um mit tomatenrotem Kopf vor der ganzen Gemeinde haMotzi sagen zu müssen.

Das Jüdischsein hat sich für mich als kleines Kind aber nicht nur auf die Synagoge beschränkt. Zuhause versammelten sich die Freundinnen meiner Mutter zu Neumond, um Texte zu diskutieren, zu beten und zu tratschen. Das Judentum in meiner Familie ist eins der Frauen: Seit Generationen heiraten unsere jüdischen Familienmitglieder Nichtjuden und bringen (auch) Töchter auf die Welt, die dann wiederum Nichtjuden heiraten und (unter anderem) Töchter auf die Welt bringen. Vor einiger Zeit durfte ich bei der Bet Deborah Conference of Jewish Women Kiddusch für den ganzen Saal in der atemberaubend schönen Storchenschul machen. Als eine Organisatorin mich deswegen gefragt hat, meinte ich schüchtern, ich weiß nicht, ob ich das richtig kann, ich mache einfach, was meine Mutter mir beigebracht hat. Sie hat mich sehr berührt angeschaut, mir auf die Schulter geklopft und gemeint, das sei gut, ich soll machen, was meine Mutter mir beigebracht hat. Da ist mir aufgefallen, dass Kiddusch traditionell Männersache ist.

Auch Religionsunterricht habe ich zunächst einmal von einer Frau bekommen. In der Volksschule wurden meine Freundin Adina[1] und ich von Malka unterrichtet. Dabei lernten wir ein paar Worte Hebräisch, und Brachot und Feiertage, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann – Malka möge mir verzeihen, aber in diesem Alter war für mich wesentlich interessanter, dass Adinas Mama uns immer vor dem Lernen in den 10-Schilling-Shop gehen ließ und uns glitzernde Kleinigkeiten kaufte. Außerdem wollten wir nach der Stunde nur noch eines: In den Park gehen und die neueste Sailor-Moon-Folge nachspielen. Es war eine feministische Blütezeit, in der Mädchen die Welt vor schrecklichen Gefahren retten und dabei die besten Freundinnen sein konnten, selbst wenn sie sehr unterschiedliche Charaktere (und Haarfarben) hatten.

Sehr unterschiedlich waren und sind bis heute auch die Nationalitäten der Mitglieder von Or Chadasch. Durch die Gemeinde habe ich früh viel Englisch gelernt. Die Internationalität ist typisch für die Wiener Nachkriegsgemeinde. Wahrscheinlich war sie schon vor dem Krieg typisch. Und wahrscheinlich ist es in jeder jüdischen Gemeinde so, dass mindestens ein Drittel der Leute aus dem Ausland kommt. Das wäre mir mit meinem Hang zu Auslandsfreund- und Liebschaften gelegen gekommen, hätte es mehr Kinder in meiner Gemeinde gegeben. Als ich langsam zum Teenager mutierte, bestand die Jugend von Or Chadasch aus Maya, Ruth und mir. Das war ziemlich zach, wie man in Wien sagt [Aussprachehinweis: zaaaach. So wie schiiiarch.]. Zudem war ich als Jugendliche nicht so begeistert von Jugendlichen; sie machten mir Angst. Sogar ich machte mir Angst. Das wurde nicht besser, als ich probeweise einmal zum Schomer ging.[2] Es gab vier verschiedene Räume. In jedem davon brüllten, rauften, lachten derb unterschiedliche Altersgruppen von Jugendlichen. Bis zu dem Moment, als sich alle im Hauptraum versammelten. Dann grölten alle zusammen auf martialisch klingende Weise die Nationalhymne von Israel und ich wollte nie wieder hin. Nicht wegen Israel, wegen dem beängstigenden Gruppengefühl.

 

[1] Alle Namen in diesem Text sind geändert. Datenschutz high five!

[2] Voller Name: haSchomer haTzair, Ken Tel Amal.

2 Kommentare zu „Jüdin werden, Teil I: Im Anfang“

  1. Ich freue mich auf eine Fortsetzung, wann es für Dich stimmt.

    In Sachen religiöser Erziehung kann ich nicht mitreden. Mir wurde keine zu Teil, die in eine Richtung ging, meine Eltern glauben nicht. Sie ließen uns nicht taufen, wollten nicht nur ein Familienfest, ohne eine christliche Erziehung, die nicht ihr Weg. Wir sollten uns selbst entscheiden können.

    Wie es wohl ist, wenn mensch als Kind mit Gottesdienstbesuchen aufwächst? Ich bin erfahrungslos.

    Kitaplätze waren auch Anfang der 70 ger schon Thema. Mit meinem besten Freund, der katholisch war landete ich in einem solchen Kindergarten.

    Was geschieht im Gottesdienst? Unsere Mutter ging mit uns in evangelische Familiengottesdienste, beantworte unsere Fragen. Mit meinem besten Freund ging ich neugierig zur Messe. Auch seine Mutter antwortete. Mit einem andern Freund ging ich in die Moschee, auch seine Mutter antwortete. Die Synagoge dieser Stadt war zu meiner Grundschulzeit ein verwaistes Haus. Wir gingen dran vorbei, stellten unserer Mutter Fragen, sie antworte auch mit „Weiß ich nicht, wir schauen in der Bücherei.“ Ihr Hüter, der den Rasen mähte, ward aufmerksam. Er ließ uns ein, erklärte.

    Am evangelischen Religionsunterricht nahm ich teil, wenn ich glaubte da was lernen zu können, sonst ging ich in die Bücherei neben der Schule.

    Ich hatte mir für heute frei genommen, mit anderen zu singen bei der Trauerfeier für meinen ehemaligen Chorleiter. Am Nachmittag buk ich Challa für den Sabbatabend zu dem mich wie so oft eine jüdische Freundin eingeladen. Warum? Ich hatte Zeit.

    Es gibt so viele Wege …

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