Ezzes annehmen

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Endlich setze ich mich an diesen Blogpost. Nicht dass ich die letzten Wochen nicht daran gedacht hätte. Oft hab ich dran gedacht. Mit Zittern und Bangen und vielen Überlegungen, wie ich ihn angehen kann – immerhin ist das ein Auftragstext, da reibt sich der Perfektionismus besonders kräftig die Hände. Aber das ist nicht die einzige Hürde. Dieser Text ist für jemanden, zu dem ich in jeder Hinsicht aufgeschaut habe, seit ich ein Baby war. Für meinen Vater. Es zeigt seinen besonderen Sinn für Humor, dass er sich das Thema „Ezzes annehmen“ ausgesucht hat. Nu, ich versuche es.

Mosche ben Maimon hat seinerzeit acht Abstufungen der Zedaka plus zwei Hinweise festgehalten:

  1. und höchste Stufe: Dem Bedürftigen die Möglichkeit geben, sich selbstständig zu ernähren
  2. Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen.
  3. Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Arme erfährt nicht den Namen des Spenders.
  4. Der Gebende kennt nicht den Namen des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender.
  5. Geben, bevor man gebeten wird.
  6. Geben, nachdem man gebeten wird.
  7. Zwar nicht ausreichend geben, aber dennoch mit Freundlichkeit.
  8. Mit Unfreundlichkeit geben.

Hinweise:

  1. Die Würde des Armen muss stets geachtet werden.
  2. Anderen zu helfen, sich selbst zu helfen, ist die erste und höchste Stufe der Zedaka.[1]

Anderen zu helfen, sich selbst zu helfen – das kann bedeuten, jemandem Arbeit zu geben, sodass sie fortan selbständig ihr Leben bestreiten kann. Es kann aber auch bedeuten, einen entscheidenden Hinweis oder Ratschlag zu geben, mit dem sich die bedrängte Person dann in eine bessere Situation bringen kann: Ezzes.

Nur: wann sind Ezzes hilfreich und wann nicht? Wann würde ich sie annehmen und wann nicht?

Der Schlüssel liegt im „sich SELBST zu helfen“. Es geht darum, den eigenen Weg zu finden, die eigenen Ziele zu verwirklichen, die zu einem selbst passen. Weiß die Person, die den Ratschlag gibt, was man selber vorhat, was einem wichtig ist und was nicht? Die einer Sache zugrunde liegenden Absichten sind nicht immer so klar nach außen ersichtlich. Ich mache etwas, jemand sieht es und denkt sich „Oh, das ist großartig, das kann nur bedeuten, dass das Ziel X sein muss!“ Also gibt diese Person einen sehr guten Rat in Richtung X. Aber es kann eben sein, dass eigentlich Y wichtiger für mich ist. Dann werde ich die Ezzes nicht annehmen – obwohl sie wirklich gut sind.

Wegen genau dieser Dynamik liebe ich Fragen. Mit Fragen kann man seinem Gegenüber helfen, sich selber besser zu durchforschen und die eigenen Absichten und Gefühle ans Tageslicht zu bringen. „Was ist dir wichtiger, A oder B?“ „Hast du ein Ziel damit?“ „Wie fühlst du dich bei L oder M?“ Dadurch kann die beratende Person bessere Ezzes geben – wenn sie überhaupt noch nötig sind.

Ich sehe schon, das wird der abstrakteste Blogpost, den ich jemals geschrieben habe. Das liegt daran, dass ich eine konkrete Sache im Kopf habe, die sehr aktuell ist, über die ich aber eigentlich noch nicht reden will. Und zwar wegen einem anderen Umstand, der eine Rolle spielt beim Ezzes annehmen: Dem Zeitpunkt.

Manchmal ist die Zeit noch nicht reif. Manchmal ist die Person, die den Rat gibt, in Gedanken schon bei einem Punkt, den die annehmende Person emotional und in ihrer Erfahrungswelt noch nicht erreicht hat. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ Diese Behauptung des Künstlers Francis Picabia mag Positives oder Negatives bedeuten, jedenfalls hilft sie mir im Umgang mit Ratschlägen. Es kann sein, dass ein Hinweis zu einem Zeitpunkt überhaupt nicht passt – ich kann aber später nochmal darauf zurückkommen, wenn ich das Gefühl habe, jetzt kann ich ihn annehmen. Manche Ratschläge werden auch einfach nicht gleich gebraucht. Sie bleiben im Ohr, im Hinterkopf, bis dann der Zeitpunkt da ist und ich weiß: Das ist die Situation, die gemeint war, und jetzt ist es ein verdammt guter Rat, auf den ich besser höre.

Beim Ezzes annehmen höre ich so gut ich kann auf mein Bauchgefühl. Aber es gibt Umstände, unter denen selbst das Bauchgefühl getrübt sein kann. Ich hatte lange Zeit die Einstellung, ich müsste immer den schwierigen Weg gehen, der mir Angst macht. Keine Ahnung, warum – es war, als müsste ich mich abhärten und auf das Schlimmste vorbereiten, ohne überhaupt zu wissen, was das Schlimmste eigentlich konkret sein soll und warum ich mich ausgerechnet jetzt darauf einstellen muss. Und allein musste ich sein, immer allein, wenn es schwierig wurde. Diese Einstellung hätte mich einmal fast davon abgehalten, in einer sehr hässlichen Lebenssituation eine gute, bequeme Wohnmöglichkeit anzunehmen – bloß weil das zu einfach schien und ich damit Hilfe annahm. Das war aber auch schon die einzige Gelegenheit in meinem Leben, in der mein Bauchgefühl kein guter Ratgeber war.

Ezzes sind vielleicht auch verbunden mit dem Gefühl des Stolzes. Es kann einen auf gute Weise stolz machen, wenn man einen guten Rat gegeben hat und jemandem wirklich helfen konnte. Sofort fällt mir ein, dass Ezzes anzunehmen auch bedeuten kann, seinen eigenen Stolz zu schlucken – aber dürfte es einen nicht eigentlich stolz machen, dass man reif genug ist, sich nicht für die einzige kluge Person auf der Welt zu halten und nicht mit dem Anspruch zu überfordern, alle guten Ideen alleine haben zu müssen?

Soweit mein Gedankenstreifzug zum Thema Ezzes. Wie sind eure Erfahrungen damit, Ratschläge anzunehmen? Schreibt mir einen Kommentar!

 

 

[1] http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/schawuoth/ruth.htm

2 Kommentare zu „Ezzes annehmen“

    1. Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich sehr darüber, vor allem, weil ich mir dadurch weniger Druck mache, in Ruhe die Fehler machen kann, die man am Anfang einer Sache zwangsläufig macht, und auch gleich etwas Erfolg genießen kann.

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