„Wir in Österreich“ und „die Juden“

Der Donaukanal bei Nacht.
Der Donaukanal bei Nacht. (c) Sarah Egger 2019

Es war gestern, gestern Vormittag. Ich hatte ein schönes Gespräch mit einem Professor, für den ich einmal gearbeitet habe, und genoss am Nachhauseweg den Frühlingsanbruch mit seinem gleißenden Sonnenschein, der sich auf der grünen Wasseroberfläche des Donaukanals brach.

In der Umgebung unserer Wohnung gibt es drei orthodoxe Synagogen. Wenn sich der Schabbat mit den Schwingen der Dunkelheit über das Viertel legt, wird alles ruhig und feierlich. Männer mit Strejml, Frauen mit Perücken und viele kleine Jeschiwe-Bocherim, die sich auf ihren Tretrollern mächtig cool vorkommen, bestimmen unser Stadtbild.

So war auch gestern wieder ein orthodoxer Bub unterwegs; er kam mir von weitem entgegen, als ich in die Gasse einbog, die zu unserem Zuhause führt. Auch auf unserer Straßenseite ging eine Frau, schon über den mittleren Jahren, mit blondiertem Kurzhaarschnitt und äquatorialem Umfang. Als der Junge sich auf ihrer Höhe an der Mauer entlangpressen wollte, schrie sie ihn auf einmal laut an und er hielt wie vom Blitz gerührt an. Ich wollte wissen, was los war und eilte näher, um folgende Konversation mitzuerleben.

Die Frau, sehr laut und überdeutlich: „WO IST DIE U-BAHN?!“

Der Junge schweigt und fragt sich wohl, was da über ihn gekommen ist.

Die Frau: „SPRICHST DU DEUTSCH?! WO IST DIE U-BAHN?!“

Der Junge, leise und eingeschüchtert, aber in einwandfreiem Deutsch: „Ich weiß es leider nicht, ich kenne mich nicht aus.“

Ich komme dazu, wünsche ihm Chag Purim Sameach, um ihm zu bedeuten, dass ich eine Insrige bin und jetzt übernehme, und wende mich der Frau zu. In ziemlich normaler Lautstärke erklärt sie mir, dass sie die U1 sucht, und ich beschreibe ihr den Weg. Als ich an ihr vorbei bin, keift sie auf einmal los: „Ich wusste nicht, dass die Juden bei uns kein Deutsch sprechen!“

Ich drehe mich auf dem Absatz um und sage: „Ich spreche sehr wohl Deutsch, und ich bin auch jüdisch!“. Dann wirble ich herum und hoffe, dass sie noch lange an meinen blonden Haaren zu kauen hat.

Die Szene beschäftigt mich noch lange. Sie ist nur einer von etlichen Vorfällen, die ich in den letzten Monaten auf offener Straße mitbekommen habe, wo Menschen lautstark Beschwerde gegen andere Menschen erhoben haben: Muslimas, „Kanaken“, Jüd_innen. Ich bemerke, dass ich die Frau zwar angefaucht habe, aber das, was mir eigentlich weh getan hat, das ist mir im Hals stecken geblieben.

Sie hat gesagt „bei uns“ und „die Juden“. Als ob wir zu dem „bei uns“ nicht dazugehören würden. Das erlebe ich immer wieder, dass Leute, die nichtjüdisch sind, eine Trennlinie ziehen zwischen Österreicher_innen und Jüd_innen. Manchmal projizieren Leute das sogar auf uns, sie unterstellen uns, dass wir Israel gegenüber loyaler wären als Österreich und eigentlich eher „dorthin“ gehören würden. Aber der IKG-Präsident spricht voller Stolz von der österreichischen jüdischen Gemeinde, davon, dass Österreich ein gutes Land für Jüd_innen ist, und dass er sich Wachstum und Zuzug wünscht. Nie würde ihm einfallen, die jüdische Gemeinde hier nur als Durchzugsort für die Enddestination Israel zu sehen. Ein Gebet für den österreichischen Staat ist sogar fixer Bestandteil unserer Liturgie, sowohl in der liberalen Synagoge als auch im Stadttempel. So was habe ich in einem christlichen Gottesdienst noch nie gehört.

Mich schmerzt, wenn ich mit Leuten konfrontiert bin, die mich als Österreicherin nicht ernst nehmen. Als ob die prächtige Wachau mit ihren fruchtbaren Weinbergen, der geheimnisvolle Dunkelsteiner Wald, Wien, die barocke Schmuckschatulle, und die freiwilde grüne Donau nicht auch zu mir gehören würden und ich zu ihnen. Als ob sie mich nicht auch geprägt hätten. Als ob ich nicht auch in schwärmerisch-romantischen Begriffen von unserem Österreich sprechen könnte wie jede taufscheinkatholische Stammtischnostalgikerin. Als ob ich nicht nach einem längeren Auslandsaufenthalt froh wäre, heimzukommen, in die Stadt, in der ich genau weiß, welcher ihrer vielen Orte und Szenen zu welcher meiner Stimmungen passt.

Ich finde Patriotismus befremdlich, wenn er darin mündet, dass man ein Land für besser hält als das andere. Österreich ist mir deshalb wichtig, weil ich da aufgewachsen und verwurzelt bin, nicht weil es das beste Land überhaupt wäre. Fragwürdig patriotische Gefühle habe ich eigentlich nur für den siebten und zweiten Wiener Gemeindebezirk, die finde ich tatsächlich besser als viele andere Bezirke. Aber auch wenn ich dem Begriff und den Konnotationen von Patriotismus skeptisch gegenüberstehe, will ich mir mein Österreichischsein nicht absprechen lassen, nur weil Leute ohne jede Erfahrung meinen, es verträgt sich nicht mit meinem Jüdischsein.

Ein Gedanke zu „„Wir in Österreich“ und „die Juden““

  1. Danke für diesen Text.
    Vielleicht ist Dummheit das, was in uns Menschen am leichtesten wächst, war mein erster Gedanke. Seitdem habe ich Manches erlebt, auch mich gefragt, K, reagierst auch du nicht manchmal, wie diese U-Bahn-Fragerin?
    Ich fand ein „ja“ in mir, und schauderte. Mir fällt es schwer, anzuhören, was Populisten in vielen Ecken dieser Welt, auch im deutschen Bundestag sagen und darüber nachzudenken. Ich versuche das jeden Tag. Ja, ich habe blinde Flecken.
    Wieder haben wir in in unserer bunten Sabbatrunde über deinen Text diskutiert, den ich vorgelesen. U hatte viele Fragen, auch weil er noch nie Menschen gesehen hat, die auf der Straße z.B. einen Strejml tragen. Wie auch? Einmal sah ich den Rabbiner damit in einer Einkaufsstraße.
    Den ersten Streml, die ersten schwarzen Hüte mit Schläfenlocken sah ich in London, da war ich zehn und hatte Fragen, manche beantwortete meine Mutter. Nach dem Urlaub gingen wir in die Bücherei.
    U´s Opa – zehn Jahre älter nur als ich, war Neonazi, nahm seine Tochter, zehn Jahre mit zur Friedhofsschändung, zeigte dich als Hecht …
    Froh bin ich. Auch andere Wege können wachsen.

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