Jüdin werden, Teil II: Auschwitz – hin und zurück, noch einmal hin und wieder zurück

Vor einiger Zeit durfte ich über Skype bei einer Podiumsdiskussion der Dialogperspektiven mitmachen. Dabei wurde ich darauf angesprochen, dass ich ziemlich persönliche Sachen auf meinem Blog schreibe. Meine Antwort war nicht vollständig. Was ich auch noch sagen wollte, war, dass es gerade im Dialog wichtig ist, sich ehrlich und persönlich hineinzubegeben. Dass Menschen Authentizität zu schätzen scheinen. Aber auch, dass meine Erfahrungen mit dem Bloggen mir einen großen Teil der Angst davor genommen haben, mehr von mir zu zeigen. Insofern scheue ich mich vor diesem Blogpost relativ wenig. Viele von euch im deutschsprachigen Raum werden Erfahrung mit dem obligatorischen Klassenausflug nach Auschwitz haben – vielleicht werden weniger über diese Erfahrung aus einer (weiteren) jüdischen Perspektive gehört haben.

In unserer Schule gab es eine Art Warm-Up-Programm. Als wir dreizehn oder vierzehn waren, mussten wir mit unserem unsensiblen Geschichtelehrer, für den „Geschichte“ eine reine Aneinanderreihung von Kriegen und „Pädagogik“ einen endlosen Wechsel zwischen Wikipediaartikel, Film und Multiple-Choice-Test bedeutete, Schindlers Liste ansehen. Ich konnte nicht. In der Szene, in der sie meine Volksgenoss_innen im Ghetto ermorden, hat der Regisseur ein jiddisches Kinderlied, das meine Mutter oft gesungen hat, als Hintergrundmusik ausgewählt.[1] Ich bin aus dem Klassenzimmer gestürzt und habe eine Befreiung von dem Pflichtfilm bekommen. Vom anstehenden Mauthausen-Besuch auch.

Ein, zwei Jahre später dann war Auschwitz dran. Ich war noch immer die einzige Jüdin in meiner Klasse und meine Popularität war von 0 auf minus 50 gesunken. Meine Clique hatte mir geschlossen die Freundschaft gekündigt und die, mit der ich für ein gemeinsames Zimmer eingeteilt gewesen wäre, hat sich schon am ersten Abend woandershin vertschüsst. Der einzige, der nett zu mir war und mich beim Frühstück fragte, ob ich mich denn nicht zu ihm setzen wolle, war ein Araber aus Ostjerusalem. Bis heute schließe ich ihn in meine Gebete ein. Außerdem war eine psychologische Betreuerin extra für mich als jüdisches Kind dabei, was ich wirklich wirklich nett fand. Gleichzeitig hat mich das noch mehr von den anderen entfremdet. Oder ist es nur in meiner Erinnerung so, dass es wegen mir war?

Bis heute kann ich nicht genau sagen, wie ich mich dort gefühlt habe. Ich war groß darin, einfach nichts zu fühlen, wenn alles zu viel wurde. Nur die Luft konnte ich kaum atmen, weil es mir wie ein Verbrechen vorkam, dass sie süß und voller Verheißung von frischem Gras sein sollte, dort, wo der Qualm verbrennender Knochen gehangen hatte. Später sollte jeder aus unserer Klasse bei „A Letter to the Stars“ einen Satz vorlesen, der die Gefühle und Gedanken von unserem Auschwitzbesuch zusammenfassen sollte. Mein Satz war „Es stinkt, obwohl man es nicht riechen kann.“ Das Publikum hat gelacht.

Mit weniger Bitterkeit denke ich daran, wie ich die Sache mit dem Auschwitzbesuch dann in meine eigenen Hände genommen habe. Es war in meinem ersten Jahr als Geschäftsführerin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.[2] In der Zeitschrift der jüdischen Gemeinde war ein Inserat für eine Auschwitzreise gemeinsam mit anderen Jüd_innen zum March of the Living. Wieder das ganze Programm: Krakau anschauen, die Fabrik von Schindler, den Ort des Ghettos, und dann Auschwitz. Aber diesmal in einer ausschließlich jüdischen Gruppe. Hell yeah. Ich meldete mich an.

Wir hatten ein Vorbereitungstreffen, bei dem wir eine dicke Mappe erhielten, mit religiösen Texten, geschichtlichen Hintergründen und Tipps zum Bearbeiten der eigenen Familiengeschichte und unserer Identität. Ziemlich coole Sache. In der Gruppe freundete ich mich rasch mit einer Israeli an – wir bildeten die Gruppe der jungen Erwachsenen zwischen den ZPC-Schüler_innen und den Interessierten über 50. Wir Teilnehmenden schauten aufeinander. Wir beteten Tfilat haDerech im Bus und verschlangen miteinander grausliches koscheres Essen, das wir mit an polnischen Tankstellen gekauften Süßigkeiten erträglicher (und treifener) machten. Über Generationen und religiöse Ausrichtungen hinweg verband uns ein unsichtbares Band der Rücksicht- und Anteilnahme. Dabei gab es durchaus auch Konflikte. Eine israelische Zivildienerin hängte sich auf einem Friedhof eine Israelfahne um und meinte, wie froh und stolz sie sei, das jüdische Volk hier zu repräsentieren. Ich hatte keinen Bock, mich von ihr repräsentieren zu lassen. Aber es gab einige Momente, die mich wirklich berührt haben. Als wir am Gelände des Lagers ankamen, standen da die Schüler_innengruppen des March of Remembrance and Hope und ich erinnerte mich, dass wir an dem ja auch teilgenommen hatten mit der Schule. Aber jetzt war ich beim March of the Living, eingewickelt und geschützt von mehr als nur einer billigen übergroßen Plastikjacke mit dem Veranstalterlogo am Rücken. Als wir in der Gedenkstätte selber waren und zu dem Ausstellungsraum kamen, in dem ein enormes „Buch“, ein endlos-Zeitungsständer mit Namenslisten der Ermordeten hängt, stürmten wir alle darauf zu und suchten unsere Angehörigen. Und dann, als wir gemeinsam mit den Überlebenden und den Repräsentanten unserer Wiener Kehille den langen Weg gingen, brach der Himmel in tröstende Tränen aus und nach all dem Tod und den Sterilisationen, von denen wir gehört hatten, gab mein Uterus ein Lebenszeichen von sich und ich bekam die Regel.

Das Ganze ist vier Jahre her. Die Israeli und ich sehen uns kommenden Samstag.

 

 

[1] Wir sprechen kein Jiddisch. Meine Mutter hatte eine Klezmerphase, die mich bis heute geprägt hat.

[2] Ich sollte anfangen, das auf dem Blog mit KoChrJueZ abzukürzen. Das war immer mein Lieblingskürzel für diesen unaussprechlichen Namen. Versuch mal, damit schnell das Telefon abzuheben und dich zu melden!

2 Kommentare zu „Jüdin werden, Teil II: Auschwitz – hin und zurück, noch einmal hin und wieder zurück“

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