Jüdin werden, Teil V: Ordnung ins Chaos

Wenn mich etwas überfordert, versuche ich, es auf Papier zu bringen und zu systematisieren. Derzeit bin ich überfordert davon, meinen Platz im Judentum zu finden und eine Art, das Judentum zu leben, die zu mir passt. Ich versuche, mich dem Ganzen mit verschiedenen Methoden zu nähern. Die, über die ich euch heute erzählen werde, stellt die Torah in den Mittelpunkt.

Die Torah ist einfach das Herzstück des Judentums, da kann noch so viel Kultur und Geschichte drum rum sein. Sie ist das Handbuch zum jüdischen Leben. Leider ist sie nicht geschrieben wie ein Handbuch. Ihre 613 Ge- und Verbote sind liegen teils offen vor einem, teils verbergen sie sich in Nebensätzen und Geschichten, sodass sie von unseren Weisen extrahiert und zusammengefasst werden mussten. Schon vor Längerem hatte ich die Idee, mir eine Liste aller Mitzvot auszudrucken und erst Mal zu schauen, was davon heute eigentlich noch machbar ist (ein großer Teil bezieht sich z.B. auf Tempelvorschriften). Und auch, was für mich selber möglich ist – an manches kannst du dich nur halten, wenn du zufällig gerade König bist oder bei Gericht arbeitest oder in der Landwirtschaft. Nachdem ich alles einmal ausgedruckt und durchgelesen hatte, war mir schwindlig. Dann habe ich die Liste verloren. Aber dann hat Chajm die traditionelle Auflistung der Ge- und Verbote nach Maimonides auf talmud.de gestellt und ich hatte wieder einen Anlass, mich damit zu beschäftigen.[1]

Erst einmal kopierte ich mir die komplette Auflistung in ein Word-Dokument. Dann markierte ich rot, was ich selbst (als Vegetarierin, Nicht-Kohen, Nicht-Geldleiherin etc.) nicht einhalten kann oder was heute einfach nicht mehr möglich ist. Orange markierte ich Dinge, die nicht mehr im Wortlaut eingehalten werden können, für die es aber einen Ersatz gibt (vor allem Gebete statt Opfer). Über mein Vegetarierinsein komme ich einfach nicht hinweg, ich kann kein Pessachopfer essen, das ich mit Maror gefüttert habe. Ich hoffe aber darauf, dass Gott Verständnis zeigt, wenn ich stattdessen ein mit Biskuitlamm mit Bitterschokoladenfüllung schlachte. Auch manche Verbote, die zu brechen mir nie im Leben einfallen würde, habe ich aus der Liste gestrichen. Zum Beispiel abartige Ehekonstellationen innerhalb der Familie und alles, was mit Mord oder Krieg zu tun hat, das ist ohnehin kein Thema in unserer Austria Felix. Als ob ich überhaupt jemals vorhaben könnte, eine Frau zu heiraten, die ich im Krieg gefangen genommen habe. Das braucht mir niemand erst verbieten.

Dann wollte ich wissen, wie viel jetzt noch von den 613 Regeln übrig ist und kopierte zum leichteren Zählen alles in eine Excel-Tabelle. 247. Theoretisch kann ich mich also an 247 Ge- und Verboten orientieren, von denen die einen mehr, die anderen weniger mit meinem Leben zu tun haben.

Um mir das alles noch konkreter vorstellen zu können, teilte ich die verbliebenen Mitzvot in fünf Kategorien ein: Tägliche Gewohnheiten, Seltener zur Anwendung Kommende, Feiertage, Grundhaltungen und Im Öffentlichen Leben.

Jede Veränderung beginnt mit kleinen Schritten. Mein Ziel war es, mir Schritt für Schritt jüdische Handlungsmöglichkeiten in meinem Alltag zu erschließen und herauszufinden, was sie mir bedeuten könnten. Daher schaute ich mir zuerst diejenigen Regeln an, die ich Tag für Tag umsetzen könnte. Das waren zwölf. Manche davon sind easy, stellte ich fest. Gebet und Torahlernen habe ich auf gewisse Weise schon in meinem Leben; ich gehe einmal im Monat für Schacharit in die Synagoge, wo ich die Paraschah und Draschah höre. Nicht das volle Programm also, aber vorhanden. Eine Mesusa haben wir; ich könnte noch drei für die einzelnen Räume kaufen, aber das finde ich optional. Wir haben Torah an unseren Türpfosten kleben, das ist fürs Erste mal das Wichtigste. Spenden – check. Kein Blut essen – ich könnte die Eier beim Aufschlagen wieder sorgfältiger auf Blutstropfen kontrollieren. Na gut. Check. Nicht im Übermaß essen – check, ich zähle meine Kalorien. Allerdings damit ich nicht zu wenig esse, wegen dem Training. Egal, passt schon. Niemanden kränken – work in Progress, check. Nicht nach dem Eigentum des Anderen gelüsten – ich führe eine Dankbarkeitsliste und hoffe, das hilft mir die Mitzvah zu erfüllen. Check.

Vieles fällt mir also leicht und ist bereits Teil meines Lebens. Aber es gibt fünf Dinge, die schmerzen, weil sie möglich wären, aber bislang einfach nicht meine Gewohnheit waren. Haha, Tefillin und Zizit. Schon lange trage ich den Gedanken mit mir herum, mir einen Tallit Katan zuzulegen und ihn rebellisch im zweiten Bezirk neben all den Orthodoxen zu tragen. Ich fände es schön, ein Zeichen meines Judentums unter dem Gewand zu haben und ab und zu die Zizit durch die Finger gleiten zu lassen. Als liberale Jüdin sehe ich mich zu denselben Dingen berechtigt und verpflichtet wie die jüdischen Männer*, also warum nicht?

Tefillin sind ziemlich teuer; aber mir fallen die ganzen mutigen Frauen ein, die an der Klagemauer stehen und sich nicht davon abhalten lassen, Tfilln zu legen, weil es in der Torah steht und ihnen wichtig ist. Allerdings finde ich, dass man eine Metapher auch ruhig eine Metapher sein lassen kann. Es geht darum, Gottes Anweisungen zu bedenken und in dem zu verwirklichen, was man tut – das ist m.E. wichtiger als sich wortwörtlich einen Torah-Abschnitt um Hirn und Hand zu binden. Tefillin sind eine symbolische Absichtsbekräftigung, ein konkretisierendes Ritual. Meiner Ansicht nach könnte ich mir auch mit Bodypainting-Stiften einen Text auf den Arm und ein Zeichen auf die Stirn malen, das hätte dieselbe Bedeutung. Also lasse ich das mit den Tefillin vielleicht fürs Erste.

Bleiben: Schma zweimal am Tag, Morgen- und Abendgebet und Gebet nach dem Essen. Ja. Beten. In letzter Zeit haben mir zwei Freundinnen gesagt, wie wichtig das Gebet für ihre Gottesbeziehung und ihre religiöse Identität ist. Ich hatte auch eine Zeit, wo ich immer vor dem Einschlafen ein traditionelles Gebet gesprochen habe. Es hat mir tatsächlich geholfen, zur Ruhe zu kommen. Nebenbei hat sich auch meine hebräische Lesekompetenz verbessert. Ja. Beten. Das ist eigentlich das, was mir fehlt, wo ich das Gefühl habe, meinem Judentum mangelt es an Gott. Beten. Das ist das, wovor ich zurückschrecke, weil es Raum eröffnet für Gefühle, für Ehrfurcht, für Dankbarkeit, Verzweiflung, Kleinfühlen, Hilflosigkeit, Ruhe… Beten. Ich könnte es probieren.

 

[1] Ich hoffe, du bereust es jetzt nicht, sie online zu stellen, falls du findest, dass ich Blödsinn damit anstelle! Danke jedenfalls dafür:-)

2 Kommentare zu „Jüdin werden, Teil V: Ordnung ins Chaos“

  1. Gern las ich Deinen Text, kenne als Außenstehende auch manches von dem „Regelwerk“, das so wie Du auch schreibst für Dein Leben nur in Teilen anwendbar. Egal, ob in Österreich oder Deutschland, wer ohne Menschenhandel lebt , den es ja auch hier gibt, braucht keine Regeln zum Umgang mit Sklaven , oder was ein König darf. Müsste ich Kalorien zählen um nicht der Völlerei, zu“erliegen“ auch katholisch, eine Sünde.
    Challa kühlt noch in der Küche, Suppe köchelt, ich schwinge mich bald aufs Rad, bin eingeladen von der Freundin. Shabbes auch mit Kalorien. Sie sitzt im Zug, war in die große Stadt gefahren zum liberalen G*ttesdienst, den es hier nur einmal im Monat gibt. Sie ging, sagte sie am Telefon, aus seiner Mitte, der neue Theologe, sagte sie sprach davon, Liebe sei nur möglich zwischen Mann und Frau.
    Wir werden das Leben feiern, darauf freue ich mich.
    Sie wird die Gebete sprechen, vielleicht auch mit ihres Vaters Tallit.

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  2. Nachtrag: Danke für Deinen Text. Wir haben freitag , darüber diskutiert. Goisch wie ich bin, war es für mich ein Leichtes, das Smartphone einzuschalten,was sie nicht tut. Auch die Rolle des Schabbesgoi wandelt sich. 🙂 U. a. habe ich gelernt, dass es auch konservative Ecken gibt, die es für nicht regelkonform halten, wenn ein Goi von sich aus etwas tut, was Glaubenden nicht erlaubt. Der jüngste Goi (13) am Tisch fiel aus allen Wolken; hättest du das Licht im Bad, dann immer an, wenn du so leben würdest? Können die nach Plan pullern, dann ginge eine Zeitschaltuhr.

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