Jüdin werden, Teil IV: Liebe – die Nächsten, die Übernächsten, die Allerletzten und Gott

“Finally, a story that captures the passion, and raw sexuality, of Yom Kippur.“ – John Stewart bei der Oscarverleihung 2008 über den Film „Abbitte“

Das Jüdischsein hat mich auch in meinen engsten zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt.

Als ich ein Kind war, ist meiner Mutter aufgefallen, dass ich kaum österreichische Freund_innen hatte. Da war die Italienerin, die Koreanerin, die Chinesin, die Ägypterin… nichtjüdische Österreicher_innen waren in meinem Freundeskreis recht unterrepräsentiert. Sie fragte sich besorgt, ob das eine Auswirkung der Schoah sein könnte, und ich neige heute dazu, zuzustimmen – auch wenn sich das mittlerweile geändert hat.

Das Muster setzte sich in meinen Liebesbeziehungen fort: Der Kroate, der Franzose, der Pole, der Tscheche… Österreicher_innen scheinen für mein Herz fast nur zu gehen, wenn sie jüdisch sind. Aber egal, welche Nationalität und Religion: Die Menschen, mit denen ich zusammen war, haben mein Verhältnis zu Gott beeinflusst. Und das meine ich nicht im kitschig-romantischen Sinn. Da war der Mistkerl, der mir immer wieder versichert hat, dass ich genau die bin um die er gebetet hat, und dass Gott unsere Beziehung gutheißt, und mit dem ich Schabbes feiern und jüdische Lieder singen konnte. Nur hat seine verdammte Frömmigkeit ihn nicht davon abgehalten, sich so zu verhalten, dass ich ihn zuletzt vor Gericht gesehen habe. Stattdessen hat die enge Verbindung zwischen unserem Zusammensein und dem Judentum mir auch noch eine Glaubenskrise beschert, nachdem ich mich von ihm losgeeist hatte.

Weiter war da der atheistische nichtjüdische Naturwissenschaftler, der mich dazu inspiriert hat, am Liebsten selber nicht gläubig sein zu wollen. Dann kam endlich eine gesunde therapeutische Beziehung, und siehe da, auf einmal konnte ich wieder glauben, dass Gott eine Größe ist, auf die man vertrauen kann und dass Er vielleicht Verständnis hat, wenn mir das eine oder andere nicht so gelingt, wie ich möchte. Es hat mir Kopfzerbrechen bereitet, dass meine Idee von Gott so leicht beeinflussbar ist, je nachdem wie es mir gerade in meinen anderen Beziehungen geht. Man kann das sicher religiös deuten, im Sinne von „Gott begegnet dir in deinen Mitmenschen“. Aber das finde ich irgendwie nicht ganz zufriedenstellend.

Die durch meine irdischen Beziehungserfahrungen wandelbare Gottesbeziehung ist das eine Phänomen; meine tief sitzende Sehnsucht nach einer Beziehung mit einer jüdischen Person das andere, das mich beeinflusst und teils richtig blöde Entscheidungen treffen lässt. Vorweg: Ich bin froh, dass ich Balthasar habe, und ich schreibe hier auch nichts, was er nicht wissen würde. Aber in mir ist auch eine Sehnsucht verankert, dem Bild einer traditionellen jüdischen Familie zu entsprechen, in der Tate und Mame jüdisch sind und viele kleine Kinderlech haben. Dieser Anteil von mir kann in den unpassendsten Momenten zum Vorschein kommen und mich mit vergifteten Amorspfeilen beschießen. Wenn die Person meines Interesses jüdisch ist, kann das zu ungebührend heftigen chemischen Reaktionen und dunkelrosa verfärbten Brillengläsern führen, die selbst massive Inkompatibilitäten praktisch unsichtbar machen. Man kann sich da intellektuell rausretten. Aber es ist lästig, wenn man grade in dieselbe Synagoge geht, versucht, sich aufs Beten zu konzentrieren und feststellt, dass die Frauengalerie dazu gemacht ist, Männer schöner aussehen zu lassen als sie sind. Sicht von weit weg = reinere Haut, Sicht von oben = breitere Schultern und schmälere Hüften. Oder wenn man in die liberale Synagoge geht, wo Frauen und Männer nebeneinander stehen, und man vor Knieweich kaum die Amida durchhält, wenn der Jom Kippur Crush neben einem davnet. Überhaupt, Jom Kippur, der Tag der rohen Leidenschaften. Vor ein paar Jahren haben sich da in der bucharischen Synagoge zwei geprügelt, weil die Frau des Einen mit dem Anderen eine Affäre hatte. Liebeshunger und Essensentzug, eine explosive Mischung.

Religion mag also die Nächstenliebe fördern, aber a. ist das nicht immer eine gute Sache und b. beeinflusst in meiner Erfahrung auch die Nächstenliebe die Gottesliebe. Was mir jedoch immer gefallen hat an meiner Religion, war die omnipräsente Verwendung des Bilds der Liebesbeziehung bis hin zur Ehe: Zwischen Gott und Israel, zwischen den Gläubigen und dem Schabbat, als erwünschtes Feature eines_einer Rabbiners_in. Schon in meiner frühkindlichen Frömmigkeit habe ich diese Nähe aufgegriffen, als ich meiner Mama bei einem Spaziergang erklärte, ich sei die Freundin des großen Zauberers und helfe ihm jeden Morgen, die Vögel in die Bäume zu hängen. Heute singe ich sehr gerne spirituelle Lieder wie Dodi Li oder Kol Dodi, die entweder aus dem Schir haSchirim entnommen oder davon inspiriert sind. Auch Jedid Nefesch und Lecha Dodi gehören zu meinen liebsten Gebeten/Liedern zu Schabbes. Diese Wertschätzung von Gefühlen und innigen Beziehungen hat mein Verständnis vom Judentum stark geprägt; mein Bild ist das einer warmen, offenen, bis hin zu erotischen Religion. Dieses Bild habe ich selten in den Köpfen derer gefunden, die sich im interreligiösen Dialog mit dem Judentum beschäftigen. Dafür umso öfter bei anderen jüdischen Frauen*.

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