Jüdin werden, Teil III – Music makes the world go round

Als ich mehr Freiraum gewonnen hatte, mich nur mit dem Judentum zu beschäftigen, hatte ich ein großes Knäuel im Kopf, das für mich ganz undurchdringlich schien. Wo anfangen? Wo will ich hin? Was gibt es alles? Daraufhin tat ich, was ich immer tue, wenn ich mit einer unüberschaubaren Lage konfrontiert bin: Ich schnappte mir Stift und Papier.

Nachdem immer mehr und noch mehr Begriffe auf meiner Mindmap zum Thema Judentum auftauchten und in immer aberwitzigeren Konstellationen miteinander in Verbindung traten, wusste ich, wieso mir der Kopf schwirrte. Das Judentum ist ein über Jahrtausende gewachsenes Gewirr von Religion (= Beten, Feiertage, Torah und Talmud lernen etc.), Kultur (= Lieder, Geschichten, Comedy, Malerei…) und Geschichte (= berühmte Persönlichkeiten und Ereignisse etc.). Und Gegenwart! Verloren stand ich da, als wollte ich einen Berg mit einer kleinen Plastikschaufel abtragen, um zu sehen, wie er beschaffen ist und welche Erdbrocken mir besonders gut gefallen. Aber ein Themenbereich fiel mir besonders auf, weil er sich so schnell so weit auf dem Papier vor mir ausbreitete: Singen. Mich ohne Singen gibt es nicht, und meine Jüdischkeit gibt es nicht ohne Musik.

Wahrscheinlich hat das schon damit angefangen, dass meine Mutter erst für mich und dann zunehmend mit mir gesungen hat. Dann habe ich in der Synagoge immer kräftig mitgesungen. Der Kabbalat Schabbat Gottesdienst lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Man geht hin, singt eine Stunde durch, und dann gibt es was zu Essen. Tatsächlich war die Synagoge der Ort, an dem ich gemerkt habe, wie ich in den Stimmbruch gekommen bin. Auf einmal war es nicht mehr so leicht, die hohen Töne zu treffen; aus einer Kinderstimme wurde ein Mezzosopran.

Dann kam die Zeit meiner Bat Mizvah Vorbereitung und wir beschlossen, es „richtig“ zu machen: Ich würde die ganze Paraschah singen lernen und selber aus der Torah leinen. Wir fanden sogar jemanden, der bereit war, es mir beizubringen und mir eine Kassette aufnahm, der ich jeden Tag nachsang. Ich weiß nicht, ob meine Abneigung gegen das Notenlesen sich schon davor entwickelte oder danach, aber jedenfalls lerne ich Musik bis heute ausschließlich nach Gehör. Das hat etwas Ursprüngliches; man geht einen längeren und manchmal harten Weg mit der Musik, bis man sie das erste Mal für sich allein singen oder spielen kann. Aber dafür geht danach die Musik deinen Weg mit dir. Nichts mit instant mitlesen und dann schnell wieder vergessen.

Ich war glücklich mit dem Auswendiglernen und der Lehrer war es auch; „A gute Stimm“, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, als ich ihm mit hochrotem Kopf das erste Mal von der Bima aus vortrug, was ich gelernt hatte. Vor lauter frommem Lerneifer machte ich sogar unfromme Sachen; einmal fiel mir auf, dass ich auf dem Klo saß und dabei einen Teil der Torah vor mich hin sang. Peinlich berührt verstummte ich und verkniff mir von da an das Singen auf der Toilette.[1]

Eine Weile nach meiner Bat Mizvah – oder davor? – hatte meine Mutter eine Phase. Sie hörte Klezmer-CDs rauf und runter und ich wurde vertraut mit Jiddisch. Als ich noch die Zeit dafür hatte, war es so: Wenn mir eine CD gefiel, lernte ich nach und nach jedes Lied auf ihr auswendig. So machte ich Bekanntschaft mit Avrejml dem Marvicher, Levine mit seiner flying machine und dem Dörfchen Dzankoje. Ich lernte meine ersten Nigunim von einer Geduldig-und-Thimann-Platte und merkte, dass mir die Art mancher Leute, Klarinette zu spielen, Kopfschmerzen bereitet. Bis heute interessiere ich mich nicht allzu viel für Klezmer, aber umso mehr für Jiddisches und auch polnisch-jüdisches Liedgut. Je wilder und ungewöhnlicher die Melodie, desto besser.

Einmal habe ich sogar mit einer Freundin und ihrem damaligen Freund (beide übrigens nichtjüdisch) Straßenmusik mit jiddischen Liedern gemacht. So richtig als amtlich registrierte Straßenmusiker. Wir haben die Leute sehr verwirrt: Sollen sie uns Geld geben, damit meine Freundin weiter Gitarre spielt, oder sollen sie uns Geld geben, damit ihr Freund aufhört, seine Klarinette arhythmisch zum Schnaufen zu bringen? Dieser innere Konflikt hinderte die Meisten daran, uns überhaupt etwas zukommen zu lassen – auch wenn manche Mütter unsere Anwesenheit nutzten, um ihren Kleinen beizubringen, dass man Bettlern Geld spenden soll.

Diese Liebe zur jiddischen Musik hat ihre Aufs und Abs, aber sie kommt immer wieder. Als ich vor Kurzem über meinen persönlichen Zugang zum Judentum nachgedacht habe, habe ich auf der Grundlage meiner Mindmap auch eine Liste mit zehn Wünschen gemacht; Dinge, die etwas mit dem Judentum zu tun haben und die ich erleben möchte. Zwei davon waren, einen Workshop mit jiddischen Liedern zu besuchen und ein Channukkah-Adventsingen in meiner Gemeinde zu organisieren. Beides hat geklappt, und es war sogar noch ein Nigunim-Wochenende mit dem großartigen Aaron Saltiel drinnen. In kaum einem Bereich meines Lebens kommt das Jüdischsein natürlicher zum Vorschein als in der Musik; in einem Moment singe ich ein polnisches Liebeslied, im nächsten ein jiddisches Trinklied und zwischen zwei irischen Liedern ein kurzes Gebet, ganz nebenbei.

 

[1] Dabei hatte ich das doch von einem Schild beim Heurigen gelernt: „Nebengeräusche sind durch lautes Singen und Jubilieren zu übertönen.“

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